Neustadt
Usch Kiausch und Katharina Dück legen ein weiteres literarisches Gemeinschaftsprojekt vor
Wie viel vom Autor steckt in seinem Werk? Die nervigste Frage, die man einem Schriftsteller stellen kann, lässt sich bei „Petersburg/Detroit“ kaum umgehen. Denn hier „erzählen“ zwei lyrische Ichs in freirhythmischen „Gedichten“ von zwei Fernreisen – die eine nach Westen, die andere nach Osten –, die sie in ihrer Jugend unternommen haben, und zahlreiche Dokumente bis hin zu Reisefotos, Flugtickets, Originalbriefen und Highschool-Pässen belegen ganz unzweideutig, dass alles – irgendwie – einen autobiografischen Hintergrund hat. Tatsächlich verbrachte Usch Kiausch als gerade mal 18-Jährige in den 60ern ein Austauschjahr in Berkley, einer Arbeitervorstadt von Detroit, und Katharina Dück etwa im gleichen Alter 1999 ein paar Wochen in St. Petersburg. Doch damit nicht genug: Wie die Texte auch noch beweisen, waren beide Reisen für die Protagonistinnen Schlüsselerlebnisse, die in gewisser Weise die Weichen für ihr weiteres Leben stellten.
„A letter to my friends“ ist das erste Kurzkapitel in Usch Kiauschs „Detroit“ überschrieben, doch zunächst geht es darin um Ms. Marlett, die bei Niederschrift des Briefs gerade verstorbene Lehrerin für Creative Writing, die der jungen Austauschschülerin aus Deutschland in ihrem Highschool-Jahr gehörig auf den Zahn fühlte – und sie dann ermutigte, den Weg mit dem Schreiben weiterzubeschreiten, was die als freie Autorin, Journalistin, Übersetzerin schließlich auch tat. Außerdem erlaubt der Text auf berührende Weise den Blick auf ein über Jahrzehnte gepflegtes Freundschaftsnetzwerk, das in jenem Jahr entstand – mit einer unerwiderten Liebe und regem Briefwechsel auch später noch. Einige authentische Auszüge daraus finden sich auch im Buch, nur die Namen seien etwas verfremdet, so Kiausch.
Ökonomischer Abstieg hier, Run auf den schnellen Rubel da
Katharina Dück wiederum kam Ende der 90er Jahre über den vom Käthe-Kollwitz-Gymnasium organisierten Schüleraustausch für den Russisch-Kurs erstmals in die zweitgrößte Stadt Russland – und verliebte sich hier Hals über Kopf, ihre „erste große Liebe“, wie sie sagt, auch wenn sie es im nächsten Moment als „vielleicht etwas zu romantisch“ wieder zurücknimmt. Ihr Langgedicht, das deutlich subjektiver, lyrischer, hermetischer ausfällt als Kiauschs analytisch verdichteter „Detroit“-Text, bewahrt ganz die Perspektive dieser ersten Reise – zu verdanken den Tagebuchaufzeichnungen jener Zeit. Der hohe Ton zeigt sich schon im vollständigen Titel, der „Petersburg - in meiner erinnerung trägst du heiligenschein“ lautet. Noch bedeutsamer freilich als die – letztlich nur flüchtige – Romanze war für Dück die Liebe zur russischen Sprache und Literatur, die hier entscheidend beflügelt wurde und letztlich ihren weiteren Weg als Wissenschaftlerin beeinflusste.
Gestalterisch stehen beide Texte im Buch absolut gleichberechtigt nebeneinander – bis hin zum Umstand, dass beide je von einer Seite her lesbar sind und sich dann in der Mitte treffen. Aber auch inhaltlich gibt es erstaunliche Übereinstimmungen – vor allem im berauschenden Erlebnis der Großstadt und ihrer reichen kulturellen und popkulturellen Angebote, der beide Frauen schier überwältigt. Auch dass beide später noch mehrfach zurückkehrten – im Buch wird dies jeweils auf einmal verdichtet –, schafft eine Verbindung. Während in Petersburg nun Handyläden und der Run nach dem schnellen Rubel Einzug gehalten haben, ist Detroit, einst das Zentrum der US-Automobilindustrie, von einem unglaublichen Abstieg gekennzeichnet. Einen kritischen Blick für die Schattenseiten des amerikanischen Traums hatte die junge „Ursula“ allerdings auch schon in den 60ern, wo ihre Kontakte zur schwarzen Bürgerrechtsbewegung ihr fast einen Schulverweis eingebracht hätten, der Klassenkampf noch richtig heiß war und ein schmieriger TV-Missionar die junge Deutsche für seine Zwecke einspannen wollte.
Fakt und Fiktion treffen sich
„Petersburg/Detroit“ ist der dritte Band einer neuen Reihe des Brot & Kunst-Verlags, die den Titel „Sparte 3“ trägt und sich an der Schnittstelle zwischen Fakt und Fiktion verortet. Die in Kisten bewahrten Reisedokumente, private Schnappschüsse, Eintrittskarten, Programmhefte, Tischuntersetzer, Zeitungsausschnitte, die Kiausch und Dück für die optische Gestaltung jetzt vom Speicher geholt haben, sind damit mehr als nur „Bebilderung“. Zusätzlich rhythmisiert wird das Ganze durch Bilder von Wolfgang Glass und die für „Brot & Kunst“ bereits bekannten „Schwarzseiten“, von denen es sogar ein paar mehr als geplant gibt, weil ein „Vorwort“ in der Mitte vergessen wurde.
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