Panorama RHEINPFALZ Plus Artikel Wie es einem Piloten im Lockdown erging

Der A380, das größte Passagierflugzeug der Welt.
Der A380, das größte Passagierflugzeug der Welt.

Christian Gunhold flog einst den A380, das größte Passagierflugzeug der Welt. Dann kam die Pandemie und er blieb am Boden. Bald hebt Gunhold wieder ab. Ein Interview.

Herr Gunhold, Sie sind als Pilot der Lufthansa von 2010 bis 2020 das größte Passagierflugzeug der Welt geflogen, den A380. Dann kam die Corona-Pandemie, und die Lufthansa hat den A380 ausrangiert. Können Sie sich noch an Ihren letzten Flug erinnern?
Mein letzter Flug mit dem A380 war im März 2020 ein Flug nach Miami. Es war eine bedrückende Zeit. Irgendwie wusste jeder: Es wird sich was ändern. Wir wussten nicht, in welchem Ausmaß, aber wir haben die kommende Veränderung gespürt. Im April 2020 habe ich noch einen Repatriierungsflug nach Neu-Delhi übernommen.

Sie haben gestrandete Urlauber zurück nach Deutschland geholt?
Genau. Erst wurde die A380-Flotte stillgelegt, das heißt, sie wurde Ende März zunächst komplett an den Boden geholt. Dann war klar: Wir brauchen die Flotte für die Repatriierungsflüge. Wir konnten vor Ort nicht übernachten, das hieß, wir fliegen hin und zurück in einem Rutsch. Somit war es eine 18-Stunden-Schicht. Das ist sehr untypisch auf einem Langstreckenflug. Wir sind an Bord geblieben und mit vier Piloten geflogen. Normal wären auf diesem Flug zwei Piloten. Uns war da schon klar: Das ist erst mal der letzte Flug auf dem A380.

Wie war die Stimmung an Bord?
Wir wurden gut auf den Flug vorbereitet. Die Menschen waren teilweise tagelang am Flughafen unter widrigen Bedingungen. Als die Passagiere endlich an Bord gehen konnten, waren viele von diesen Erlebnissen gezeichnet. Wir Piloten wussten, wofür wir diese Flüge machen. Die Menschen haben sich beim Einsteigen ganz oft bedankt. Vor Ort war eine Aufbruchstimmung – in Wirklichkeit war es das Gegenteil. Ein Aufbruch in den Stillstand, in den Lockdown. Es war klar, wir machen jetzt alles dicht.

Der Luftraum war also leer auf dem Rückflug?
Ob jetzt weniger oder mehr Flugzeuge am Himmel sind, kann man als Pilot nicht sagen. In diesen Funksektoren, in denen wir fliegen, sind immer ähnlich viele Flugzeuge unterwegs. Was vielleicht auf diesem Flug anders war, dass wir bei einem Fluglotsen länger als normal üblich auf einer Frequenz waren.

Mit welchem Gefühl sind Sie nach dem Flug nach Hause gekommen?
Ich bin mit dem Auto nach Hause gefahren, und es war eine sehr nachdenkliche Fahrt. Ich habe mich gefragt: Was kommt jetzt auf uns zu? Als Mitarbeiter der Lufthansa habe ich natürlich auch die Medienberichte über die Lufthansa verfolgt. Keiner wusste dabei so richtig, wie es für uns weitergeht.

Seit wann arbeiten Sie für die Lufthansa?
Ich habe im Januar 2001 die Ausbildung bei der Lufthansa begonnen. Ab Mitte 2004 bin ich im Linienbetrieb auf der Mittelstrecke geflogen, dann drei Jahre später auf die Langstrecke gewechselt und bin dann den Airbus A340 geflogen. Im Mai 2010 war die Einflottung vom A380, und im Juni 2010 war ich glücklicherweise im zweiten Lehrgang dabei. Einer der ersten Linienflüge ging damals für mich nach Tokio. Als A380-Pilot bin ich das gesamte Streckennetz geflogen: Nordamerika, Westküste, Florida, Asien, China, Korea und Südafrika, Johannesburg.

Hatten Sie eine Lieblingsstrecke?
Ja, Johannesburg und in die USA. Aber ich fliege tatsächlich gerne über Afrika. Es ist eine besondere Art des Fliegens. Das Wetter ist anspruchsvoll, man fliegt über Länder, die man sonst nicht sieht. In Europa und den USA ist alles sehr koordiniert, in Afrika ist es irgendwie anders und man arbeitet flexibler.

War der A380 ein Traum von Ihnen?
Jeder Pilot wollte damals den A380 fliegen. Bei meinem Werdegang hat es mit meinen Erfahrungen gepasst. Auch von den Vorgaben der Behörden her: Das Luftfahrtbundesamt hat vorgeschrieben, dass man schon Erfahrungen mit viermotorigen Flugzeugen haben muss, um den 380 zu fliegen. Bei mir hat alles gepasst und ich konnte mich bewerben. Der A380 ist ein Eyecatcher und jeder hat mich darauf angesprochen – das war toll.

Werden Sie als Pilot oft bewundert?
Fliegen ist nicht nur für Außenstehende, sondern auch für mich immer noch eine Faszination. Ich fühle mich glücklich, diesen Beruf ausüben zu dürfen, und wenn ich gefragt werde, dann freue ich mich auch, darüber erzählen zu können und die Faszination zu teilen.

Wie war das für Sie, als Sie dann plötzlich nicht mehr fliegen konnten?
Ich bin privat immer viel unterwegs und unterrichte auch Flugschüler. Als das wieder möglich war, habe ich das sofort wieder gemacht. In der Phase des Lockdowns habe ich in Teststationen ausgeholfen und Corona-Tests durchgeführt.

Ein A380-Pilot arbeitet im Corona-Testzentrum?
Ja, genau. Ich habe diese Abstriche und Schnelltests gemacht. In Österreich, wo ich aktuell wohne, gab es Aufrufe, und alle Freiwilligen konnten sich melden. Ich hatte Zeit und wollte helfen. Für mich war das eine sinnvolle Möglichkeit.

Hatten Sie keine Angst vor einer Ansteckung?
Nein. Ich war nicht der Einzige, der Abstriche genommen hat und es gab ausreichend Schutzausrüstung und Hygienevorschriften, an die wir uns gehalten haben. Es war für mich eine ungewohnte Situation – keine Frage. Aber erst mal war die Fliegerei hintangestellt.

Sie müssen im Cockpit einen kühlen Kopf behalten. Half Ihnen das bei den Abstrichen im Testzentrum?
Piloten sollen sachlich und emotionslos die Situationen bewerten, das hilft natürlich auch in anderen Extremsituationen, wie in einem Testzentrum. Wir Piloten müssen aus den Informationen und Fakten, die wir haben, Entscheidungen treffen und das mache ich im Beruf und auch im Privaten.

Haben Sie in den vergangenen zwei Jahren überlegt, komplett umzuschulen? Manche Piloten arbeiten jetzt als Lokführer ...
Ich glaube, das mit den Lokführern war ein Angebot für Piloten in der Schweiz. Aber für mich war das keine Option. Ich hatte so viel Vertrauen in die Lufthansa, dass es da irgendwie weitergeht. Die Lufthansa war und ist ein zuverlässiger Arbeitgeber, und ich war sicher, dass sich die Situation lösen wird und ich wieder gebraucht werde.

Sie waren vor der Pandemie auf der Welt zu Hause und plötzlich standen Sie jeden Tag im Testzentrum. Wie hat sich das angefühlt?
Das war eine Umstellung. Auf der anderen Seite habe ich die Zeit gut genutzt und mich mehr um meine Familie kümmern können. Die vielen Fragen im Freundes- und Bekanntenkreis nach meiner beruflichen Zukunft waren etwas ungewohnt und nervig, weil diese Fragen oft gestellt wurden. Es wusste wirklich keiner, wie es für uns A380-Piloten weitergeht. Was mir guttat: Ich habe Verwandte in den USA, und wann immer es irgendwie ging, bin ich in die USA geflogen.

Der A380 wurde komplett aus dem Streckennetz der Lufthansa genommen. Konnten Sie sich verabschieden?
Die Flotte konnte sich an einem Abend in der Technikhalle von dem Flugzeug verabschieden. Da stand ein A380, wir als Crew kamen in Uniform, es gab ein Gruppenbild, wir konnten uns mit Kollegen austauschen. Damals wusste niemand von uns, wie es für uns weitergeht. Das war nach zehn Jahren auf so einem besonderen Flieger ein wehmütiges Gefühl. Unsere anderen Flugzeuge sind auch schön, nur eben anders. Der A380 ist ein besonderes Flugzeug.

In den Medien wird immer wieder über ein Comeback vom A380 für die Lufthansa gemunkelt.
Als Pilot würde ich mir den A380 natürlich wünschen, obwohl ich gerade umschule und den A380 so nicht mehr fliegen würde. Aber ich würde mich freuen. Nur: Stand jetzt kommt der A380 nicht mehr zurück.

Sie befinden sich jetzt aktuell in der Umschulung?
Ich habe mich nach München versetzen lassen und dort die Möglichkeit, mich auf den A350 umschulen zu lassen. Das Flugzeug ist zwar deutlich kleiner als der A380, aber doch ein großes Flugzeug und technisch betrachtet die nächste und nachhaltigere Generation nach dem A380. Das reizt mich und macht es für mich interessant: Diese technische Weiterentwicklung vom A380 auf den A350 mitzunehmen.

Welche Route werden Sie künftig fliegen?
Ich fliege wieder Langstrecke, und da der A350 mit wenigen Ausnahmen das einzige Langstreckenflugzeug in München ist, werde ich wieder das gesamte Streckennetz fliegen. Wieder so vielfältig wie vorher mit dem A380.

Wie ist Ihr Zeitplan für die nächsten Wochen?
Ich habe aktuell meine Umschulung begonnen und werde die Ausbildung demnächst abschließen. Ich freue mich, dass ich durch die Buchungsnachfrage jetzt wieder mehr gebraucht werde und damit auch wieder mehr fliegen darf.

Während der Pandemie haben viele Menschen im eigenen Land Urlaub gemacht. Die Grünen sind Teil der Ampel-Koalition, viele reden von Flugscham – ist das goldene Zeitalter der Fliegerei vorbei?
Die Leute sind jetzt nach zwei Jahren Pandemie hungrig nach Reisen. Die Buchungen bei uns ziehen jetzt an, auch im Hinblick auf den bevorstehenden Sommer. Wir wünschen uns natürlich, dass der Trend anhält. Aktuell gehen in unserem Buchungssystem alle Pfeile nach oben. Zudem hat die Lufthansa gerade ihre Flotte modernisiert, und die neuen Flugzeuge sparen deutlich CO2-Emissionen ein. Der A380 war zum Beispiel noch als vierstrahliges Flugzeug unterwegs und hat damit viel mehr Emissionen verbraucht als die A350-Flotte, auf die ich gerade umschule.

Wenn Sie jetzt bald wieder regelmäßig fliegen: Worauf freuen Sie sich am meisten?
Ich freue mich wieder auf das Verreisen-Gefühl. Wenn ich mit meiner Karte zum Dienst einchecke und weiß: Jetzt geht es wieder irgendwo hin. Wir bringen die Fluggäste an ihr Ziel. Ich freue mich, Passagiere zu fliegen. Ich freue mich auf Asien, auf Singapur und auf andere Klimazonen.

Christian Gunhold.
Christian Gunhold.
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