Landau
Das Gemälde am Alten Kaufhaus ist wie ein historisches Bilderbuch
Für solche Freiluft-Kunst muss der Flaneur nicht mühsam auf Entdeckungstour gehen. Sie springt jedem Passanten direkt ins Auge. Denn auf diesem großen Wandgemälde ist schwer was los: Eine bewegte historische Szene rankt sich sozusagen um die Bogenfenster des Alten Kaufhauses, wird von ihnen zum Teil durchschnitten, lädt ein, zu verweilen und Details zu entdecken.
Historiker Karl-Heinz Rothenberger, der das Heft „Denkmäler in Landau“ herausgegeben hat, erklärt den geschichtlichen Hintergrund der Malerei. Man schreibt das Jahr 1702. Im Spanischen Erbfolgekrieg streiten sich Frankreich und Habsburg-Österreich um die Vorherrschaft in Europa. Konkreter gesagt: Es geht Anfang des 18. Jahrhunderts um die Nachfolge auf dem verwaisten Königsthron in Madrid.
Bild zeigt die Ankunft des Thronfolgers
Landau ist zwar weit weg von der spanischen Metropole, spielt aber dennoch eine Schlüsselrolle, ist es doch zu diesem Zeitpunkt seit einem Vierteljahrhundert französische Festung. So ist das Städtchen heiß umkämpft. Gleich viermal wechselt innerhalb weniger Jahre die Macht. 1702 erobern kaiserliche Truppen die Festung, im kommenden Jahr holen die Franzosen sie zurück. 1704 fällt Landau wieder in kaiserliche Hände, 1713 okkupiert Frankreich erneut die Stadt und behält sie bis 1815.
Das historische Bild stellt eine wichtige Szene aus der Geschichte der Stadt dar, sagt Karl-Heinz Rothenberger. Es zeigt die Ankunft des jungen „römischen Königs“ Joseph I. am 26. Juli 1702 im Feldlager bei Impflingen. Römischer König, das war die Bezeichnung für den erbberechtigten Thronfolger auf dem Kaiserthron. Der Habsburger hatte kurz zuvor in Wien den Oberbefehl über die Rheinarmee übernommen, die die französische Festung Landau erobern sollte. Der gerade mal 25-Jährige und seine Gattin Wilhelmine zogen mit großem Gefolge in Richtung Pfalz. 450 Höflinge begleiteten das Paar, 77 Kutschen und 192 Pferde gehörten zum Tross.
Frische Luft auf dem Kriegszug
Natürlich befand man es als wichtig, dass die Majestät, die sich auf Kriegszug befand, bequem reiste – immerhin war Joseph einen ganzen Monat lang unterwegs. Deshalb konstruierten findige Wagenbauer in Wien eine neuartige Kutsche. Herkömmliche Reisewagen waren entweder komplett geschlossen, was für Hitze und schlechte Luft sorgte. Oder man konnte das Verdeck vollständig umschlagen, eine mühsame und umständliche Aktion. Bei der neuen Kutschenform aber war das Verdeck in der Mitte teilbar – sehr variabel und praktisch. Das Gefährt, das den Oberbefehlshaber nach Landau kutschierte, wurde danach „Landauer“ genannt. So heißt das Kutschen-Cabrio bis heute, und noch immer erfreuen sich Touristen an Rundfahrten in solchen Pferdewagen.
Gestaltet hat das große Wandbild der Speyerer Maler und Bildhauer Günther Zeuner (1923 bis 2011), der auch die markante Großplastik „Die Welle“ an der Rheinpromenade der Domstadt, die Figur „Fährmann hol’ über“ im Domgarten und in der Landauer Marienkirche Altarkreuz und Chorfenster schuf. Zeuner stammt ursprünglich aus Dresden, wo er von 1939 bis 1942 an der Kunstgewerbeschule und Akademie für freie und angewandte Kunst studierte.
Südpfälzer begrüßen den Monarchen
Anders als seine späten Arbeiten ist das Bild am Alten Kaufhaus gegenständlich gemalt. Es zeigt den Moment, als der Thronfolger dem Landauer entsteigt. Um ihn herum tummeln sich allerhand Leute. Ein eleganter Chevalier zieht den Zweispitz, um den „römischen König“ zu begrüßen. Ein Schmied steht am Amboss und schmiedet einen Degen. Neugierig rennt ein Kind in Richtung Kutsche.
Eine kleine Reitergruppe trabt ebenso durch die Szene wie ein Mann mit Hundemeute, der offenbar auf der Jagd ist. Schließlich ist eine Familie am Ort des Geschehens, die eine Früchteschale mitgebracht hat – ein Geschenk? Wie in einem großen historischen Bilderbuch entfaltet sich sehr bewegt ein Moment der Geschichte. Der Betrachter begegnet nicht nur dem prunkvoll gekleideten Kronprinzen, sondern bürgerlichen Menschen – also einer Auswahl von Südpfälzern, wie sie damals gelebt haben mögen.
Nach 40 Jahren sind die Farben kaum verblasst, das Gemälde wirkt frisch wie am ersten Tag. Für Karl-Heinz Rothenberger stellt die Historienmalerei ein „Beispiel großartigen Mäzenatentums“ dar. Denn das Bild wurde 1979 anlässlich der Renovierung des Alten Kaufhauses von der Landauer Haustechnik-Firma Ufer, beziehungsweise der Inhaber-Familie Strack gestiftet. Mitten in der Stadt, im Kern des alten Landau, das vom großen Stadtbrand 1689 verschont blieb, spiegelt Zeuners Gemälde seither erlebte Geschichte wider.