Hintergrund RHEINPFALZ Plus Artikel Anzüge beim Skispringen: Material-Schummelei macht Sorgen

Hält Änderungen für sinnvoll und angebracht: Bundestrainer Stefan Horngacher.
Hält Änderungen für sinnvoll und angebracht: Bundestrainer Stefan Horngacher.

Wer sich beim Messen im Liegen besonders klein und im Sitzen besonders groß macht, hat erhebliche Vorteile beim Skispringen. Das sorgt für Unruhe.

Seitdem ein aktiver Skispringer anonym über den vermeintlichen Material-Betrug im Skispringen ausgepackt hat („Zurzeit kann man die Anzugkontrollen nicht ernst nehmen“), ist die Szene in Aufruhr. Und nicht nur die: Auch die Nordischen Kombinierer beobachten im Umfeld der Nordischen Ski-WM in Planica die Auswüchse bei den Spezialisten mit Staunen.

„Wir haben das gleiche Reglement und können nicht verstehen, was die Spezialisten für Riesenanzüge springen können. Die sind ja fast mit Wingsuits unterwegs“, sagt ein Mitglied des deutschen Kombinierer-Teams, dessen Name nicht genannt werden soll, mit Blick auf die erste WM-Einzelentscheidung der Skispringer am Samstag und fügt hinzu: „Das ist gefährlich.“ Seit dem Olympia-Skandal von Peking, als einige Springerinnen inklusive der deutschen Vorfliegerin Katharina Althaus im Mixedwettbewerb wegen ihres zu großen Anzugs disqualifiziert worden waren, seien die Flughilfen „noch viel größer geworden“.

Möglichst viel Tragfläche: Katharina Althaus.
Möglichst viel Tragfläche: Katharina Althaus.

Jeder Zentimeter Anzugstoff mehr – besonders im Schritt – bedeuten mehr Tragfläche in der Luft und damit potenziell weitere Flüge. Die größeren Anzüge bewirken aber auch, dass sich in der Luftfahrt jeder Unterschied bei den Windbedingungen viel stärker auswirkt. Was das für fatale Folgen haben kann, war beim heftigen Sturz des Slowenen Timi Zajc beim Weltcup in Willingen zu sehen, der von einer heftigen Böe vom Hang weggetragen worden war. Nur mit Glück entging er bei seiner Bruchlandung einer schweren Verletzung.

Auch Skisprung-Bundestrainer Stefan Horngacher gibt zu, dass das immer effektivere Material die Gefahr beim Skispringen derzeit erhöht: „Es wird immer schwieriger für die Jury, die Wettbewerbe zu managen. Ein kleiner Hauch Wind macht einen Riesenunterschied.“ Zum Thema Anzug-Schummelei gibt der Österreicher zu Protokoll, dass die deutschen Skispringer es zumindest beim Weltcup-Auftakt im polnischen Wisla mit den „Regeln zu genau“ genommen hätten. Damals flogen die braven Deutschen hinterher.

Top-Nationen auf einem Level

Nach einer ebenfalls verpatzten Vierschanzentournee sind die deutschen Flieger pünktlich zur derzeit laufenden Nordischen Ski-WM in Planica wieder konkurrenzfähig. Neben einer deutlich verbesserten Sprungform dürfte dabei auch die Auslegung des Material-Reglements bis in die tiefsten Grauzonen eine Rolle spielen. Oder anders gesagt: Bei der Material-Schummelei sind jetzt alle Topnationen offenbar weitestgehend auf einem Level.

Das „Wettrüsten“ in Sachen Material ist offenbar von einer neuen Messmethode der Springer-Körper ausgelöst worden. Wenn man sich dabei im Liegen maximal klein und im Sitzen maximal groß macht, lassen sich nach Insider-Informationen besonders im Schritt bis zu fünf Zentimeter beim Anzug gewinnen. Eine Welt in der Formel 1 der Lüfte, in der Kleinigkeiten über Sieg und Niederlage entscheiden. Der im Frühjahr 2021 zurückgetretene Langzeit Material-Kontrolleur Sepp Gratzer hatte immer im Stehen gemessen, um die Manipulationsmöglichkeiten zu minimieren.

Sind Körperscanner die Lösung?

„Die komplette Neuvermessung mit neuen Methoden war ein Fehler, es hat sich vor diesem Winter einfach generell zu viel beim Thema Material verändert“, sagt Horngacher. Dem neuen Materialkontrolleur Christian Kathol ist die Brisanz des Problems offenbar bewusst. Genau wie dem Internationalen Skiverband Fis. „Die Fis will es angehen. Wir müssen einen anderen Ansatz finden: Nicht ausgehend von der Körpergröße, sondern wie viel Fläche jeder Springer in der Luft aus Ski und Anzug hat“, verrät Horngacher.

Die internen Gespräche darüber sind weit fortgeschritten. Schon im nächsten Winter soll es Regelanpassungen geben. Vielleicht beendet am Ende laut Horngacher sogar Hightech die Betrugsdiskussion im Skispringen: „Es könnte irgendwann einen Körperscanner geben, der grünes Licht für die Springer gibt.“

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