Fussball
Warum Ed Sheeran den Spielern von Ipswich Town ein Bier ausgibt
Zurück nach 22 Jahren: Der Ipswich Town Football Club, gegründet 1878, hat unter seinem erst 37 Jahre alten Trainer Kieran McKenna nach zwei Aufstiegen in Folge den Durchmarsch von der drittklassigen League One in die erstklassige Premier League geschafft. Mit dem 2:0 gegen Absteiger Huddersfield Town stand Platz zwei in der Championship hinter Leicester City, das ebenfalls aufsteigt, fest.
Das Stadion an der Portman Road (Kapazität: 29.673 Sitze), nein – die gesamte 150.000-Einwohner-Stadt in der südostenglischen Grafschaft Suffolk stand Kopf. Edelfan Ed Sheeran – 30 Kilometer von Ipswich entfernt aufgewachsen – fieberte per Liveübertragung in einem Hotel in Miami mit, wo er anlässlich des Formel-1-Grand-Prix gebucht war. Nach dem Schlusspfiff gab es eine Videoschaltung in die Kabine, und der berühmte Singer/Songwriter („Shape of You“) rief den Spielern zu, dass er in ein paar Tagen nach Hause komme und ob er ihnen ein Bier ausgeben dürfe. Die Antwort kann man sich denken. Apropos Sheeran: Mit dem Logo seiner Welttournee „Divide“ ist er seit 2020/21 auch Trikotsponsor, zudem stand er mit Rückennummer 17 im offiziellen Kader. Da das Ipswich-Trikot auch auf der Homepage des Sängers erschien, fand es weltweit Absatz – auch bei Nicht-Fußballfans. Das Wappen von „Town“, den „Blues“ oder den „Tractor Boys“, wie das Team auch gerufen wird, zeigt ein weißes Pferd mit dem rechten Huf auf einem Ball.
Nationaltrainer „Made in Ipswich“
Einzigartig: Zwei spätere englische Nationaltrainer brachte Ipswich hervor. Sie wurden direkt nach ihrer Laufbahn an der Portman Road von der FA, dem englischen Verband, als Chefcoach verpflichtet und erhielten später für Verdienste um den englischen Fußball den Ritterschlag: Sir Alf und Sir Bobby. Alf Ramsey trainierte die „Blues“ von 1955 bis 1963 und führte sie als Aufsteiger 1963 zur bisher einzigen englischen Meisterschaft, 1966 bescherte er England den WM-Titel. Bobby Robson (1969 bis 1982) formte Ipswich in den 1970ern aus einer „grauen Maus aus der Provinz“ zum Spitzenteam in Augenhöhe zu ManUnited, Liverpool oder Arsenal. Achtmal qualifizierten sich die „Blauen“ unter ihm für den Uefa-Cup, einmal Pokal der Pokalsieger. Höhepunkte: Gewinn des FA-Cups (1978, 1:0 gegen Arsenal) und der Triumph im Uefa-Cup (1981, 3:0 und 2:4 gegen AZ Alkmaar). Pikant: Mit Ex-Spieler und -Trainer hatte Ipswich in George Burley auch noch einen späteren schottischen Cheftrainer.
Zufälle gibt’s: Vor knapp 20 Jahren wollten Fans von Fortuna Düsseldorf ein klassisches englisches Stadion besuchen, die Wahl fiel auf den FC Brentford. Der Termin fiel ins Wasser, Brentford spielte auswärts im FA-Cup, sie fuhren kurzerhand nach Ipswich. Seit 2006 gibt es eine enge Freundschaft mit gegenseitigen Besuchen. Unterwegs nennen sie sich „Fortuna Blues“. Sogar deutsch-englische Ehen wurden schon geschlossen.
Was unseren Autor mit Ipswich verbindet
Sommer 1972: Oh Gott, fast 52 Jahre ist das schon her. Ich fahre mit Zug und Interrail-Ticket zurück von den Britischen Inseln in Richtung Heimat. Ein zuvor nicht gut geplantes Treffen mit einem Schulfreund in Aberystwyth an der walisischen Westküste geht in die Hose. Dinge wie Internet, Email oder Handy liegen noch Jahrzehnte in der Zukunft. Nehme planlos den erstbesten Zug. Plötzliche Endstation: Chester. Heimliche Übernachtung im Waggon. In der Zeitung steht am nächsten Tag – Samstag, 10. August – , dass heute die englische Fußballsaison beginnt. Naheliegend: Manchester, Heimspiel von United. Old Trafford gefunden, Geld am Kassenhäuschen bezahlt. Eine Eintrittskarte gibt es nicht, man geht durch einen engen Gang und eine Drehtür. Stehplatztribüne mitten unter United-Fans.
Der Gegner – Ipswich Town – sagt mir nichts. Dann das: Die „Blauen“ ziehen als totaler Außenseiter United den Zahn. Ich bin begeistert. Bei den „Roten“ stehen immerhin Legenden wie Bobby Charlton, der 66er-Weltmeister, oder Denis Law, der schottische Fußballheld, auf dem Platz. Als Ipswich das 2:0 erzielt, reiße ich die Arme in die Höhe – und schaue in die grimmigen Gesichter meiner Stehnachbarn. Immerhin bleibe ich körperlich unversehrt. Das 1:2 (88.) durch Denis Law kommt für United, wie es so schön heißt, „zu spät“. Als neuer Ipswich-Fan verlasse ich Old Trafford.
Mein Held von diesem Tag an: Kevin Beattie, hammerstarker linker Fuß und sauschnell – 2018 viel zu früh gestorben. Heute würde man sagen, ein „Sechser“, in England hieß das damals wohl Centre Half. Er trug auch die 6. Mein Freund Len Jolley aus Ludwigshafens Partnerstadt Havering – er selbst als Ost-Londoner glühender West Ham-Fan – hat mich mal geradezu entsetzt gefragt: „Warum ausgerechnet Ipswich Town?“ Ich habe ihm diese Story erzählt, dann wusste er Bescheid.