1. FC Kaiserslautern
Eine Saison ohne Störfeuer und Heckenschützen
Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Thomas Hengen, der Geschäftsführer des 1. FC Kaiserslautern, feuerte vor den Relegationsspielen Marco Antwerpen. Der hatte den FCK vor dem totalen Absturz in die Regionalliga gerettet, in der darauffolgenden Saison aber den sicheren Aufstiegsplatz auf der Zielgeraden doch noch verspielt. Die Rückkehr in die Zweite Bundesliga über die beiden Relegationsspiele gegen Dynamo Dresden glückte Dirk Schuster. Ihn hatte Hengen geholt – weil die Entwicklung damals nach unten zeigte. Die Entwicklungskurve des FCK im letzten Drittel der Zweitliga-Saison verlief ebenso abwärts. Nach der Hinrunde stand der FCK auf dem vierten Tabellenplatz. Zum Saisonabschluss ist der Klub Neunter. Für Hengen ist das keinerlei Grund, Dirk Schuster freizustellen – trotz der lauter werdenden Kritik am Spielstil und der jüngsten Darbietungen der Mannschaft. „Wir reden hier über eine Tendenz. Die Fans honorieren, was wir leisten. Das hat man wieder gegen Düsseldorf gesehen. Der Zusammenhalt zwischen Mannschaft und Fans ist enorm. Das schätzen wir sehr“, sagt Hengen. Schuster stünde überhaupt nicht zur Disposition.
Schuster ist der richtige Mann
Dirk Schuster ist jedenfalls nach langer Zeit ein Trainer, der eine komplette Saison beim FCK überstanden hat. Der 55 Jahre alte Fußball-Lehrer hat sportlich für Stabilität, Ruhe und Kontinuität gesorgt. 45 Punkte erreichte der FCK. So gut war in den vergangenen vier Jahren kein Aufsteiger mehr. Und dennoch murrt ein Teil des schwierigen Umfelds rund um den Betzenberg. Schuster ließe zu defensiv spielen, wechsele falsch aus, baue zu sehr auf dieselben Akteure und scheue das Risiko, so lauten pauschal die Vorwürfe.
Ist aber eine Saison, die ein Aufsteiger auf einem einstelligen Tabellenplatz beendet, deswegen mies? Lässt sich eine in der Summe erfolgreiche Runde so einfach schlechtreden? Die Mannschaft hat in der Hinserie über ihre Verhältnisse gespielt. Besonders die Siege in den letzten drei Hinrundenpartien – in Bielefeld, gegen Karlsruhe und in Düsseldorf – steigerten die Erwartungshaltung rund um den Betzenberg ganz erheblich.
Diese hat Schuster immer gedämpft. Er verlor auch nie seine Linie und wies immer wieder auf die 40-Punkte-Marke hin. Schuster hat mehrmals die Träumereien eines Bundesliga-Durchmarsches abgekanzelt. Er blieb realistisch.
Thomas Hengen ließ sich von dem Höhenflug ebenso nicht blenden. Auch er mahnte zu Demut und Zurückhaltung. Deshalb sagt Hengen nun: „Wir sind zufrieden mit der Saison.“ In den Kanon stimmen auch Kapitän Jean Zimmer und Stürmer Terrence Boyd ein. „Es war eine positive Saison, aber anscheinend haben wir zum Ende hin nicht immer 100 Prozent, sondern nur 98 abgerufen. Das reicht in dieser Liga nicht“, sagt Boyd.
Diese fehlenden Prozentpunkte riefen etwas häufiger die Gegner auf dem Betzenberg ab. Regensburg, Paderborn, Bielefeld, Rostock oder Düsseldorf zum Beispiel. Auf jenem „Betze“, der immer wieder als Mythos gehuldigt wird. „Wahnsinnsspiele“ wie gegen den 1. FC Heidenheim, den Hamburger SV oder Darmstadt 98 sind nicht der Alltag. Solche Partien, die den Betzenberg zum Beben bringen und für Ekstase sorgen, können aber künftig Ansporn und möglicherweise auch Maßstab werden.
Nach der Niederlage gegen Düsseldorf am Sonntag bedankten sich die Spieler bei den Fans und Zuschauern mit einem Banner, auf dem stand: „Ihr seid der Mythos Betzenberg – danke“. Das Stadion war nicht immer Bastion, er war auch Hemmschuh. „Wer auf den Betze kommt, will besser spielen und uns etwas vermiesen“, sagt Boyd. Aber, ergänzt der Angreifer, der Betzenberg sei auch ein Kessel, unter dessen Deckel mächtig Dampf herrsche. „Die Energie, die das Stadion mit seinen Fans hergibt, müssen wir in positive Energie umwandeln“, betont der 32 Jahre alte Boyd.
Zehn Punkte aus 15 Spielen
Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Es ist der Ansatz einer Erklärung dafür, warum der FCK nach dem Sieg gegen Kiel in der Rückrunde die Ergebnisse betreffend plötzlich so einbrach. Zehn magere Pünktchen aus 15 Spielen sind verheerend. Die Ursache dafür sollte das Trainerteam rasch herausfinden, denn Schuster, Boyd und Zimmer sprechen davon, dass die kommende Saison noch schwerer werden dürfte. Die Gründe für den Abwärtstrend müssen bis dahin aufgearbeitet sein. Noch einmal solch eine Rückrunde wird wohl nicht mehr so glimpflich enden. Das Umfeld wird außerdem nicht mehr so kulant sein.
Die Fans waren wahrhaftig geduldig und großzügig. Die Unterstützung war grandios, ja erstklassig. 40.490 Zuschauer kamen im Schnitt zu den Heimspielen in dieser Saison. Das ist Bestwert für den FCK in der Zweiten Bundesliga. Nur in den Bundesliga-Spielzeiten 1998/99 (41.058), 2010/11 (46.329) und 2011/12 (42.429) kamen im Schnitt mehr Zuschauer. Die Fans sammelten bundesweit mit ihren Choreographien Sympathiepunkte. Der Missbrauch mit dem Kartentausch und die Wildpinkler auf der überfüllten Westtribüne zwangen die FCK-Führung zu einem drastischen Schritt – der Sektorentrennung. Diese kam nicht bei allen Anhängern gut an. Sie war aber notwendig, betonte Hengen. Die Sicherheit der Zuschauer stehe an oberster Stelle und sei nicht diskutabel. Das Problem mit der überfüllten Westtribüne ist nicht neu. Es wird den FCK auch in der kommenden Saison begleiten. Der Verein muss mit den Fangruppierungen eine für beide Seiten tragfähige Lösung finden.
Die Mannschaft hat drei Wochen frei. Am 19. Juni geht es los mit der Vorbereitung auf die neue Saison. „Ich gehe davon aus, dass wir bis dahin auch den ein oder anderen neuen Spieler verpflichtet haben, sicher ist nichts“, sagt Hengen. Womöglich wird es ein zweites Kurz-Trainingslager in der Region geben. „Dann müssen wir von der Psyche her wieder den Hunger auf Siege entwickeln“, sagt Boyd.


