Porträt
Stipendiatin Ronya Othmann liest im Herrenhaus Edenkoben
Ronya Othmann ist noch keine 30 Jahre alt, aber sie hat schon viel Gewichtiges zu sagen. Das liegt zum einen an ihrer Biografie, zum anderen an ihrem Wesen. Auch aus sicherer Distanz ist ihr nicht egal, was in der Heimat ihres Vaters passiert. Genauer gesagt: was mit Minderheiten in einem diktatorischen Staat passiert. Und was – wie ihr jetzt bei Putins Krieg gegen die Ukraine neu bewusst wird – überall auf der Welt passieren kann, wo der Mensch staatlicher Willkür ausgesetzt ist.
Für die junge Frau ist es elementar, sich drohende Unfreiheit bewusst zu machen und den Anfängen zu wehren. Sie macht es mit den Waffen des Wortes, geschliffen mit mutigem Klartext, geschärft mit analytischem Blick auf die Krisenregionen dieser Welt genauso, wie auf die ihrer Ansicht nach oft allzu verklärte westliche Demokratie, in die sie 1993 in München hineingeboren wurde.
Ferien in Syrien verbracht
Ronya Othmann arbeitet als Journalistin und Essayistin und schreibt für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ die Kolumne „Import Export“. Darin geht sie mit ihrem fundierten Ost-West-Verstand ziemlich brisante Themen an. Jüngst legte sie dar, dass „Feministinnen der neuen Generation nichts von irakischen, afghanischen oder kurdischen Frauenrechtlerinnen“ wissen und ganz aktuell fragt sie sich und uns, was Sigmar Gabriel mit seiner soeben ausgesprochen These „Mehr Türkei wagen“ eigentlich meint.
Sie ist die Tochter einer deutschen Mutter und eines kurdisch-jesidischen Vaters, der schon vor 40 Jahren vor Assad aus Syrien geflohen sei. Gemeinsam mit drei Geschwistern ist sie im Landkreis Freising groß geworden und hat die Ferien bei den Verwandten in Syrien verbracht. Sie kennt und liebt das „wunderschöne Land“, sie weiß aber auch, wie es sich anfühlt, in einem „Mafiastaat“ zu leben, „wo Leute einfach verschwinden, enteignet, umgebracht werden“. Und es wurde immer schlimmer: „Arabischen Nationalismus und Antisemitismus ohne Ende, der Genozid an den Jesiden, die IS, der Krieg.“
Ihr Debütroman erhielt den Mara-Cassens-Preis
Seither war Othmann nicht mehr in der Heimat ihres Vaters, aber sie hat das Geschehen dokumentiert, und der Krieg hat quasi ihr Literaturstudium in Leipzig begleitet. „Es war klar – es wird alles nicht mehr so, wie es war“, erinnert sie sich an diesen ersten Impuls, alle Erinnerungen aufzuschreiben. Anfangs ging es nur um dieses Dokumentieren, das Bewahren vor dem Vergessen: „Wie sah das Dorf aus, wie waren die Häuser gebaut, wie war die genaue Geografie.“ Aber die Neugierde wurde immer größer, es folgten gezielte Gespräche mit Verwandten und Zeitzeugen, Internetrecherchen und Reisen in die Nachbarländer, wo viele syrische Flüchtlinge leben.
2018 erhielt Othmann das Grenzgängerstipendium für die Türkei und Kurdistan und war Jurymitglied beim Internationalen Filmfestivals in Duhok in der Autonomen Region Kurdistan im Irak. All diese Erfahrungen sind nun eingeflossen in ihre literarischen Erstlingswerke: Der Roman „Die Sommer“ erschien 2020 und wurde prompt mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet, der Gedichtband „die verbrechen“ (2021) erhielt den Orphil-Debütpreis.
Die Bilder in ihrem Kopf
Ihr Roman „Die Sommer“ ist autofiktional angelegt, denn Leyla, die Schlüsselfigur, hat eine ganz ähnliche Biografie wie die Schriftstellerin selbst und kennt den Spagat zwischen dem deutschen Schulalltag und den Sommerferien im jesidischen Dorf ihrer Großeltern. Und im Internet sieht sie das von Assad vernichtete Aleppo, die Ermordung der Jesiden durch den IS. Das ist nur einen Mausklick entfernt von den unbekümmerten Fotos ihrer deutschen Freunde. Kein Wunder, dass die junge Frau in einer schwierigen Gefühlslage kommt. „Sie ringt mit der Entscheidung, zu kämpfen, aber es bleibt offen, ob sie wirklich geht“, verrät die Autorin und stellt zugleich klar „Leyla ist die Schlüsselfigur, nicht ich. Ich habe drei Geschwister und bin nicht so ein Exot wie dieses Einzelkind.“
Aber wie Leyla kennt Ronya den Duft und den Geschmack, die Sinnlichkeiten, Naturschönheiten und Befindlichkeiten des Orients. Und dieser farbigen Kulisse, auch ihrer Zerstörung, hat sie im Gedichtband „die Verbrechen“ eine Bühne bereitet. Darin geht es neben dem Genozid und der Sprengung archäologischer Stätten auch um Vergehen an der Natur, etwa das Austrocknen der mesopotamischen Sümpfe oder ein Staudamm-Projekt. Einige Verse sind eine Hommage an die Großmutter, die mit Samen in ihrem Koffer aus ihrem Heimatdorf nach München floh, wo die Pflanzen an neuen Orten altbekannte Früchte bringen sollen.
Othmann hat noch viele solche Bilder und Gedanken im Kopf. Sie fügen sich während ihres Stipendiums im Herrenhaus in Edenkoben zu einem neuen Werk zusammen, das einen stärkeren dokumentarischen Charakter haben soll.
Termin
Ronya Othmann liest am Sonntag, 29. Mai, 17 Uhr, im Herrenhaus Edenkoben aus dem Roman „Die Sommer“.