Bahn
Mehr Fahrgäste und doch Verlust
Nach sechs Jahren Amtszeit ist Richard Lutz geübt darin, die meist lausigen Bilanzen der Deutschen Bahn AG schönzureden. Es gilt, das Positive hervorzuheben, was der DB-Chef auch bei der Veröffentlichung der aktuellen Halbjahresbilanz des größten deutschen Staatskonzerns mit seinen mehr als 330.000 Beschäftigten beherzigt. Seine beste Nachricht: Der umweltschonende Schienenverkehr wird so stark genutzt wie selten zuvor, auch dank des 49-Euro-Tickets, das branchenweit bereits 11 Millionen Abonnenten gekauft haben.
„Der Boom im Nah- und Fernverkehr hält an“, sagt Lutz. 68 Millionen Reisende (plus 15,4 Prozent) nutzten bis Juni die ICE-Flotte, 808 Millionen (plus 11,5 Prozent) die Regionalzüge des Konzerns. Weniger schön: Im Fernverkehr fuhren die Züge noch unpünktlicher als zuvor, nur noch 68,7 Prozent der ICE erreichten ihr Ziel mit weniger als sechs Minuten Verspätung. Nicht einmal das bescheidene Ziel von 70 Prozent wurde erreicht.
Wissings Pläne
Das Problem sei die überalterte und überlastete Infrastruktur, argumentiert Lutz. Für deren Zustand indes ist der DB-Konzern schon seit der Bahnreform 1994 selbst federführend verantwortlich, was nicht für die bisherigen Strukturen spricht. Verkehrsminister Volker Wissing und die Ampelkoalition wollen die Verwaltung der Netzsparte ab 2024 neu und gemeinnützig aufstellen, allerdings weiterhin unter dem Dach des Konzerns belassen.
Mit einer Rekordzahl von täglich mehr als 1000 Baustellen wird der riesige Sanierungsstau inzwischen bekämpft, ab Juli 2024 werden dazu sogar Hauptstrecken komplett gesperrt. Den Anfang macht die meistbefahrene Piste Frankfurt-Mannheim. Fünf Monate soll es Ersatzverkehr mit Bussen geben, allein dafür werden 400 Fahrer gebraucht, wie Lutz erläuterte. Da die nochmals massiv erhöhten Milliardenzahlungen des Bundes für die Infrastruktur erst ab 2024 kommen, muss der Konzern die zusätzlichen Investitionen erst mal aus eigener Kasse finanzieren.
„Einmalige Kraftanstrengung“
Das sei angesichts der ohnehin angespannten Lage eine „einmalige Kraftanstrengung“, betont Finanzvorstand Levin Holle. Die Rahmenbedingungen hätten sich für die DB verschlechtert: gesunkene weltweite Frachtraten, gestiegene Zinsen, anhaltende Inflation, höhere Kosten durch Tarifabschlüsse. Holle erwartet fürs Gesamtjahr einen operativen Verlust von „etwas weniger als 1 Milliarde Euro“ bei 51 Milliarden Euro Umsatz. Das wäre das vierte Verlustjahr in Folge.
Im ersten Halbjahr steht unterm Strich bereits ein Minus von 71 Millionen Euro, in der gleichen Vorjahreszeit erzielte der DB-Konzern noch 424 Millionen Euro Gewinn. Der Konzernumsatz schrumpfte von rund 28 auf 25 Milliarden Euro. Operativ blieben nur noch 324 Millionen Euro vor Steuern und Zinsen (Ebit) übrig, ebenfalls ein Rückgang um fast eine halbe Milliarde Euro.
Mehr als 35 Milliarden Euro Schulden
Ohne die weiterhin hohen Gewinne der Logistiktochter DB Schenker, die 626 Millionen Euro im Lkw-, See- und Luftfrachttransport erwirtschaftete, wäre die Lage noch weit trüber. Denn im Kerngeschäft mit der Schiene verdient der Konzern weiterhin keinen Cent, sondern fuhr im ersten Halbjahr einen Verlust von 339 Millionen Euro ein. Mit dem von der Ampelregierung angestrebten Verkauf von Schenker (76.000 Mitarbeiter, fast 28 Milliarden Euro Umsatz) würde der DB-Konzern deutlich schrumpfen und seinen einzigen größeren Gewinnbringer verlieren. Die Ampelregierung wünscht, dass sich der weitverzweigte Konzern mit seinen mehr als 500 konsolidierten Firmen auf einen besseren Schienenverkehr konzentriert. Zudem sollen die erhofften zweistelligen Milliardenerlöse für Schenker die Finanzlage etwas entspannen. Allzu viel Eile und Druck gibt es dabei offenbar nicht, es werde weiter „geprüft“, sagte Holle auf Nachfragen.
In der DB-Bilanz stehen bereits mehr als 35 Milliarden Euro Schulden. Die Nettosumme beziffert Finanzchef Holle zwar auf „unter 30 Milliarden Euro“, räumt auf Nachfrage aber ein, dass allein in diesem Jahr weitere 3 Milliarden Euro dazu kommen könnten.