1. FC Kaiserslautern
Emotionaler Abschied des krebskranken Georg Koch: Tag der besonderen Momente
Es ist das Einfache, was Georg Koch in seinem Leben erfüllt. Der 52 Jahre alte frühere Bundesliga-Torwart meidet noch heute die Welt der Schickeria. Koch ist ein Mensch, der die Schlichtheit schätzt. Am Samstag wurde es da emotional, wo alles begann. Koch verabschiedete sich auf dem Sportplatz des VfR Marienfeld von seinen Freunden, seinen Wegbegleitern. In Marienfeld ist Koch groß geworden, dort begann er mit dem Fußballspielen. Er wohnt heute wieder dort, einen Steinwurf entfernt vom Sportgelände.
Die Kinder stützen ihn
Es ist 14.28 Uhr an diesem Samstag. Georg Koch kommt mit seiner Lebensgefährtin Daniela und seinen Kindern Emma (18) und Max (16). Der kurze Weg von seinem Haus zum Sportplatz ist beschwerlich für ihn. Koch, ein Bär von Mann, wird von seinen Kindern gestützt. Das Gehen fällt ihm schwer. Er zieht das linke Bein leicht nach. „Ich habe mir viele Tabletten eingeworfen, damit ich den Tag überstehe“, sagt Koch dieser Zeitung später. Seine Krankheit hat ihn gezeichnet.
Im April 2023 bekommt Georg Koch die niederschmetternde Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs. „Man wird plötzlich aus dem Leben gerissen, in nur drei Sätzen“, sagt Koch. Er behält die Diagnose erst einmal für sich. Die Ärzte sagen Koch, dass er noch sechs Monate zu leben habe. Es sind nun 18 Monate geworden. Georg Koch war ein Kämpfer und ist es immer noch. „Für mich stand damals fest: Aufgeben gibt es nicht für mich“, sagt er in einem Interview. Doch der Familienvater weiß: Diesen Kampf wird er nicht gewinnen.
Medikamente aus den USA
Koch lernt mit der unheilbaren Krankheit, im Grunde mit seinem Todesurteil, zu leben. Er bekommt von einem Professor einen Ratschlag, es mit Medikamenten aus den USA zu versuchen. Diese sind in Deutschland nicht zugelassen, daher muss sie Koch privat bezahlen. „Das kostet mich zwar ein paar Mark, aber deshalb lebe ich noch“, sagt er.
Am Samstag bei der von ihm organisierten Benefizveranstaltung spricht er vor der Partie zu den 1600 gekommenen Menschen. Er dankt ihnen, dass sie die Aktion für den guten Zweck unterstützen. Die Erlöse gehen an die Elterninitiative krebskranker Kinder St. Augustin. Das ist ein Herzenswunsch von Koch. Er hat die unschuldigen „Würmchen“ im Krankenhaus gesehen, als er seine Chemotherapie bekam. „Ich habe alles erlebt. Die kranken Kinder haben noch gar nichts gesehen. Sie waren wahrscheinlich nicht einmal im Urlaub mit ihren Eltern, weil sie nur auf den Stationen lagen. Das hat mich total bewegt“, erzählt Koch.
Ein großes Herz
Das ist eben Georg Koch. Ihm liegt sehr viel daran, dass es anderen Menschen gut geht. „Es geht nicht um mich“, betont er am Samstag wieder: „Es geht um die Kinder und ihr Leid.“ Georg Koch ist ein Mensch mit einem großen Herzen. Das sagen an diesem Tag unisono Friedhelm Funkel, der Grandseigneur der deutschen Fußball-Trainer, Stefan Engels, früherer Nationalspieler und auch Markus Anfang, aktueller Coach des 1. FC Kaiserslautern. Anfang und Koch verbindet eine besondere Freundschaft. Anfang kennt Koch seit seinem 16. Lebensjahr. Seit dieser Zeit sind sie Freunde. Anfang ist der Patenonkel von Emma Koch. „Wir sind zusammen groß geworden“, sagt Koch: „Unsere Verbundenheit und Freundschaft ist etwas Besonderes, wie eine endlose Ehe.“
Wie emotional beide miteinander verbunden sind, wird an diesem Samstag offenkundig. Als Koch gegen 15.20 Uhr, gestützt von seinen Kindern, zum Mittelkreis auf den Platz schreitet, um den symbolischen Anstoß zum Benefizspiel zwischen der AH des VfR Marienfeld und der Traditionself von Fortuna Düsseldorf und später einem Georg-Koch-All-Star-Team auszuführen, kullern bei Markus Anfang die Tränen. Er muss sich diese mit dem Trikot aus den Augen wischen. Anfang weiß, dass die Zeit seines Freundes begrenzt ist. In diesem Moment tönt „An Tagen wie diesen“ von den Toten Hosen, der Lieblingsgruppe von Georg Koch, aus den Boxen. „An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit. An Tagen wie diesen haben wir noch ewig Zeit, wünsch’ ich mir Unendlichkeit“, lautet der Refrain dieses Liedes.
Funkel bewundert Koch
Es ist aber die Endlichkeit, die die Gegenwart bestimmt. An sie denkt Koch in diesen Augenblicken nicht. Er spricht nicht über seine Krankheit. „Wir haben vor diesem Spiel häufiger telefoniert“, sagt Funkel: „Es ging nie um die Krankheit. Ich bewundere die Kraft, die Georg hat, um das verdrängen zu können.“ „Der Tag bedeutet mir sehr viel“, sagt Koch: „Was wir in knapp drei Wochen aufgebaut haben, das erfüllt uns mit Stolz. Denn es geht um meinen Heimatverein und um die Kinderkrebsklinik.“
Diese Selbstlosigkeit ist es, die die Menschen, die Freunde von Georg Koch so an ihm schätzen. „Meine Einstellung in meinem Leben war es, Menschen zu helfen“, sagt Koch: „Wenn ich die Jungs ins Herz geschlossen habe, dann gebe ich mein letztes Hemd. Ich kann aber auch anders. Entweder man liebt mich oder man hasst mich.“ Kochs Ehrlichkeit ist es, die ihn so beliebt macht. „Er ist ein Typ“, sagt Funkel.
Diesen Typen Georg Koch schließen die Fans des 1. FC Kaiserslautern schnell in ihre Herzen. Koch kam 2000 von PSV Eindhoven zum FCK – und blieb bis 2003. „Das sind super Menschen dort“, sagt Koch am Samstag: „Sie begegneten mir immer freundlich. Sie haben mich mit ihrer Art mitgenommen. Die Menschen in Kaiserslautern tragen einen“, erzählt Koch.
Aus Donnersbergkreis angereist
Wenige Augenblicke, bevor Koch diese Sätze am Samstag sagt, bittet ihn ein FCK-Fan um ein Autogramm. Mario Presser ist extra aus Unkenbach im Donnersbergkreis nach Marienfeld gefahren, um Georg Koch noch einmal zu sehen. „Wir haben dich in der Westkurve gefeiert, es war immer Gänsehaut-Atmosphäre“, sagt Presser, seit Kindesbeinen FCK-Fan, zu Koch. Koch herzt Presser und bedankt sich bei ihm, dass er gekommen ist.
Einer dieser vielen Momente an diesem Tag. „Das Leben besteht aus vielen Momenten, Momenten, die wir schaffen, an die wir uns erinnern. Der Tag hier und heute ist so ein Moment, wir treffen alte Bekannte, Freunde und erzählen alte Geschichten, das sind auch Momente“, sagt er. Anfang und Koch spielten in fünf Vereinen zusammen: in Leverkusen, Düsseldorf, Kaiserslautern, Cottbus und Duisburg. Anfang könnte viele Anekdoten an diesem Samstag erzählen, doch ihm geht die Sache nahe. Denn er weiß, ein trauriger Moment wird bald kommen. Wann, das weiß niemand.
