Kultur 50 Zeilen Nachlese: Geheimnis und Sprache
Der 1924 geborene James Arthur Baldwin ist einer der bedeutendsten schwarzen Autoren der USA. Nobelpreisträgerin Toni Morrison meinte einmal, er habe der amerikanischen Sprache ihre bösen Geheimnisse entrissen und sie mit Eleganz neu geformt. Als Schuhputzboy verließ er Harlem und ging nach Frankreich, wo er hochgeehrt als Ritter der französischen Ehrenlegion im Dezember 1987 starb. Er schrieb immer über das, was er erlebte. „Go Tell It On The Mountain“, sein erster Roman von 1953, ist die Geschichte seiner Jugend und der frühen Erfahrung einer Stigmatisierung als Schwuler und Schwarzer. Jetzt ist dieser Klassiker der US-Literatur in neuer deutscher Übersetzung von Miriam Mandelkow unter dem Titel „Von dieser Welt“ (dtv, 320 Seiten, 22 Euro) erschienen. Darin regiert der bigotte Laienprediger Gabriel Grimes mit Strenge und Brutalität seine Familie. Aber sein 14-jähriger Stiefsohn John, unschwer als Baldwin selbst zu erkennen, lehnt sich gegen ihn auf, schließlich auch Gabriels Schwester, Tante Florence. Nur die Mutter, Elizabeth, fristet ihr trauriges Dasein als Dulderin, während der Haustyrann sich ausgerechnet den missratenen Gassenjungen Roy als Liebling auserkoren hat. Die dramatische Handlung schwankt zwischen religiöser Erweckung und rassistischer Unterdrückung. Ein Glanzstück, wie ein Erweckungsgottesdienst mit seinen Gesängen und Schreianfällen geschildert wird, seinen herausgeweinten Selbstbezichtigungen und Gewissensnöten. Im letzten Kapitel erlebt John dann in einer Art Trance Verzweiflung, Erlösung und Verzückung als eine innere, seelische Reinigung. Trotzdem bleibt Bitternis. „Die Welt ist nicht weiß. Sie war nie weiß. Weiß ist eine Metapher für Macht“, sagte Baldwin später.