Fragen und Antworten
BASF-Unternehmen bei H2-Pipeline dabei
Das Vorhaben klingt nicht nur ehrgeizig, es ist auch anspruchsvoll und groß: Eine Million Tonnen grüner, also mit regenerativer Energie gewonnener Wasserstoff (H2) sollen jedes Jahr vor der deutschen Nordseeküste produziert werden und via Pipelines an Land zur Verfügung stehen. Kann diese Vision Wirklichkeit werden?
Welche Größenordnung hat das Projekt?
Die von Aquaventus angestrebte Menge H2 entspricht exakt jener, die der weltgrößte Chemiekonzern BASF pro Jahr verbraucht – weltweit. Ein Viertel davon wird allein im Stammwerk in Ludwigshafen benötigt. Das zeigt: Der Bedarf an Wasserstoff ist bereits hoch, und er wird noch wesentlich höher werden.
Wer steht hinter dem Vorhaben?
Hinter dem Projekt in der Nordsee steht ein Förderverein, eine internationale Initiative aus derzeit knapp 80 Unternehmen und Forschungseinrichtungen der Energiebranche. Dem Vorstand sitzt Jörg Singer vor, Bürgermeister von Helgoland. Mitglieder im Vorstand sind unter anderem Christoph von dem Bussche, Geschäftsführer des Gasfernleitungsbetreibers Gascade, sowie Vertreter von Shell und der Erneuerbare-Energien-Töchter von RWE und Siemens Gamesa. Der Name des Vorhabens: Aquaventus.
Wo soll Aquaventus verwirklicht werden?
Es soll vor Helgoland verwirklicht werden, und die dortigen Behörden stehen ihm ausgesprochen positiv gegenüber. Denn auch die Insel hätte etwas davon, nämlich eine klimaneutrale Energieversorgung.
Welchen Bezug gibt es zur BASF?
Gascade ist ein Spezialist für Ferngasleitungen, und es ist kein Zufall, dass das Unternehmen an dem Projekt hohes Interesse zeigt. Denn die Expertise für den Bau und den Betrieb von Gashochdruckleitungen, die zugehörige Netzplanung und den Netzbetrieb wird für die Umsetzung der Vision Aquaventus einen wesentlichen Beitrag leisten. Mit dabei ist mittelbar auch die BASF: Gascade in Kassel ist eine Beteiligung von Wintershall Dea. An dem Öl- und Gaskonzern wiederum hält der Ludwigshafener Chemieriesen knapp 70 Prozent der Anteile – noch. Die Kasseler Beteiligung soll über die Börse veräußert werden. Der Börsengang wurde aber auf unbestimmte Zeit verschoben.
Was ist das Ziel?
Die breit aufgestellte Aquaventus-Initiative soll einen wesentlichen Beitrag zur nationalen und europäischen Wasserstoffstrategie leisten. Sie besteht aus mehreren Unterprojekten, die sich einzelnen Aspekten widmen. Gascade ist einer der nach eigener Aussage „führenden Partner“ im Unterprojekt Aquaductus. Dieses hat zum Ziel, den auf See produzierten Wasserstoff in einer Pipeline im Meer zu den Verbrauchszentren an Land zu transportieren. Das sei grundsätzlich eine „kosteneffiziente Lösung“. Denn die Aquaductus-Offshore-Pipeline biete „perspektivisch die Möglichkeit, an ein zukünftiges – auf Gasnetzen basierendes – Onshore-Wasserstoffnetz angeschlossen zu werden“. Da Gascade einer der wenigen Ferngasleitungsnetzbetreiber in Deutschland ist, besteht für das Unternehmen daran logischerweise ein hohes wirtschaftliches Interesse.
Wie weit gediehen ist das Projekt?
Derzeit steckt das Projekt Aquaductus noch in der Anfangsphase. Das bedeutet einem Sprecher zufolge, dass geprüft wird, ob eine Realisierung möglich ist.
Grundsätzlich sei der Transport von Wasserstoff für Gascade als Fernleitungsnetzbetreiber „ein interessantes und zukunftsgerichtetes Themenfeld“. Denn Projekte wie dieses unterstützten das Unternehmen dabei, „unser Know-how auch im Bereich Wasserstoff zu stärken“. Genau genommen wäre Aquaductus ein Pilotprojekt: die erste deutsche Offshore-Wasserstoff-Pipeline.
Wie wahrscheinlich ist es, dass das Projekt umgesetzt wird?
Zahlen zum Kostenrahmen oder auch zum finanziellen Engagement von Gascade sind derzeit nicht zu erfahren: Das Projekt sei noch im Anfangsstadium, begründet dies das Kasseler Unternehmen.
Einen Grund zur Freude gebe es allerdings: Aquaductus sei im Rahmen des IPCEI-Verfahrens vom Bundeswirtschaftsministerium ausgewählt worden und habe sich damit für die nächste Runde im Förderprozess qualifiziert. Das sei ein wichtiger Schritt für die Realisierung des Projektes, so der Gascade-Sprecher.
IPCEI ist die Abkürzung für Important Projects of Common European Interest: wichtige Projekte von übergeordneter Bedeutung für Europa. Der Fördertopf dafür ist milliardenschwer.
Wann könnte es losgehen mit der Realisierung?
Die Umsetzung des Aquaductus-Projektes erfolgt phasenweise. Eine erste Realisierungsstufe soll Gascade zufolge bis 2026 fertiggestellt sein. Die Endausbaustufe des Gesamtprojektes Aquaventus, zu dem auch die Errichtung von Windkraftanlagen und Elektrolyseuren im Meer sowie der Ausbau des Hafens von Helgoland gehören, solle 2035 erreicht werden.
Welchen Stellenwert hat das Projekt auf nationaler Ebene?
Laut der nationalen Wasserstoffstrategie Deutschlands sollen bis 2030 Erzeugungsanlagen für Wasserstoff mit der Gesamtleistung von fünf Gigawatt entstehen, bis 2035 nach Möglichkeit mit einer Gesamtleistung von zehn Gigawatt. Das Aquaventus Projekt hätte in der Endstufe eine Leistung von zehn Gigawatt und würde damit das selbst gesteckte Ziel der Bundesrepublik erfüllen. Die Energiemenge einer Million Tonnen Wasserstoff entspricht in etwa dem jährlichen Stromverbrauch von rund 11 Millionen Haushalten mit jeweils drei Personen, die in einem Mehrfamilienhaus leben.
Stichwort
Gascade
Gascade ist ein Fernleitungsnetzbetreiber mit Sitz in Kassel. Sein Netz verbindet fünf europäische Länder miteinander. Gascade ist einer der drei Ferngasleitungsbetreiber unter dem Dach der Wiga Gruppe, die ebenfalls in Kassel angesiedelt ist. Die Wiga Transport Beteiligungs-GmbH & Co. KG ist ein Gemeinschaftsunternehmen der Wintershall Dea AG, Kassel und Hamburg, sowie der russischen Pao Gazprom. Wintershall Dea ging 2019 aus der Fusion der Wintershall Holding GmbH und der DEA Deutsche Erdoel AG hervor.
Anteilseigner von Wintershall Dea sind die Ludwigshafener BASF und LetterOne, eine 2013 gegründete, international tätige Investment- und Beteiligungsgesellschaft mit Sitz in Luxemburg und Schwerpunkt im Öl- und Gasgeschäft. Haupteigentümer von LetterOne ist der russische Oligarch Michail Fridman. Die BASF hat angekündigt und zuletzt im Juni des laufenden Jahres bekräftigt, dass sie ihre Anteile an Wintershall Dea – mehr als zwei Drittel – verkaufen will. Ein geplanter Börsengang wurde verschoben.
