Fragen und Antworten RHEINPFALZ Plus Artikel Weichmacher im Kinder-Urin: BASF-Filter unter Verdacht

Sonnencreme schützt vor Sonnenbrand und vor Hautkrebs. Das Umweltbundesamt warnt davor, aus Sorge um Weichmacher auf Sonnenschut
Sonnencreme schützt vor Sonnenbrand und vor Hautkrebs. Das Umweltbundesamt warnt davor, aus Sorge um Weichmacher auf Sonnenschutzmittel zu verzichten. Sonnencreme schütze die Haut, ein Verzicht sei schädlich.

Ein Landesamt findet im Urin von Kindergartenkindern einen Stoff, der nicht dort hingehört. Das Umweltbundesamt ist alarmiert und findet die gesundheitsgefährdende Substanz auch bei Erwachsenen. Die Experten fahnden nun nach der Quelle. Dabei gerät die BASF in Verdacht. Was ist dran an den Vorwürfen?

Wann tauchten Auffälligkeiten auf?
Angefangen hat es im Herbst 2023 mit dem Landesamt für Natur Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) Nordrhein-Westfalen. Dort fanden die Experten in Urinproben von Kindergartenkindern eine Substanz, die dort nicht vorkommen sollte: Mono-n-hexyl-Phthalat, kurz MnHexP. Das Landesamt, das damit Ende Januar 2024 an die Öffentlichkeit ging, stellt fest: MnHexP kann als ein Abbauprodukt eines anderen Phthalates, Di-n-hexyl-Phthalat (DnHexP), im Körper entstehen. Jetzt gelte es zu bewerten, was die gemessenen Werte für die Gesundheit bedeuten und herauszufinden, woher das MnHexP kommt, forderte das Landesamt.

Was sind Phthalate?
Phthalate werden verschiedenen Produkten – etwa Kunststoffen – als Weichmacher zugesetzt, um ihnen bestimmte Eigenschaften zu verleihen. Von dort können sie freigesetzt und vom Menschen aufgenommen werden. Der Einsatz vieler Phthalate wird seit Jahren sehr stark eingeschränkt. Für diese Phthalate ist die Aufnahme durch die Bevölkerung rückläufig.

Wo liegt das Problem bei DnHexP?
Dieser Weichmacher gilt in der EU als besorgniserregender Stoff, da er die Fortpflanzungsfähigkeit des Menschen gefährden kann. DnHexP darf ohne Zulassung grundsätzlich nicht verwendet werden. Zulassungsanträge wurden laut Umweltbundesamt allerdings nicht gestellt. Wie also kommt ein Abbauprodukt von DnHexP in den Urin von Kindern?

Wieso wird in Nordrhein-Westfalen Kinderurin auf Phthalate untersucht?
Beim Lanuv läuft seit Jahren eine Studie, mit der Trends der Schadstoff-Belastung bei Kindern beobachtet werden können. In den nun untersuchten Proben aus den Jahren 2020/21 wurde MnHexP gefunden, und zwar häufiger und in höheren Konzentrationen als in Rückstellproben aus den Jahren 2017/18.

Die regelmäßigen Untersuchungen sieht das Landesamt auch als Frühwarnsystem. Und bei MnHexP schrillten die Alarmglocken. Das Lanuv schaltete das Umweltbundesamt ein.

Gibt es noch andere Phthalate in Kinderurin?
Der Nachweis von MnHexP im Urin bedeutet laut Lanuv nicht zwangsläufig, dass ein gesundheitliches Risiko besteht. Es können regelmäßig auch andere Phthalate bei einem hohen Anteil der untersuchten Kinder nachgewiesen werden, weit überwiegend mit Werten, die keinen Anlass zur gesundheitlichen Besorgnis geben. Das Lanuv konnte die Abbauprodukte von 18 verschiedenen Phthalaten in nahezu allen Urinproben der Kinder nachweisen.

Wie reagiert das Umweltbundesamt?
Die Bundesbehörde im Geschäftsbereich des Bundesumweltministeriums wurde schnell aktiv und sichtete erste Ergebnisse der eigenen gerade laufenden sechsten Deutschen Umweltstudie zur Gesundheit. Dabei werden Erwachsene unter anderem auf Umweltschadstoffe untersucht. Das Amt wird fündig: Erste vorläufige Ergebnisse aus der Studie zeigten, dass in 37 Prozent der bislang untersuchten Urinproben MnHexP nachweisbar sei, teilt das UBA Anfang Februar mit.

Das Umweltbundesamt (UBA) stellt aber auch klar: Allein der Nachweis von MnHexP im Körper deutet nicht zwangsläufig auf ein gesundheitliches Risiko hin. Wie die Substanz den Weg in den Körper von Menschen gefunden habe, sei „aktuell nicht bekannt“. Und: MnHexP könne als Abbauprodukt auch aus anderen Stoffen als dem problematischen Weichmacher DnHexP entstehen.

Was vermutet das Umweltbundesamt?
In der Bundesbehörde kommt bald ein Verdacht auf. Die UBA-Toxikologin Marike Kolossa-Gehring äußerte Anfang Februar: „In unseren ersten, sondierenden Analysen sehen wir einen Zusammenhang zwischen der Belastung mit MnHexP und Kosmetika, darunter insbesondere Sonnenschutzmitteln.“

Das Bundesumweltministerium fragt daraufhin bei den Ländern nach Daten zu Phthalatfunden, insbesondere auch DnHexP.

Was hat es mit dem Fund in Baden-Württemberg auf sich?
In Baden-Württemberg waren vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) des Landes in den Jahren 2020 bis 2023 etliche Kosmetika auf Phthalate, einschließlich DnHexP, untersucht worden. Nach der Anfrage aus Berlin hat das CVUA kurzfristig 57 Proben von Sonnenschutzmitteln unterschiedlicher Hersteller der vergangenen Jahre nachträglich auf den Weichmacher DnHexP hin untersucht. In 21 der 57 Proben konnte DnHexP nachgewiesen werden, in 36 Proben wurde der Weichmacher nicht gefunden.

Was hat das alles mit der BASF zu tun?
Ende Februar berichten erst die Tageszeitung „WAZ“ und dann der „Spiegel“ über ein Patent, in dem es um die Herstellung des UV-Filters DHHB (Diethylamino Hydroxybenzoyl Hexyl Benzoate) geht, der in Sonnenschutzmitteln eingesetzt wird. In dem Patent heißt es, dabei entstehe als Verunreinigung DnHexP. Und weiter: Der Gehalt an DnHexP sollte so niedrig wie möglich sein, weil diese Substanz giftig sei; sie könne die Fruchtbarkeit beeinträchtigen und möglicherweise schädliche Auswirkungen auf das ungeborene Kind haben. Angemeldet hat das Patent die BASF. Der „Spiegel“ schreibt: „BASF weiß offenbar seit Jahren von schädlicher Verunreinigung in Sonnencremes.“

Stellt die BASF überhaupt DHHB her?
In der Tat ist der Ludwigshafener Chemiekonzern einer der bedeutendsten Hersteller des UV-Filters DHHB – wenn auch nicht der einzige. Der Chemiekonzern produziert die Substanz unter dem Markennamen Uvinul A Plus in seinem Stammwerk in Ludwigshafen und in Kaohsiung in Taiwan. Die BASF ist nach eigenen Angaben „weltweit führender Hersteller von Inhaltsstoffen für Körperpflegeprodukte einschließlich UV-Filtern“. Uvinul A Plus ist laut BASF „einer der wenigen heute auf dem Markt erhältlichen photostabilen UVA-Filter“, der die gefährlichen UVA-Strahlen der Sonne zuverlässig filtere und einen hervorragenden Schutz vor freien Radikalen und Hautschäden bietet. Die Substanz sei schon „bei niedriger Konzentration hocheffizient“.

Was sagt die BASF zu den Vorwürfen?
Die BASF sei neben anderen Unternehmen ein Anbieter des UV-Filters DHHB für Sonnenschutzmittel, teilte der Chemiekonzern auf Anfrage mit. Bei dessen Herstellung könne DnHexP als Nebenkomponente in sehr geringen Konzentrationen entstehen. DnHexP könne zu MnHexP abgebaut werden, der Substanz, die in den Urinproben gemessen worden sei. Das Unternehmen weist aber zugleich auf die EU-Kosmetikverordnung hin, nach der die Anwesenheit minimaler Mengen von DnHexP dann erlaubt ist, wenn das bei guter technischer Herstellungspraxis nicht zu vermeiden ist und das Produkt bei bestimmungsgemäßer Anwendung sicher ist für die menschliche Gesundheit. Die BASF verweist auf eine erste Einschätzung der gesundheitlichen Wirkung der gefundenen Phthalate durch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) vom 23. Februar 2024.

Danach bewertet das Institut einen Gehalt von DnHexP von 0,3 Prozent in einem UV-Filter als sicher. Mögliche Mengen von DnHexP im DHHB der BASF lägen „signifikant unter“ dem Wert von 0,1 Prozent. Die BASF nehme ihre Verantwortung als Hersteller sehr ernst und vermarkte nur Produkte, die den Regularien sowie den strengen Kriterien für Qualität, Sicherheit und Gesundheit gerecht würden.

Was macht das Bundesinstitut für Risikobewertung?
Das BfR berät die Bundesregierung beispielsweise in Fragen der Lebensmittelsicherheit und des gesundheitlichen Verbraucherschutzes. Es bewertet gesundheitliche Risiken und erarbeitet Empfehlungen zur Risikobegrenzung.

Was sagt das BfR zu MnHexP?
Die in Urinproben nachgewiesenen Konzentrationen von MnHexP geben nach einer ersten, vorläufigen Bewertung des BfR keinen Anlass für eine erhöhte Besorgnis. Die Mengen bewegen sich demnach in einem Bereich, der auch bei anderen Phthalaten im Rahmen von Reihenuntersuchungen nachgewiesen wurde. MnHexP könne im Körper als Stoffwechselabbauprodukt aus verschiedenen Phthalaten entstehen. Die Ursache für die erhöhten MnHexP-Werte in den Urinproben von Erwachsenen und Kindern sei derzeit nicht geklärt. Nach der Quelle werde intensiv gesucht. Hierbei würden verschiedene Quellen „wie Sonnenschutzmittel oder andere Verbraucherprodukte“ diskutiert.

Das BfR hat sogar bewertet, ob ein Sonnenschutzmittel ein gesundheitliches Risiko darstellen könnte, das einen potenziell mit DnHexP verunreinigten UV-Filter enthält. Nach derzeitigem Stand des Wissens, so das BfR, seien gesundheitliche Beeinträchtigungen durch die Verwendung derart verunreinigter Mittel sehr unwahrscheinlich. Bislang lägen dem Bundesinstitut allerdings keine belastbaren Informationen vor, dass kosmetische Mittel, die UV-Filter enthalten, tatsächlich in relevanten Größenordnungen mit Stoffen verunreinigt sind, die zur Bildung von MnHexP führen könnten.

Das BfR stellt aber auch fest, wegen der fortpflanzungsschädlichen Eigenschaften sowohl von MnHexP als auch seiner möglichen Ausgangsstoffe seien diese im menschlichen Körper unerwünscht. Ihre Aufnahme sollte so weit wie möglich reduziert werden. Daher sei es wichtig herauszufinden, wie diese Stoffe in den Körper gelangten.

Gibt es weitere interessante Ergebnisse?
In der bereits erwähnten Untersuchung des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamts (CVUA) Baden-Württemberg konnte in 40 von 57 Sonnenschutzmittel-Proben der UV-Filter DHHB mit einem Anteil von 1 bis 10 Prozent nachgewiesen werden. Aber nur in der Hälfte dieser DHHB-positiven Proben, so das Amt auf Nachfrage, sei auch DnHexP nachweisbar gewesen. DnHexP wurde dabei in Konzentrationen von 0,00003 bis 0,016 Prozent gemessen. In der anderen Hälfte der Proben ist zwar DHHB zu finden, aber kein DnHexP. Das BfR stellt fest, dass bei Sonnenschutzmitteln eine gesundheitliche Beeinträchtigung unwahrscheinlich ist, wenn sie nicht mehr als 10 Prozent eines UV-Filters enthalten, der mit bis zu 0,3 Prozent DnHexP verunreinigt ist.

Kommt das Phthalat im Urin von Kindern und Erwachsenen jetzt überhaupt vom UV-Filter der BASF?
Das behauptet keiner der an den Untersuchungen beteiligten Behörden. Nach der Quelle für das MnHexP wird weiter gesucht. Die Hälfte der bisher untersuchten Sonnenschutzmittel mit DHHB enthält überhaupt nicht die mögliche Vorläufersubstanz DnHexP. Und MnHexP kann auch aus anderen Substanzen entstehen. Selbst wenn das DHHB aus BASF-Produktion den Vorläufer DnHexP in der von der BASF angegebenen Konzentration enthalten würde, wären gesundheitliche Beeinträchtigungen nach den bislang geltenden Sicherheitsregeln und der Einschätzung des BfR „sehr unwahrscheinlich“.

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