Herxheim RHEINPFALZ Plus Artikel Starkes Gastspiel bei Chawwerusch: Die Dürrenmatt-Variante „Ger(a)echt?“

Glanzleistung: Astrid Sacher in der Dürrenmatt-Adaption „Ger(a)echt?“
Glanzleistung: Astrid Sacher in der Dürrenmatt-Adaption »Ger(a)echt?«

Eine ganze Kleinstadt wird zum Mörder: Friedrich Dürrenmatts verstörende Tragikomödie „Der Besuch der alten Dame“, 1956 uraufgeführt, ist keineswegs verstaubt, sie ist von zeitloser Gültigkeit. Im Chawwerusch-Theater erlebte man das Lehrstück über Gier, Rache und fragwürdige Gerechtigkeit ungewohnt: als Ein-Personen-Stück.

„Ger(a)echt?“ nennt sich etwas umständlich diese Variante des Dürrenmatt-Stoffs, die das Knirps-Theater Bad Ems in einem Gastspiel auf die Herxheimer Bühne brachte. Das Publikum – leider war der Saal nur zur Hälfte besetzt – erlebte eine eindrucksvolle Inszenierung (Jürgen Flügge) und eine Glanzleistung der Schauspielerin Astrid Sacher.

Da braucht es nicht viele Requisiten: ein roter Boden, ein hoher Stuhl, ein zerschlissener Koffer. Ganz bescheiden, lächelnd mit einem leisen „Guten Abend“ huscht Astrid Sacher durch die Zuschauerreihen auf die Bühne. Und dann lässt ihre Spielkunst und Ausstrahlung die unfassbare Geschichte der „alten Dame“ innerhalb kürzester Zeit lebendig werden.

Aus Sicht der Tochter

Sie erzählt sie aus der Sicht der Tochter. Es geht um die Milliardärin Claire Zachanassian, die nach Jahrzehnten das Städtchen Güllen wieder aufsucht, in dem sie geboren und aufgewachsen ist. Als 17-Jährige war sie mit Schimpf und Schande davongejagt worden, weil sie ein Kind erwartete. Der Vater Alfred Ill, heute ein angesehener Bürger, hatte sich der Verantwortung entzogen. Nun kommt die alte Dame zurück, einen Sarg im Gepäck, und will Gerechtigkeit. Also Rache. „Ich kann Gerechtigkeit kaufen – mit meinem Geld“, sagt die superreiche Rachegöttin. Eine Milliarde setzt sie zur Belohnung aus, zur Hälfte für die Gemeinde, die andere Hälfte verteilt an alle Bürger – unter der Bedingung, dass Alfred Ill getötet wird.

Was das mit den Menschen macht, wie die bürgerlich-moralische Fassade in kürzester Zeit zusammenkracht, stellt Astrid Sacher beklemmend, aber gleichzeitig mit düsterem Humor dar. Sie schlüpft in atemraubendem Wechsel in verschiedene Rollen der Güllener Bürgerschaft, die sie grotesk überzeichnet. Da ist zum Beispiel der Lehrer, der immer mit erhobenem Zeigefinger daherstolziert, der joviale wichtigtuerische Bürgermeister, der Alfred gönnerhaft eine Pistole überreicht („Sie könnten uns doch ein bisschen die Arbeit abnehmen“) und der salbungsvolle Pfarrer, ein Heuchler vor dem Herrn. Nicht zuletzt die Figur des Alfred, erst polternd und schleimig, später panisch, ein Bündel der Angst.

Alle machen sich schuldig

Wie die Schauspielerin diese Charaktere und noch viele mehr mit ständig wechselnden Gesten und Stimmen auf der kargen Bühne verkörpert, das ist hohe Schauspielkunst.

Am Ende stirbt Alfred, schuldig haben sich alle gemacht. Die Inszenierung ist – bis auf einen kurzen Dialog – nicht der Versuchung erlegen, direkte Anspielungen auf die heutige Zeit in das Stück aus der Nachkriegsepoche einzubauen. Der Bezug stellt sich aber von selbst ein. „Ger(a)echt?“ ist eine Parabel über Hass, Gier und Korruptheit, über die Bereitschaft, Menschenleben zu opfern, um den eigenen Wohlstand zu sichern und zu vermehren, und bleibt damit hochaktuell.

Mehr zum Thema
x