Fußball
Deutsche Frauen-Nationalmannschaft – die Defensive als Baustelle
Ein bisschen erinnert der Trainingsplatz der deutschen Fußballerinnen abseits der Kleinstadt Wyong an eine Farm im australischen Outback. Ein weißer Zaun umgibt das Gelände des Central Coast Regional Sporting & Recreation Complex, auf denen Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg am Samstag in einer letzten Einheit die Vorbereitung abgeschlossen hat, ehe es am Sonntagmorgen von Newcastle zum ersten WM-Gruppenspiel gegen Marokko (Montag 10.30 Uhr MESZ/live im ZDF) in Melbourne geht. Der Formcheck für die einzelnen Mannschaftsteile.
Tor
Merle Frohms wirkte beim Training fast ungeduldig, ging oft als erste mit Torwarttrainer Michael Fuchs zum Aufwärmen, während Ann-Katrin Berger und Stina Johannes noch zuschauten. So wird auch die Rollenverteilung sein: Frohms war gerade in den Länderspielen in diesem Jahr ein echter Rückhalt, hat durch die EM ihr Profil geschärft. Die 28-Jährige ist in Topform. Berger ist nach zwei überstandenen Erkrankungen an Schilddrüsenkrebs schon froh, als Backup dabei zu sein. Die Stammtorhüterin vom FC Chelsea bietet sich an, in der K.o.-Runde für ein Elfmeterschießen zwischen die Pfosten zu gehen. „Es ist kein Geheimnis mehr, dass ich Elfmeterschießen liebe“, sagte die 32-Jährige dieser Tage.
Abwehr
Die größte Baustelle. Mit Marina Hegering ist die an einer Fersenprellung laborierende Abwehrchefin erst am Freitag ins Lauftraining eingestiegen. Die 33-Jährige wird den Auftakt verpassen. Sehr schlecht: Auch ihre Vertreterin, die spielintelligente Sjoeke Nüsken, hat sich jetzt eine Außenbanddehnung zugezogen, konnte nur dick bandagiert trainieren. Daher deutet viel darauf hin, dass Sophia Kleinherne oder Sara Doorsoun neben Kathrin Hendrich die Abwehrzentrale bilden. Manko: Das Duo ist nicht eingespielt. Links wird wie bei der EM erneut die durch den Ausfall von Carolin Simon (Kreuzbandriss) jetzt konkurrenzlose Felicitas Rauch verteidigen. Rechts wird Svenja Huth gerade von einer Außenstürmerin zur Verteidigerin umgeschult, nachdem Giulia Gwinn nach ihrem zweiten Kreuzbandriss nicht rechtzeitig fit geworden ist. „Wer mich kennt weiß, dass ich eine flexible Spielerin bin. Meistens eher in der Offensive, aber auch die Außenverteidigerposition ist mir nicht unbekannt, schon in meinen Frankfurter Zeiten habe ich dort gespielt“, betonte die 32-Jährige. Aber es wird schwer für die Allrounderin, auf der Position ein internationales Topniveau wie das von Gwinn zu erreichen.
Mittelfeld
Eigentlich ein Prunkstück, aber mit einem Handicap: Lena Oberdorf wird nach ihrer Oberschenkelverletzung aus der Generalprobe gegen Sambia (2:3) nicht spielen. Die Bundestrainerin braucht die grätschfreudige Abräumerin gegen den stärker eingeschätzten Gruppengegner Kolumbien. Auch wenn sie jetzt wieder ins Mannschaftstraining eingestiegen ist, wird die 21-Jährige wohl erst im zweiten Gruppenspiel auflaufen. Während auf den Halbpositionen Lina Magull und Sara Däbritz noch einen EM-Bonus besitzen – ihnen sitzt aber die vielseitige Sydney Lohmann im Nacken – muss jetzt überlegt werden, wer die Oberdorf-Rolle bekleidet. Als Backup ist Melanie Leupolz vorgesehen, die mit Sohn ins Teamcamp eingezogen ist. Auch Lena Lattwein könnte auf der Sechs spielen, sieht sich selbst „eher auf der Achter-Position“.
Angriff
Der Sturm mutet wie eine Wundertüte an. Klar, an Kapitänin Alexandra Popp führt kein Weg vorbei. Noch leidet die 32-Jährige vor ihrer vierten WM unter Ladehemmung: „Im Moment treffe ich das Tor nicht so gut“, gab sie zu. Aber beileibe kein Grund, die erfahrene Torjägerin (128 Länderspiele/62 Tore) infrage zu stellen. Bundestrainerin Voss-Tecklenburg: „Was Poppi angeht, sind wir sehr entspannt. Die hebt sich die Tore bestimmt auf ...“ Am linken Flügel ist Klara Bühl eingeplant, die den WM-Glücksbringer gehäkelt hat, einen Koala namens „Waru“. Zuletzt wirkte sie trotzdem glücklos. Offen ist die Besetzung der von Huth freigeräumten rechten Angriffsseite: Jule Brand konnte gegen Sambia nicht überzeugen, dafür machte Nicole Anyomi einen guten Eindruck. Ihre Dynamik könnte helfen, den Sperrgürtel des Weltranglisten-72. zu durchbrechen. Die Atlas-Löwinnen haben in den Tests gegen Italien und Schweiz eine Nullnummer erkämpft.