Interview
Der Landauer Timo Gerach pfeift künftig als Bundesliga-Schiedsrichter
Herr Gerach, Sie waren am vergangenen Mittwoch im Einsatz, pfiffen das Relegationsspiel zwischen Energie Cottbus und der SpVgg Unterhaching. Ging alles gut?
Es war wie erwartet ein intensives und umkämpftes Spiel. Wir waren aber nicht im Mittelpunkt, das ist immer ein Zeichen für ein gutes Spiel.
Freuen Sie sich als Schiedsrichter auf diese Spiele? Oder haben Sie ein komisches Gefühl, Stichwort: Bielefeld und die jüngsten Ausschreitungen.
Ich persönlich habe das nicht. Ich freue mich auf diese Spiele. Ich freue mich grundsätzlich über Spiele, die brisant sind, wenn schon Tage vorher eine Anspannung zu spüren ist – weil ich den Fußball liebe. Weil ich das Spiel liebe. Es ist natürlich auch eine Auszeichnung, wenn man für diese Spiele nominiert wird. Ich bin da immer voller Vorfreude.
Coaching-Team die ganze Saison dabei
Werden Sie vor solchen Spieler noch einmal besonders gebrieft?
Grundsätzlich sind wir ja beim DFB sehr professionell aufgestellt. Wir haben ein Coaching-Team um uns herum. Dieses begleitet uns die ganze Saison. Da gehört natürlich die Besprechung eines solchen Relegationsspieles dazu. Ich mache in der Vorbereitung aber nichts anderes als bei allen anderen Spielen auch. Die Abläufe sind die gleichen, und das ist auch wichtig, denn dies gibt Sicherheit.
Glückwunsch zu Ihrer Beförderung als Bundesliga-Schiedsrichter. Wie verlief das Treffen mit den Kollegen am Dienstag?
Vielen Dank! Das war unser Saisonabschluss-Meeting in Frankfurt beim DFB. Da wurde auch offiziell die Kaderzusammenstellung für die neue Saison bekanntgeben. Inhaltlich wurden die abgelaufenen Spielzeiten in den ersten drei Ligen analysiert.
Wie waren Ihre ersten beiden Bundesliga-Spiele? Sie leiteten in der Rückrunde die Partien Bayer Leverkusen gegen den VfL Bochum, Endstand 2:0, und Borussia Mönchengladbach gegen den VfL Wolfsburg, ebenfalls 2:0.
Es war zunächst einmal eine große Auszeichnung für mich, und ich verspüre eine große Dankbarkeit, dass ich diese Chance erhielt, als Einziger in der Zweiten Liga solche Probespiele in der Bundesliga zu bekommen. Ich habe mich in den Spielen sehr wohl gefühlt und konnte aus meinem Erfahrungsschatz von über 70 Zweitliga-Spielen schöpfen. Aber da sind sicherlich einige Entwicklungsschritte, die noch zu gehen sind. Auch hier gilt: Man hat niemals ausgelernt. Man sollte immer offen sein für Optimierungen.
Am liebsten großzügig
Was wären die Entwicklungsschritte?
Meine große Stärke, die ich mir in der Zweiten Liga aneignen konnte, ist sicherlich meine Kommunikation mit den Spielern. Aber auch die Art und Weise, wie ich versuche, Spiele zu leiten. Am liebsten großzügig, der Fußball sollte im Mittelpunkt stehen. Das gilt es auch, eine Liga höher auf den Platz zu bringen. Da gibt es Spieler, die einen noch nicht kennen. Da gibt es Mannschaften, die schneller Fußball spielen als in der Zweiten Liga. Es geht darum, dass ich mich schnell zurechtfinde, um dann so beständige Leistungen abzurufen wie in den letzten Jahren.
Wie verhalten sich die Spieler, wenn ein neuer Schiedsrichter kommt, den sie noch nicht kennen? Was passiert da im Kabinengang?
Ich habe in den zwei Spielen nicht gemerkt, dass die Spieler da irgendetwas ausgetestet hätten, dass sie bei einem Neuling mehr auf die Pauke gehauen hätten. Man kennt sich ja doch, denn in den vergangenen neun Jahren war ich schon als Assistent in der Bundesliga tätig. Von daher kennen mich die Trainer und die Spieler. Man ist sich nicht komplett unbekannt. Also mir ist nicht aufgefallen, dass es mir die Jungs besonders schwer machen wollten.
Es braucht ein bisschen Spielglück
Auch Ihre Auftritte in der Zweiten und Dritten Liga verliefen ja ohne größere Zwischenfälle. Ihre Bilanz?
Als Schiedsrichter benötigst du auch immer ein bisschen Spielglück. Sicherlich sind die Leistungen auch die Konsequenz meiner intensiven und harten Arbeit in den letzten Jahren. Ein großer Dank geht auch an meine Assistenten Patrick Kessel und Tobias Endriß, mein ganzes Physio-, Trainer- und Coaching-Team und natürlich an meine Familie und Freunde. Ohne diese wichtigen Menschen in meinem Umfeld könnte ich diese Leistungen nicht erbringen. Seit 2018 betreibe ich die Schiedsrichterei hauptberuflich und beschäftige mich jeden Tag mit Fußball, Training, Athletik und Ernährung. Ebenso mit vielen Fachthemen wie Kommunikation und Zweikampfbeurteilung. Das ist für mich auch elementar wichtig, denn ich muss berechenbar sein, die Spieler sollen mir vertrauen können. Tenor: Er pfeift fair und links genauso wie rechts.
Kam die Berufung zu dem Zeitpunkt, an dem Sie damit gerechnet haben? Hatten Sie sie früher erwartet?
Im Leben kommt immer alles zur richtigen Zeit. Ich glaube, dass ich mich in den letzten Jahren extrem positiv entwickelt habe. Ich hatte direkt im ersten Jahr, also 2014, in der Zweiten Liga einen Bandscheibenvorfall. ich war drei Tage im Rollstuhl, weil ich mein rechtes Bein nicht mehr spüren konnte. Die fast zwölfmonatige Reha-Zeit und der Weg zurück waren sehr, sehr hart. Sie haben mich aber auch geprägt, und ich habe mich im Anschluss oft kritisch hinterfragt und einiges geändert. Ich bin überglücklich, dass ich es nun gepackt habe. Ich sehe es sogar von Vorteil, da ich nun mit 36 Jahren und 74 Zweitligaspielen in die Bundesliga komme und viel Erfahrung und Reife mitbringe, die mir auf dem Platz gut tut.
Abschließend zu der großen Debatte: Was kann man tun, dass man das Thema Handspiel wieder versteht?
Großes Thema! Ich glaube, dass in letzter Zeit viele Themen, zum Beispiel Handspiel, Video-Assist, medial auch vermischt werden. Man sollte die Dinge voneinander trennen. Wir müssen umsetzen, was uns seitens der Regel und der Fifa vorgegeben wird. Wenn wir intern 20 Handspiele auf einem Lehrgang besprechen, dann sind wir uns bei 17 bis 18 einig. Ich werbe für eine Akzeptanz in der Öffentlichkeit, dass es auf beim Handspiel Graubereiche gibt. Fußball ist nicht schwarz-weiß. Was mir auffällt: Es wird nach einem Spieltag oft nur über ein, zwei Szenen gesprochen, die strittig und falsch waren, aber nicht über die anderen 20, bei denen richtig entschieden wurde. Das Wichtigste: Auch wir Schiedsrichter sind Menschen und machen Fehler. Genauso wie ein Stürmer, der mal eine hundertprozentige Chance vergibt
Zur Person
Seit 2010 ist Timo Gerach DFB-Schiedsrichter. Er pfeift für den FV Queichheim (Landau) und gab sein Debüt in der Dritten Liga am 2. August 2011 in der Partie des VfB Stuttgart gegen den SV Wehen Wiesbaden. Zur Saison 2014/2015 stieg der Betriebswirt in die Zweite Liga auf. Ab sofort pfeift der 36-Jährige in der Bundesliga.