Kultur 50 Zeilen Pop: Klavierstunde mit Chilly Gonzales
„Technisches Können ist wichtig, aber mindestens ebenso wichtig ist es, auch Spaß zu haben“; sagt Chilly Gonzales, der früher schlicht Jason Charles Beck hieß. Der 46-jährige Kanadier, der schon lange in Deutschland (inzwischen in Köln) lebt und zunächst als wild-anarchischer und sehr lauter Elektro-Rap-Musiker die Berliner Clubszene aufwirbelte, veröffentlicht heute sein drittes Album, das seine stillere Seite zeigt: den klassisch geschulten Pianisten. Das Musikstudium sei ihm schwer gefallen, sagt Gonzales rückblickend: „Ich wollte inspiriert und herausgefordert, nicht unterrichtet werden“. „Solo Piano III“ heißt das neue Album des Mannes, der in seiner frühen Berliner Zeit sein Geld auch eine Weile zunächst als Hotelpianist verdient hatte, und es enthält ganz pure Musik. Die Videos dazu zeigen – in Schwarzweiß - lediglich Gonzales’ Hände am Klavier: Einladungen zur inneren Einkehr, wie auch die Kompositionen, die mal „Pretenderness“ heißen und melancholisch ausfallen, mal „Chico“ und sanft, tänzerisch und verspielt klingen. Philip Glass ist sicher eine Assoziation, aber auch Yann Tiersen. Gonzales sieht sich selbst wiederum in der romantischen Tradition, der vom Ersten Weltkrieg ein unzeitgemäßes Ende bereitet worden sei, und nennt Gabriel Fauré seinen Lieblingskomponisten. Fingerspiele sind seine Stücke im Prinzip. Klassikenthusiasten werden vielleicht weniger begeistert sein, doch schlägt der im Club- und Partykosmos gefeierte Gonzales, der live stets im Seidenbademantel auftritt, eine schöne Brücke zwischen U- und E-Musik. Allerdings soll mit dem Album, das auch von einer Filmbiografie mit dem schönen Titel „Shut Up And Play The Piano“ (ab 20. September im Kino) begleitet wird, sein Klassikabenteuer wieder beendet sein.