Rheinpfalz Für das Wohl der Tiere und die kleinen Höfe

Durch Bio-Landwirtschaft, die verstärkt auf Handbarbeit statt Chemie setzt, ließe sich die Landflucht abmildern, sagen Landwirte
Durch Bio-Landwirtschaft, die verstärkt auf Handbarbeit statt Chemie setzt, ließe sich die Landflucht abmildern, sagen Landwirte.

Ab heute beraten die deutschen Agrarminister in Landau über EU-Subventionen. Sie werden dabei nicht ungestört bleiben: Landwirte, Umweltgruppen und Tierschützer haben Demonstrationen angekündigt. Sie sehen die Landwirtschaft in einer schweren Krise und nennen dafür mehrere Gründe.

„Zu Risiken und Nebenwirkungen von Glyphosat und Round up fragen Sie Ihren Hausspatz oder unsere Wildbienen.“ Ulrich Mohr vom BUND übt sich vor der Agrarministerkonferenz in der Festhalle in Sarkasmus. Der BUND ist Mitglied der Aktionsgruppe Klima und Umwelt Südpfalz, die für Donnerstag, 11 Uhr, zu einem Protestmarsch vom Obertorplatz zur Festhalle aufgerufen hat, um gegen eine „verfehlte Agrarpolitik“ Flagge zu zeigen. Rheinland-Pfalz Spitzenreiter beim Höfesterben Der BUND fordert eine Neuausrichtung der EU-Agrarsubventionen, weil diese das Höfe- und das Artensterben beschleunigten, Böden zerstörten, die Massentierhaltung förderten und regionale Agrarmärkte in weiten Teilen der Welt zerstörten, sagt Mohr. Das Problem: Die EU gibt fast 60 Milliarden Euro pro Jahr zur Förderung der Landwirtschaft aus, aber 70 Prozent davon werden pro Hektar vergeben. So steht es im Agrar-Atlas, den unter anderem die Heinrich-Böll-Stiftung und der BUND gerade herausgegeben haben. „Wachsen oder weichen“ sei daher das fehlgeleitete Motto in der Landwirtschaft, sagt Mohr. In Rheinland-Pfalz habe der Verlust an Höfen in den vergangenen acht Jahren bei über 15 Prozent gelegen, ein negativer Spitzenwert in Deutschland. Die wachsende Anzahl von Großbetrieben tue wenig bis nichts für Umwelt und Landschaft. Großbetriebe drängen in die Südpfalz Dass es auch anders gehe, betonen Klaus Rummel, Biowinzer aus Nußdorf, und Ralf Gensheimer, Biolandwirt aus Offenbach. „Wir verwenden seit 1980 keine Unkrautvernichtungsmittel und chemisch-synthetischen Mineraldünger mehr“, sagt Rummel, der sich freut, dass der Weinbau in der Pfalz immerhin fast zehn Prozent Flächenanteil erreicht habe. Ihn treibt der Flächenverlust von 800.000 Quadratmeter pro Tag in Deutschland um, beispielsweise durch Straßenbau. Gensheimer kann davon Zeugnis ablegen: Er habe acht Hektar gepachtete und eigene Flächen ans neue Offenbacher Gewerbegebiet verloren. Für den Verkauf seien ihn zwölf Euro pro Quadratmeter geboten worden. Wenn er die Flächen behalten hätte, hätte er mehr als das Dreifache an Erschließungskosten zahlen müssen. „Das ist Enteignung durch die Hintertür“, sagt er. Der Verlust wirkt sich nach Rummels und Gensheimers Erfahrung preistreibend aus – mit der Folge, dass kapitalkräftige Großbetriebe auch in die Südpfalz drängen. Die Förderung pro Hektar mache ihnen das leicht. „Biolandwirtschaft kann Landflucht stoppen“ „Die weltweite Ökologisierung der Landwirtschaft wäre eine gute Chance, die Landflucht zu stoppen“, sagt Rummel, denn im Ökolandbau werde Chemie durch Arbeitskraft ersetzt. Er beschäftigt sechs feste Kräfte bei 15 Hektar Betriebsgröße. Bei Gensheimer sind es zehn Mitarbeiter in der Landwirtschaft, davon sieben fest und die anderen Saisonarbeitskräfte so lang, dass sie sozialversicherungspflichtig seien. Dazu kämen weitere Kräfte für die Direktvermarktung. Er benötige zur Bewirtschaftung eines Hektars Weinberge über 900 Stunden, ein konventionell arbeitender Kollege komme mit 70 Stunden hin, „aber wir kriegen nicht den 14-fachen Preis“, sagt Rummel. Die Verbraucher wollten zwar Bio-Qualität, seien aber nur eingeschränkt bereit, sie auch zu bezahlen. Dabei sieht er eine Mitschuld bei großen Discountern, die die Preise diktieren könnten. Subventionierter Diesel ermöglicht Gülle-Transport Der Verwaltungsaufwand habe überproportional zugenommen, klagt Gensheimer, der nach eigenen Angaben auf 50 Hektar 50 verschiedene Kulturen anbaut. Die jeweiligen Flächen müsse er exakt digital dokumentieren, Grün- und Blühstreifen als Abgrenzung zu konventionell wirtschaftenden Kollegen würden ihm nicht anerkannt. Sein Fazit: „Hohe Biodiversität wird bestraft.“ Als Wettbewerbsverzerrung stuft er auch das Düngen mit synthetischen Mitteln ein: Organisch gebundener Dünger koste das sechsfache, werde aber nicht ins Grundwasser ausgewaschen. Doch darauf nehme die Förderung keine Rücksicht. Am besten wäre es, wenn Stickstoff versteuert würde oder wenn vor dem Düngen Bodenproben gezogen werden müssten, um die jeweils verträgliche Dosierung zu ermitteln. Als weitere Fehlsteuerung nennt Gensheimer subventionierten Diesel, der es beispielsweise Viehzucht-Großbetrieben ermögliche, überschüssige Gülle, die sie auf eigenen Flächen nicht mehr ausbringen könnten, über Hunderte von Kilometern zu transportieren. Folgende weitere Demos und Aktionen sind angekündigt: Der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd hat gemeinsam mit benachbarten Landesbauernverbänden den landwirtschaftlichen Berufsstand zum Protest aufgerufen. Die Teilnehmer treffen sich am Donnerstag ab 9 Uhr auf dem Alten Messplatz im Nordring und fahren ab 9.45 Uhr mit Traktoren durch die Stadt. Um 10.30 ist eine Kundgebung vor dem Parkhotel in der Mahlastraße mit Übergabe einer Resolution geplant. Protestaktionen gegen Viehtransporte „Mein Weg in den Tod ist die Hölle! Stoppt Lebendtiertransporte“ heißt es am Donnerstag von 9 bis 14 Uhr. Der Deutsche Tierschutzbund steht mit einer Delegation in der Nähe der Festhalle und will Staatssekretär Hermann Onko Aeikens aus dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft um 13 Uhr eine Resolution überreichen. „Langstreckentransporte: Langes Leiden bis zum Tod“ heißt es auch bei der Tierschutzorganisation Peta (People for the Ethical Treatment of Animals, Menschen für eine ethische Behandlung der Tiere). Sie demonstriert am Mittwoch und Donnerstag jeweils ab 9 Uhr vor dem Parkhotel. Das Aktionsbündnis „Mensch fair Tier“, die Tierrechtsorganisation „Animals United“, der Nutztierschutz-Fachverband „Provieh“ und andere fordern am Donnerstag von 10 bis 13 Uhr in der Mahlastraße ein sofortiges Verbot aller Lebend-Tiertransporte in Nicht-EU-Länder.

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