Interview RHEINPFALZ Plus Artikel SWFV-Präsident Hans-Dieter Drewitz spricht über Missbrauch

Meinungsstark: SWFV-Präsident Hans-Dieter Drewitz.
Meinungsstark: SWFV-Präsident Hans-Dieter Drewitz.

Der Präsident des Südwestdeutschen Fußballverbandes äußert sich über die Entwicklung im Nachwuchsbereich und das schwierige Thema des Missbrauchs.

Herr Drewitz, wie geht es dem SWFV im Juli 2023?
Mein Eindruck ist: Die große Delle der Pandemie haben wir überwunden, wir sind zur Normalität zurückgekommen. Es ist aber so ähnlich wie bei Long Covid, wir müssen schauen, ob und wo Langzeitschäden sichtbar werden.

Gibt es eine Tendenz, sind Probleme bereits erkennbar?
Man kann sagen, die Mannschaftszahlen sind insgesamt stabil mit einem kleinen Tick nach unten. Wobei die Mannschaftszahlen im Juli ambivalent sind, man muss mal gucken, wie es im September aussieht. Das gilt gerade für den Jugendbereich.

Apropos Jugendbereich, wie bewerten Sie die Situation für die Pfalz?
Wir haben eher Schwächen in der Westpfalz als in der Vorderpfalz. Aber auch die Vorderpfalz, die früher sehr stark war, ist damit beschäftigt, das Niveau zu halten. Die Westpfalz hingegen, also Kusel, Kaiserslautern, auch der Donnersbergkreis, Pirmasens oder Zweibrücken, hat zu kämpfen.

Ist es ein Problem, die Kinder für den Fußball zu begeistern?
Nein, da habe ich einen ganz anderen Eindruck. Wir haben viel mehr das Problem, die Begeisterung über einen langen Zeitraum zu halten. Dieser Aufgabe müssen wir uns stellen. Wir sehen, dass wir im Kleinkindalter viel Zulauf haben, da sind wir stark. Aber es wird zusehends schwieriger, die Kinder so lange für den Fußball zu begeistern, bis sie in den Erwachsenenbereich kommen.

Woran liegt das?
Das hat sicher vielschichtige Ursachen. Eine ist schlicht der lange Zeitraum und der Neuigkeitseffekt. Als ich jung war, sind die Jugendlichen mit 13 oder 14 Jahren in den Verein gekommen. Die Spanne bis zu den Erwachsenen ist da recht kurz gewesen. Heute kommen die Kinder im Bambini-Alter in die Klubs und die schwierige Aufgabe besteht darin, sie danach über vielleicht 14 Jahre zu begeistern, damit sie bleiben. Da ist der Neuigkeitseffekt nicht mehr da. Hinzu kommen die vielfältigen Interessen der jungen Menschen, denn die blättern sich nach dem Kindesalter weiter auf.

Kann man als Verband eingreifen, um entgegenwirken zu können, dass die Jugendlichen die Klubs verlassen?
Eine Methode, und das ist jetzt einfach gestrickt, besteht darin, in den verschiedenen Altersklassen Dinge zu verändern. Die Größen des Spielfelds und die Anzahl der Spieler verändern sich, ebenso die Spielformen. Auf diese Weise wandelt sich das Spiel. Außerdem ist es wichtig, dass wir die Verantwortlichen in den Vereinen vorbereiten, damit sie bessere Chancen haben, gute Angebote zu machen.

Wie geht der SWFV dabei vor?
Unsere Aufgabe ist es, die Rahmenbedingungen zu verbessern, und das tun wir. Es geht zum Beispiel um die Ausbildung im Trainerbereich. Was ich, oft unbeachtet, für sehr wichtig halte, ist ein besonderes Angebot. Viele Menschen haben zu wenig Zeit, um den B- oder C-Schein zu machen. Wir haben das Angebot des Kinder- und Jugendzertifikats, wo man niederschwellig mit einem Aufwand von 20 Stunden die Basics entweder zentral in Edenkoben oder dezentral in den Kreisen vermittelt bekommen kann.

Damit der Vater oder der Opa, der eine Mannschaft trainiert, nicht völlig unvorbereitet ist …
Genau. Das ist wichtig für das Kindertraining, wobei der Begriff Training aus meiner Sicht falsch ist. In dem Alter brauchst du mehr einen lieben Pädagogen als einen Trainer, eine Vaterfigur. Da muss man notfalls auch die Schuhe der Kinder binden. Bei den Kleinen ist es eher Mobilität mit dem Ball, auch wenn wir das als SWFV natürlich Fußball nennen. Erst ab der B- oder A-Jugend braucht man vorrangig einen Trainer. Da ist der Pädagoge auch gefragt, aber nicht mehr in erster Linie.

Wenn wir über Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sprechen: Missbrauch ist ein Problem in der Gesellschaft und damit auch im Fußball. Wie geht der SWFV mit dieser Gefahr um?
Es geht um Sicherheitsvorkehrungen. Sicherheit wird erst als Problem wahrgenommen, wenn man sich bedroht fühlt. Deshalb haben wir uns alle nicht lange intensiv genug mit diesem Thema befasst. Erst vor etwa zehn Jahren wurde das stärker, als das Thema Missbrauch im Sport medial in den Fokus geriet. Wir haben bei uns im SWFV zwei hauptamtliche Kräfte, bei denen sich jeder Vereinsvertreter melden und beraten lassen kann. Es ist dem Thema angemessen, dass es diese zwei hauptamtlichen Stellen, einmal männlich und einmal weiblich besetzt, gibt. Die Verantwortlichen in den Vereinen sind oft überfordert mit einer solchen Thematik, da werden trotz bester Absichten Fehler gemacht, wenn es Auffälligkeiten gibt. Wichtig ist deshalb, dass wir den Personen in unseren Klubs anbieten können, zu helfen.

Was sind die größten Probleme?
Der Umgang mit einem Verdacht ist wichtig. Das ist vorrangig der Opferschutz. Es gibt aber auch Fälle, in denen sich ein Verdacht als unwahr herausstellt. Wenn beispielsweise ein Ex-Partner eine Behauptung aufstellt, um sich zu rächen. Solche Fälle gibt es, deshalb muss man sehr sensibel im Umgang mit solchen Informationen sein. Wer zu Unrecht beschuldigt wird, ist sofort stigmatisiert. Aus diesem Grund ist die Kooperation mit den Polizeibehörden wichtig, die sich mit Fällen von Missbrauchsvorwürfen auskennen. Die SWFV-Mitarbeiter können wichtige Hilfestellungen geben, insbesondere kompetente Ansprechpartner vermitteln.

Zum Beispiel?
Es geht also darum, die Kinder und die Verantwortlichen im Verein gleichermaßen zu schützen. Das ist und bleibt ein heikler Punkt. Ein falscher öffentlich geäußerter Verdacht kann zu Verleumdungsklagen führen. Auch das gehört zu der Beratung, dass man sehr vorsichtig mit den Daten umgeht und mit den Ermittlungsbehörden Kontakt aufnimmt, die darin geschult sind.

Was folgt daraus?
Solche Probleme dürfen nicht verhindern, dass Missbrauch und Fehlverhalten konsequent aufgedeckt werden. Das ist wichtig. Deshalb sind zum Beispiel die Vereinsdialoge wichtig, wenn wir als SWFV die Klubs besuchen. Bei jedem Treffen spreche ich dieses Thema an. Das ist eine Sache von fünf Minuten und ich merke, dass das Thema angenommen und bei Bedarf vertieft wird. Wenn ein Verein eine Jugendabteilung hat und vor einem solchen Problem steht, braucht er Unterstützung.

Zur Person

Hans-Dieter Drewitz ist 74 Jahre alt und wurde in Berlin geboren. Der promovierte Jurist lebt seit 1960 in der Pfalz und ist Mitglied beim 1. FC 08 Haßloch.

Beim Südwestdeutschen Fußballverband engagierte sich Drewitz zunächst zwölf Jahre im Kreisjugendausschuss in Neustadt, wurde 1988 Vizepräsident im SWF und fungiert seit 2010 als Präsident.

Zwischen 1998 und 2007 war Drewitz darüber hinaus Vorsitzender des DFB-Jugendausschuss, anschließend zwölf Jahre im DFB-Präsidium.

Bis heute ist Drewitz Mitglied im DFB-Vorstand.

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