Südpfalz Biker-Nikoläuse cruisen durch Pfälzerwald für guten Zweck
Der Tag beginnt mit Kratzen. Der Samstagmorgen ist so frostig, dass ich zehn Minuten brauche, um mein Auto vom Eis zu befreien. Dabei will ich doch pünktlich in Waldhambach sein. Denn dort treffen sich die Chopperfreunde Südpfalz. Die motorisierte Ü60-Gruppe ist an diesem Tag auf weihnachtlicher Mission, um Kinder aus der Region zu unterstützen. Klirrende Kälte? Damit haben die Biker-Kumpels schon Erfahrung. Schließlich geht ihre „Niggolaus-Tour“ in diesem Jahr in die fünfte Runde. Ihr Rezept gegen Frostbrand beim Cruisen durch die winterlichen Orte am Pfälzerwald? „Wir tragen alle so vier bis fünf wärmende Schichten unterm Nikolauskostüm“, erzählt Achim Allmann.
Für den Musiklehrer aus Eschbach ist der Dezember der Freudenmonat schlechthin. Denn dann kann er gleich zweimal dazu beitragen, Menschen glücklich zu machen und etwas für den guten Zweck zu tun – er ist nämlich im Doppeleinsatz sowohl für die pfalzweit bekannten „Riding Santas“ als auch für die „Niggolaus-Tour“ der Chopperfreunde. Außerdem hatte er am Vortag auch noch Geburtstag. Und dieser wird zum Abschluss der Spendenfahrt am Abend beim Ilbesheimer Advent gleich mitgefeiert. Der nunmehr 67-Jährige sticht nicht nur wegen seines weißen Echthaar-Rauschebarts heraus, sondern auch wegen seines Choppers, der sich zwischen all den dunkel lackierten Harleys als güldener Suzuki-Kontrast präsentiert.
Harleys voller Lametta und Weihnachtsdeko
Kurz vor 10 Uhr knattert eine Harley Davidson nach der nächsten am Sportplatz in Waldhambach vor. Von rockiger Biker-Attitüde ist nun bei allen keine Spur mehr. Die Männer haben ihren Motorrädern funkelnde Weihnachtsgewänder übergezogen. Da glitzert das Lametta, da haben Spielzeug-Weihnachtsmänner auf dem Ledersitz Platz genommen, da blinken Chrom und Sternchen um die Wette. Und ein Motorrad wurde nahezu gänzlich von einem Plüsch-Rentier verschluckt. Mit Elvis-Timbre in der Stimme schmettert der Santa-Gehilfe inbrünstig Weihnachtshymnen und wird so den motorisierten Christmas-Lindwurm anführen. „Zwei fehlen noch“, ruft es von der Seite. Der Morgenfrost hatte einer Maschine so zugesetzt, dass sie zunächst nicht angesprungen war. Nun aber sind alle auf Betriebstemperatur, und es kann losgehen.
Erster Halt ist im Nachbarort Klingenmünster am Edeka-Markt. Dieser stellt wie mehrere andere Geschäfte zwischen Landau-Godramstein und Schwanheim das ganze Jahr über die Spendendosen der Chopperfreunde auf. Alles, was darin landet, und alles, was an diesem Tag an den verschiedenen Stationen gesammelt wird, geht an das Kinder- und Jugenddorf Maria Regina in Silz. Dort wird Kindern, die aus schwierigen familiären Situationen kommen, eine Heimat, Schutz, Gemeinschaft und Halt gegeben. Dieses war Ziel der „Riding Santas“ in den ersten zwei Jahren. Dann richteten diese ihr Engagement auf das Kinderhospiz in Dudenhofen. Den Chopperfreunden war es ein Herzensanliegen, die Silzer Einrichtung weiter zu besuchen und hiesige Kinder zu unterstützen. So entstand 2019 die Idee, eine eigene Spendentour auf die Beine zu stellen. Die siebenköpfige Truppe ist natürlich viel kleiner als die „Santas“, kann so aber auch kleine Waldgemeinden ansteuern, die die rund 40 Mann starke Truppe nicht anfahren könnte.
Spenden für Kinderdorf Silz
Vor dem Haupteingang des Kinderdorfs herrscht schon regen Treiben. Knapp 80 Kinder und Jugendliche leben in der Einrichtung, die von Ordensschwestern des Institut St. Dominikus in den 1960er-Jahren gegründet wurde. Viele von ihnen warten im Hof gespannt auf ihren Weihnachtsbesuch. Da hört man aus der Entfernung ein Hupen. Es wird lauter. Motore heulen auf. Und dann fahren die sehnsüchtig Erwarteten um die Ecke des Hauses. „Die Kinder freuen sich sehr über den Besuch“, weiß Leiter Janosch Armbrust, auch wenn er in diesem Jahr nicht vor Ort sein kann. Allein schon die Vorfahrt mit den geschmückten Motorrädern sei ein Highlight für diese. „Mit einem möglichen Spendenerlös würden wir gerne für unsere hausinterne Ergotherapie neue Lern- und Therapiespiele anschaffen“, berichtet er.
Für die Kleinen zählen in diesem Moment aber nur zwei andere Dinge: Schoko-Weihnachtsmänner und Zuckerstangen. Die Nikoläuse machen ihre Säcke auf und verteilen Süßen im Akkord. Ihre Versorgungszentrale fährt allerdings nicht auf zwei, sondern auf vier Rädern. Heike Frisch hat aus ihrem Auto ein knuffiges Rentier gemacht und Kofferraum und Rückbank mit Tüten voll Nascherei gefüllt, die die Chopperfreunde besorgt haben. Ein kleiner Knirps kommt auf sie zu und fragt mit großen Augen nach einer Zuckerstange. Auch ihr grünes Grinch-Kostüm kann ihn nicht schrecken. Der Kleine kennt die tollen Adventsbesucher schon. Denn es ist nicht das erste Weihnachten, das er in dem Kinderdorf verbringt.
Hände mittlerweile Eiszapfen
Nach rund 20 Minuten ist schon wieder Aufbruchstimmung. Denn an diesem Tag liegen noch viele Stationen auf dem Weg. In Gossersweiler-Stein etwa die Grundschule, vor der sich schon eine große Menschentraube versammelt hat und den roten Zweiradfahrern zuwinkt. In Annweiler cruisen die Nikoläuse standesgemäß vor dem riesigen Christbaum auf dem Marktplatz vor, um Klein und Groß zu erfreuen.
Nach dem vierten Stopp haben sich die Süßigkeiten verteilenden Hände zwar inzwischen in Eiszapfen verwandelt. Das Gesicht ist im Mund-Rauschebart-Bereich so verfroren, dass deutliche Aussprache schon schwerfällt. Aber im Endeffekt ist die klirrende Kälte den Nikoläusen egal – solange sie dafür allerorts in glückliche Kinderaugen blicken dürfen. Und dafür bietet sich an diesem Tag noch an sechs weiteren Stationen Gelegenheit.
