Gesellschaft RHEINPFALZ Plus Artikel Überall Misstrauen: Woher kommt das?

 Problem Krankenhaus
Problem Krankenhaus

Ein Drittel der deutschen Bevölkerung vertraut der Demokratie nicht mehr, die Jungen fühlen sich nicht vertreten von der Politik. Anita Blasberg hat ein Buch darüber geschrieben. Ausgangspunkt ist die Vertrauenskrise ihrer eigenen Mutter.

Was man so liest, kämpft Karl Lauterbach jetzt für seine angekündigte Reform des Krankenhauswesens – gegen Misstrauenswindmühlen. Selbst schuld. Die versprochene „Revolution“ ist eine Revision. Der Bundesgesundheitsminister hat sie mit notwendig gemacht, als einer derjenigen, die die sogenannte Fallpauschale in den Krankenhäusern forciert haben. Jetzt soll sie schleichend wieder abgeschafft werden. Die Zustände im Gesundheitswesen sind böse virulent. Sie haben einen fatalen, gesellschaftlichen Vertrauensniedergang angetrieben, der systemsprengend wirken kann. Nachzulesen in einem im besten Sinn aufklärerischen Buch der „Zeit“-Journalistin Anita Blasberg. „Verlust“ heißt diese tiefenbohrende Analyse. Sie zeigt, ohne es direkt anzusprechen, warum Lauterbachs Windmühlenkampf symbolisch für die Entwicklung gelten kann.

Ohne Vertrauen, stellte der genialische, Anfang der Sechzigerjahre an der Speyerer Verwaltungshochschule tätige Soziologe Niklas Luhmann (1927-1998) einmal fest, könne der moderne Mensch das Bett gar nicht verlassen. In Deutschland aber hat fast jeder Dritte, so Anita Blasbergs Faktenlage, das Vertrauen in die Demokratie verloren. 75 Prozent misstrauen politischen Parteien. 84 Prozent der unter-26-Jährigen fühlt sich von der Regierung im Stich gelassen. Welche Statistik man hernimmt, alle illustrieren eine erhebliche Erosion. Was das bedeutet, ist kaum zu ermessen.

Für die 45-jährige Blasberg war es ein Satz ihrer Mutter, der sie auf die Spur des Phänomens brachte: „Ich glaube an fast gar nichts mehr.“ Und das von einer Frau, die sich immer als Mitte der Gesellschaft empfand. Hausbesitzerin, Sekretärin, politisch interessiert, ihr Lebtag ein Ehrenamt, Helmut-Schmidt-Fan, Leserin, faktenzugewandt, bleibend AfD-fremd. Jetzt plötzlich ließ sie sich auch in der Hochphase der Pandemie nicht impfen. Kündigte ihr „Spiegel“-Abonnement. Las Blogs. Quittierte Zugehörigkeiten. Wie konnte es dazu kommen? Die Antwort füllt Anita Blasbergs Buch.

Vier Tage lang hat sie mit ihrer Mutter geredet. Vom Wohnzimmer aus ist sie dann aufgebrochen zu Menschen, die den Wandel begleitet haben, an dessen Ende ihre Mutter nichts mehr glaubte.

Irrsinn Stuttgart 21 und die Folgen

Sie war bei dem Musiker Daniel Kartmann, der 2010 eher durch Zufall in eine Kundgebung gegen den neuen Stuttgarter Bahnhof geriet und durch den unrechtmäßigen Einsatz von Wasserwerfern schwer verletzt wurde. 70 Prozent der Stuttgarter hatten sich damals gegen den Bahnhof ausgesprochen, den inzwischen auch der Pfälzer Bahnchef Richard Lutz nicht mehr bauen würden. Die Crux war, dass das Projekt von der Politik auf Teufel komm raus zum Lackmustest deutscher Handlungsfähigkeit ausgerufen worden war. Blasberg hat auch mit dem Erfinder der Schuldenbremse gesprochen. Und einer Stadtkämmerin, die mit dem dadurch verursachten Investitionsstau mangelwirtschaften muss. Sie zeichnet die Folgen einer, von der Ölindustrie finanzierten, Kampagne gegen einen Klimaforscher nach.

Die Treuhand und die Leute, ein Riesenschaden

Ein anderer Handlungsträger von Blasbergs Verlusterzählung ist Richard J. Flohr, ein Rekordverkäufer der Treuhand, die nach der Wende 10.000 ostdeutsche Betriebe privatisierte, kontrolliert von 23 Leuten der Innenrevision. Zum Schluss waren 330 Milliarden Mark Miese und ein Schaden von 26 Milliarden Mark durch Wendekriminalität aufgelaufen. Von ehemals 4,1 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern der Betriebe blieben 1,5 Millionen übrig. Autorin Blasberg lässt auch Menschen wie die Bauzeichnerin Gabriele Gebhardt und den ehemaligen Maurer Kalle Weniger ihre Geschichte erzählen. Beide aus Halle, beide nach der Wende arbeitslos. Richard J. Flohr, damals gerade mal 30, hat die Betriebe, in denen sie früher gearbeitet haben, an Westfirmen verkauft.

„In der DDR hatten wir nichts zu sagen. Und heute auch nicht“, lautet Gabriele Gebhardts resigniertes Fazit heute. So weitet Blasberg den Blick von unten nach oben und Jahrzehnte zurück. Ein induktives Verfahren, um zu erfahren, warum die Hälfte aller Befragten einer Studie inzwischen wie ihre Mutter glaubt, der Politik seien die Bürgerinnen und Bürger egal. 90 Prozent der Bevölkerung meint, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt zurückgegangen ist.

Für den Verlust von Vertrauen, schreibt die studierte Soziologin, seien Kipppunkte verantwortlich, einzelne Ereignisse, die nicht zu rechtfertigen sind. Die nicht mehr integriert werden können. Und doch zu gravierend sind, um sie zu ignorieren, wie die Finanzkrise 2008, die an der Börse 23 Billionen Dollar vernichtet und die deutschen Steuerzahler allein 70 Milliarden Euro gekostet hat, um die Banken zu retten. Aber am Ende waren die, die den Crash verursacht hatten, reicher, während alle anderen für ihn die astronomischen Schulden zahlten. Hier Not, da Boni, nicht verwunderlich, dass die Allgemeinheit ins Grübeln kommt, wenn dem einen Prozent der sehr Reichen 35 Prozent des gesamten privaten Vermögens in Deutschland gehören. Die wachsende Ungleichheit, noch so ein Grund, wie Anita Blasberg argumentiert, warum das Vertrauen der Deutschen in Demokratie und Staat erodiert.

Ein Unternehmensberater als Rollenmodell

In den Nullerjahren, schreibt Blasberg über einen der Unterströme unserer gegenwärtigen Misstrauensgesellschaft, stieg der Unternehmensberater Roland Berger zum unangefochtenen „Rollenmodell Nummer eins“ auf. Eindringlich schildert sie, wie in Sabine Christiansens wirkmächtiger, zwischen 1998 und 2007 gesendeter Talkshow Sonntagabend für Sonntagabend das Primat der Wirtschaft als alternativlos propagiert und beklagt wurde, dass Deutschland nicht wie eine Firma funktioniert. 2005 wurde Hartz IV Gesetz. In „Verlust“ wird noch einmal erzählt, wie der damalige SPD-Bundestagsfraktionsvorsitzende Franz Müntefering für Kanzler Schröder die Reihen schloss – gegen erhebliche Widerstände.

Im Windschatten der sogenannten Agenda 2010 jedenfalls fanden sich viele abgehängt. Eine Geschichte, die sich jetzt beim Bürgergeld zu wiederholen droht. In der „Bild“ erschienen zahllose Geschichten über „Florida-Rolf“, der sich sein Arbeitslosengeld II ins Ausland schicken ließ. Gesetze wurden daraufhin öffentlichkeitswirksam geändert. Davon betroffen gewesen sind, ist bei Anita Blasberg nachzulesen, knapp mehr als 900 Menschen. Gemeint aber von der vorauseilenden Misstrauensvermutung konnten sich im Prinzip alle Zahlungsempfänger fühlen. Der damalige Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sprach von ihrer „spätrömischen Dekadenz“.

Was Anita Blasberg eindrucksvoll gelingt, ist ideologische Narrative im Nachhinein mit dem Tatsächlichen zu konfrontieren. Sie zeigt, wie daraus Verlustabrieb entstand. In realiter nämlich, berichtet ihr so ein irgendwann angewidert ausgestiegener Investmentbanker der Deutschen Bank, hätten sich seine Kollegen in der Hochphase ihrer krummen Geschäfte die Tomatensuppe zum Lunch aus London einfliegen lassen. Von wegen Dekadenz. „Da war Verachtung für alles, das jenseits unserer Welt war“, erzählt er. Gleichzeitig schildert ihr der ehemalige Mannheimer Bundestagsabgeordnete Gerhard Schick (Grüne), wie er damals – vergeblich – versucht hat, Verbündete für seinen Kampf gegen das offensichtliche Leerdrehen der Finanzwirtschaft und ihrer Lobby zu finden. Heute betreibt der promovierte Volkswirt mit Freunden in Berlin den Verein Finanzwende. „Damit die Finanzwirtschaft den Menschen dient“, lautet sein Credo.

Der etwas andere Finanzlobbyist Gerhard Schick

Schick begreift sich jetzt auch als Finanzlobbyist, „aber keiner für die Industrie, sondern für die Verbraucher“. Derweil ist die Ärztin Charlotte Nick, Anita Blasbergs Kronzeugin für die Misstrauen auslösenden Zustände im Krankenhauswesen, ins Wendland gezogen, für eine einjährige Auszeit. Mit ihr zu Wort kommt auch ihr Ex-Oberchef, Bernard große Broermann, der Großmogul unter den Klinikbetreibern und Gründer des Asklepios-Konzerns, der Nicks staatliches Krankenhaus in Hamburg St. Georg gekauft hat.

Von den 1000 Kliniken, die sich 1991 noch in öffentlicher Hand befanden, als Teil der staatlich garantierten Daseinsvorsorge, waren 2020 mehr als die Hälfte privatisiert. Dazu die Fallpauschale. Die Ärztin Nick musste miterleben, wie Krankenhauspatienten zur Kundschaft mutierten.

Bauspeichelentzündungen und Herzinsuffizienzen: sehr gut. Ein Harnweginfekt? Eher lästig. Wenig lukrativ, kein Gewinnbringer. So kühl kalkulierend lief das nämlich, seit die Behandlung von Blinddarmentzündungen nach den gleichen Gesetzen wie der Gebrauchtwagenvertrieb stattfand – marktgerecht. 70 Prozent der Chefärzte an deutschen Kliniken, zitiert Blasberg in ihrem argumentativen, erzählerisch aufwühlenden Werk, sorgten sich jetzt in einer Studie der Uni Duisburg – um das Wohl ihrer eigenen Patienten.

Was hilft noch? Die ganz großen Kehren

Zwischen 2008 und 2014 verließen 20.000 Ärzte das Land. Pflegekräfte klagen über unmenschliche Arbeitsverdichtung. „Die mit Herzblut gingen als Erstes. Danach alle, die nicht mehr konnten“, sagt Charlotte Nick über die Fluchtbewegung aus Resignation.

Sie selbst hat lange durchgehalten, Jahre, eine Idealistin mit schlechtem Gewissen, wenn sie Apparate mit der Gebrauchsanweisung in der Hand anschloss, die nicht zu ihrem Fachbereich gehörten. Dann hat auch sie kapituliert und gekündigt. Das Vermögen des Krankenhaus-Moguls Bernard große Broermann war derweil auf geschätzte fünf Milliarden Euro angewachsen. Was zieht man daraus für Lehren? Anita Blasberg schlägt unter anderem vor, das Diktat der Rentabilität zu beenden, wie Karl Lauterbach das mit seiner Einhegung der Fallpauschale mutmaßlich vorhat. Ließe sich die Daseinsvorsorge nicht wieder „re-verstaatlichen“?

„Könnte man sich nicht auch eine Welt vorstellen, in der Fortschritt in Vertrauen und Nachhaltigkeit gemessen wird?“, denkt sie laut nach. Nicht ganz so heftig wie Ulrike Herrmann in ihrem vielbeachteten Sachbuch „Das Ende des Kapitalismus“. Wohin man in der historischen Situation jetzt schaut, helfen offensichtlich nur noch rigorose Kehren. Muss man nicht jetzt gleich die Macht der Lobbygruppen im Land beschneiden, fragt Blasberg. Politiker, schreibt sie, sollten, um Vertrauen zurückzugewinnen, sich auf ihren eigentlichen Souverän besinnen, die Bürgerinnen und Bürger. Das sei ein „entscheidender Schritt“ wie der – noch ein Tipp für Lauterbach – seine Fehler mit allen Konsequenzen einzugestehen.

„Vier Tage lang haben wir nichts anderes gemacht, als zu reden“, heißt es im Schlussabsatz von Blasbergs erhellendem Erfahrungsbericht. „Jetzt sind wir uns so nah wie schon lange nicht mehr. Mit Reden, denke ich plötzlich, müssten wir anfangen.“

Lesezeichen

Anita Blasberg: „Der Verlust. Warum nicht nur meiner Mutter das Vertrauen in unser Land abhanden kam“; Rowohlt, Hamburg; 400 Seiten, 23 Euro.

Reden hilft: Autorin Anita Blasberg.
Reden hilft: Autorin Anita Blasberg.
Protestieren immer noch vergeblich: Gegner des milliardenschweren Bahnprojekts Stuttgart 21 2022 in Ulm.
Protestieren immer noch vergeblich: Gegner des milliardenschweren Bahnprojekts Stuttgart 21 2022 in Ulm.
Hat viele enttäuscht: Skandalbehörde Treuhandanstalt.
Hat viele enttäuscht: Skandalbehörde Treuhandanstalt.
Schulden hier, Boni da: Vetrauenskiller Finanzkrise 2008.
Schulden hier, Boni da: Vetrauenskiller Finanzkrise 2008.
x