Kultur Südpfalz „Kunst braucht ein Geheimnis“

Setzt sich selbst ans Steuer eines 7,5-Tonners, um ihre Kunstwerke ins Landesmuseum nach Mainz zu fahren: Madeleine Dietz
Setzt sich selbst ans Steuer eines 7,5-Tonners, um ihre Kunstwerke ins Landesmuseum nach Mainz zu fahren: Madeleine Dietz

Für Madeleine Dietz müsste es den Januar zweimal geben, so viel hat sie sich vorgenommen. Nicht nur Ausstellungen. „Ich bin ein großer Literatur- und Theaterfan“, sagt sie am Tisch ihrer geräumigen Wohnküche in Godramstein. Er ist zum Gespräch gastfreundlich mit Kaffee und selbstgebackenem Ricotta-Kuchen gedeckt. Dabei räumt sie ein: Kuchenbacken sei nicht so ihre Stärke, eher das Kochen. Und tatsächlich ist die Mitte des süßen Fladens noch ein wenig weich, aber er schmeckt vorzüglich. Noch während das Mahlwerk der Kaffeemaschine rumpelt, legt Madeleine Dietz schon los mit ihren Tipps. Um Theater zu erleben, fahre sie immer nach Mannheim oder Stuttgart, erzählt sie. Karlsruhe habe sie nicht so im Fokus: Das Staatstheater dort sei ja eher bekannt für Oper, sie aber keine Operngängerin. In Mannheim sei sie geboren. Und im dortigen Nationaltheater, für das schon Friedrich Schiller schrieb, fühle sie sich wie zu Hause. „Da kriege ich Heimatgefühle“, erzählt die 65-Jährige. Denn als Kind habe sie hier hinter den Kulissen gespielt, während ihr Vater als Bühnenbildner gearbeitet hat. Wenn sie ins Theater nach Mannheim fahre, gehe sie immer noch jemanden besuchen oder auf den Friedhof. Als nächstes hat Dietz Karten für den 13. Januar: Da wird im Nationaltheater noch einmal Lot Vekemans’ Monolog „Judas“ gegeben. In der Hauptrolle: Samuel Koch, der deutschlandweit bekannt wurde durch seinen Unfall bei „Wetten dass“. Das Stück werfe spannende Fragen auf: Was wäre, wenn Judas Christus nicht verraten hätte? Gäbe es ein Christentum mit Zweifaltigkeit überhaupt ohne den Opfertod Jesu? Ähnliche Fragen stelle sie sich auch in ihrer Bildhauerei, die viel mit Erinnerung zu tun habe – Erinnerung auch an eigene Verluste. „Mein Thema ist mir vor die Füße gesegelt. Ich habe früh erfahren, was Abschied ist.“ Ihr Sujet: Was ist, wenn ein geliebter Mensch geht? Was kommt nach der Dürre, die es in jedem Leben gibt? Was ist das Sein an sich? Ihr selbst habe die Religion sehr bei diesen existenziellen Fragen geholfen, erzählt die Künstlerin, die viele Projekte für Kirchen und Andachtsräume gestaltet wie zur Zeit für das in Bau befindliche Landauer Hospiz. Beim Rundgang durch ihr Atelier zeigt sie Entwürfe für Columbarien und Stelen aus Stahlplatten, die sie noch allein zum Bearbeiten stemmt und in die sie Fächer mit Ziegeln aus getrockneter Erde eingelassen hat. Das Ocker ihres Godramsteiner Gartenbodens findet sich in vielen ihrer Arbeiten, selbst auf Bildern. Überhaupt wirkt die Bildhauerin, die sich selbst in einen 7,5-Tonner gesetzt hat, um ihre Arbeiten zur aktuellen Ausstellung ins Mainzer Landesmuseum zu fahren, bodenständig und alles andere als vergeistigt. Doch sie kann sich durchaus auch sperrigen Werken widmen. So will Dietz im Januar noch unbedingt in Stuttgart „Die Abweichungen“ von Clemens J. Setz anschauen, die philosophische Fragen unserer Wahrnehmung aufwerfen. Selbst mit einer Inhaltsangabe ist das Stück schwer zu fassen. Im Zentrum stehen aquariumgroße Nachbildungen von Wohnungen, in denen eine Frau vor ihrem Tod geputzt hat. Als die Kästen ausgestellt werden sollen, entdeckt man abweichende Details: zwei Kinder statt einem, ein Spielzeugkrokodil im Flur. War die Frau eine irre Stalkerin oder eine Bühnenbildnerin des Lebens, die das Schlachtfeld Familie nachgebildet hat? Auch zum Stuttgarter Staatstheater hat Dietz übrigens einen familiären Draht: Ist doch ihre Nichte mit dem Schauspieler David Müller liiert, der zum Ensemble gehört. Eine wichtige Verrichtung im Januar hat sie schon erledigt: ein Hotelzimmer für Saarbrücken zu buchen, wenn dort in der Stadtgalerie am 8. Februar die Ausstellung ihrer Kollegin Christina Kubisch eröffnet wird. „Sie ist eine echte Doppelbegabung als Komponistin und Künstlerin“, erzählt Dietz. Kennengelernt hat sie die in Bremen geborene frühere Professorin der Kunsthochschule Saarbrücken bei einem gemeinsamen Projekt für das Begleitprogramm der Documenta 1997 in Kassel. Seither verfolgen beide den Werdegang der jeweils anderen mit viel Wohlwollen. „Unser Wiedersehen wird sicher eine längere Geschichte.“ Dafür braucht’s die Übernachtungsmöglichkeit. Kubisch ist eine Pionierin der elektronischen Klangkunst. Sie schafft Kabelfelder, in denen durch Induktion Klänge entstehen, die gleichzeitig als „Zeichnungen“ im Raum erfahrbar sind. Mit diesen Arbeiten würde sie auch in die Ausstellung „100 Meisterwerke mit und durch Medien“ passen, die das ZKM in Karlsruhe noch bis 10. Februar zeigt und die Madeleine Dietz unbedingt noch ein zweites Mal sehen möchte. „Die Jungen wissen ja gar nicht mehr, was die Alten wie Videokunstpionier Nam June Paik schon alles gemacht haben.“ Wen sie auch sehr schätzt, ist Ulrike Lorenz, die als Leiterin der Mannheimer Kunsthalle ja leider schon wieder gehe. „Sie hätte noch zwei Jahre bleiben sollen für die Entwicklung. Die Kunsthalle muss sich erst noch finden“, sagt Dietz. „Jetzt ist alles völlig offen.“ Der William-Kentridge-Raum aber habe sie sehr fasziniert, obwohl man als Besucher dafür viel Zeit mitbringen muss, um sich auf die begehbare Installation einzulassen. „Ich bin der Überzeugung, Kunst braucht ein Geheimnis. Daher braucht sie auch Zeit. Wenn man als Besucher schnell durch Ausstellungen läuft, geistig das meiste als bekannt abhakt, nimmt man sich selbst unglaublich viel.“ Quasi als Gegengewicht zum ZKM sollen es im Januar auch noch zwei weitere Präsentationen sein. „Autofiktionen – Zeichnung der Gegenwart“, bis 24. Februar im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum, rücke „eine oft zu Unrecht stiefmütterlich behandelte Kunstform“ in den Blickpunkt, sagt Dietz. Und die Schirn-Kunsthalle Frankfurt zeigt das Phänomen Wildnis in 100 bedeutenden Kunstwerken von 1900 bis zur Gegenwart – nur noch bis 3. Februar. Die Kunst inspiriert Dietz auch bei der Auswahl ihrer Literatur. Für den Jahresauftakt hat sie sich Sebastian Smees „Kunst und Rivalität“ über vier außergewöhnliche Freundschaften vorgenommen: Matisse und Picasso, Manet und Degas, Pollock und de Kooning sowie Freud und Bacon. Zudem liegt Fernando Pessoas „Buch der Unruhe“ auf ihrem Nachttisch. Beides sind Geschenke von Freunden. Und wenn Dietz es noch schaffen will, den in Locarno ausgezeichneten Film „Sibel“ zu sehen, muss sie wohl bis nach Heidelberg ins Arthousekino Gloria und Gloriette fahren. Der Film handelt von einer 25-Jährigen, die mit Vater und Schwester in einem abgelegenen Dorf in den Bergen des Schwarzen Meeres der Türkei lebt. Sibel ist seit ihrer Geburt stumm, kann sich aber mit der Pfeifsprache der Region verständigen und wird dennoch von den anderen gemieden.

Samuel Koch spielt den Monolog „Judas“ am Mannheimer Nationaltheater.
Samuel Koch spielt den Monolog »Judas« am Mannheimer Nationaltheater.
Eine typische Arbeit von Madeleine Dietz aus Stahl mit Naturmaterial in Fächern – zu sehen beim Kirchenpavillon der Landesgarten
Eine typische Arbeit von Madeleine Dietz aus Stahl mit Naturmaterial in Fächern – zu sehen beim Kirchenpavillon der Landesgartenschau.
Eins von 100 Meisterwerken im ZKM stammt von Videokunstpionier Nam June Paik.
Eins von 100 Meisterwerken im ZKM stammt von Videokunstpionier Nam June Paik.
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