SÜW RHEINPFALZ Plus Artikel Corona und Krebs: Forschungslamas finden Altersruhesitz in Südpfalz

Lamas bilden ganz besondere Antikörper. Ebenso wie Haie, aber die sind für Wissenschaftler etwas unhandlich.
Lamas bilden ganz besondere Antikörper. Ebenso wie Haie, aber die sind für Wissenschaftler etwas unhandlich.

Vier Jahre standen sie in Belgien im Dienste der Wissenschaft. Nun finden vier Lamas des Pharma-Riesen Sanofi in Waldhambach ihren Altersruhesitz. Im Blut der Zotteltiere verbirgt sich etwas Winziges, auf das Forscher riesige Hoffnung setzen.

Seit vergangenem Jahr betätigt sich eine Herde der Pfalz-Lamas in Waldhambach als tierische Rasenmäher. Es ist das erste Beweidungsprojekt mit den Kameliden in Rheinland-Pfalz. Bald werden die acht Zotteltiere neue Mitbewohner bekommen. Denn vier Lamas aus Belgien werden auf der Weide einziehen. Und dieses Quartett ist etwas ganz Besonderes. „Wir bekommen Corona-Lamas“, kommentiert Lama-Papa Rudolf Klotz. Die Tiere waren nämlich in den vergangenen vier Jahren der Forschung unterstellt. Der französische Pharmakonzern Sanofi forscht schon länger mit Lamas und Alpakas, denn deren Blut hat ganz besondere Eigenschaften.

Mit 43 Milliarden Euro Umsatz und 100.000 Beschäftigten ist Sanofi weltweit einer der Größten in der Pharmaindustrie. Und der Platzhirsch verfügt über mehr als 500 Patente im Zusammenhang mit sogenannten Nanobodies. So werden die winzigen Wunderwirker genannt, die aus dem Blut der Lamas gewonnen werden. 1989 entdeckte einer Gruppe Brüsseler Studenten durch Zufall eine Besonderheit in Dromedarblut. Dies löste eine Innovationswelle in der Medizinforschung aus, die besonders in der Corona-Pandemie ungeahnte Höhen annahm. Könnten Lamas der Schlüssel zur Bekämpfung von Covid-19 sein?

Mini-Antikörper mit großer Wirkung

Im Gegensatz zum Menschen können Lamas zwei Arten von Antikörpern bilden. Der eine Typus ähnelt dem menschlichen. Der andere aber ist nur ein Zehntel so groß wie sonst in der Natur üblich und passt somit nahezu überall hindurch. Den Gencode für die Miniatur-Antikörper teilen sich Lamas mit allen Kameliden, also auch Alpakas, Guanakos oder Dromedaren. Haie haben die winzigen Antikörper übrigens auch. Aber mit denen hätten es die Forscher wohl nicht ganz so leicht wie mit den zutraulichen Südamerikanern.

Für die Herstellung der Nanobodies wird dem Lama das Antigen in geringer Dosis injiziert – vergleichbar einer Impfung. In den nächsten Wochen produziert das Tier dann Antikörper. Dann muss der Vierbeiner eine kleine Menge Blut spenden. Aus den darin enthaltenen Antikörpern können im Labor Nanobodies massenproduziert werden. Diese können aufgrund ihrer Winzigkeit nicht nur schwierige Krankheitsziele im menschlichen Körper erreichen, die bisher als unzugänglich galten. Sie können in einer Art Baukastensystem auch so kombiniert werden, dass sie mehrere Ziele gleichzeitig angreifen – etwa mehrere Stellen eines Tumors. Bislang ist aber erst ein Nanobody-Medikament zugelassen, alle anderen müssen noch in klinischen Studien auf ihre Wirksamkeit getestet werden.

Lamas als Hoffnungsträger der Corona-Forschung

Auch wenn mit den Lamas schon seit 2016 geforscht wurde, bekam das Thema während der Corona-Pandemie neuen Aufwind. Denn die Wissenschaftler hatten entdeckt, dass der Lama-Antikörper auch das Sars-CoV-2-Virus neutralisieren kann. Seitdem forschen weltweit Arbeitsgruppen an Nanokörpern gegen Corona. Diese haben sogar schon ihr Potenzial gezeigt, neue Varianten des Virus ausschalten zu können. Ein Medikament ist bislang allerdings noch nicht auf dem Markt.

In der Corona-Forschung gelten die Lama-Antikörper als Hoffnungsträger.
In der Corona-Forschung gelten die Lama-Antikörper als Hoffnungsträger.

Sanofi will die neue Entdeckung bei der Suche nach Arzneimitteln nicht nur gegen Covid-19, sondern auch gegen Immunkrankheiten, Krebs und seltene Blutkrankheiten nutzen, wie Konzernsprecherin Monika Erdmann auf Anfrage der RHEINPFALZ berichtet. Einzelheiten über die Forschungslamas gebe Sanofi zwar generell nicht heraus. Aber das Unternehmen möchte, „dass ihnen nach der Zeit, in der sie der Forschung gedient haben, eine schöne Zukunft ermöglicht wird“. Dafür sei ein Adoptionsprogramm ins Leben gerufen worden, so Erdmann. Lama-Papa Rudolf Klotz freut sich schon auf seine Neuzugänge. Nach den letzten Gesundheitschecks sollten sie im April ankommen, schätzt er.

Einer von sechs Vorzeigebetrieben in Deutschland

Aber wie kam der Pharma-Riese überhaupt auf den Südpfälzer Betrieb als Pate für den Lebensabend der Tiere? Rudolf Klotz zählt mit seinen knapp 50 Tieren mittlerweile zu einem der angesehensten Lama-Haltern in Deutschland. Von ganz oben bestätigt. Denn seit 2020 sind die Pfalz-Lamas Teil eines Projekts im Auftrag der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Deutschlandweit wurden sechs Lama-Betriebe dafür ausgewählt. Den Wissenschaftspart übernimmt die Uni Gießen, mit der wiederum Sanofi zusammenarbeitet. So kam eins zum anderen.

In dem Projekt, das Ende Mai endet, geht es darum, ein Gesundheitsmanagement für Betriebe mit Neuweltkameliden zu entwickeln. Denn besonders seit 2010 gab es einen enormen Zuwachs von Alpakas und Lamas in Deutschland, wie eine Umfrage der Uni ergab. Sowohl in landwirtschaftlichen Betrieben als auch in Hobbyhaltungen. Damit das Tierwohl aufgrund von Unwissenheit nicht leidet, will das Bundeslandwirtschaftsministerium für Halter einen Tiergesundheitsplan erstellen lassen. Zudem soll es Lern- und Lehrmaterialien für Online-Kurse und Präsenzveranstaltungen geben.

Standort in Bad Bergzabern aufgegeben

Die Blaupause für die Hygiene- und Haltungsregeln lieferten Betriebe, in denen es gut läuft – wie die Pfalz-Lamas, die mittlerweile Standorte in Völkersweiler, Annweiler und Waldhambach haben. Die Weide auf dem Liebfrauenberg in Bad Bergzabern hat Rudolf Klotz vor rund einem halben Jahr aufgegeben, weil die Zusammenarbeit dort nicht so passte. Währen des Projektzeitraums seien immer wieder Studenten und Wissenschaftler der Uni Gießen in der Südpfalz vorbeigekommen, um die Haltungsbedingungen bei den Pfalz-Lamas zu erfassen und auszuwerten. Am 4. Mai wird die Uni zum Projektabschluss nach Annweiler kommen.

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