Vietnam RHEINPFALZ Plus Artikel Madame Nhu, die Totengräberin in Stilettos

Machtbesessen und skrupellos: Madame Nhu bei einer Schießübung.
Machtbesessen und skrupellos: Madame Nhu bei einer Schießübung.

Die Presse feierte sie als Jeanne d’Arc Asiens, John F. Kennedy hielt sie für ein „verdammtes Miststück“: Kalt ließ Madame Nhu keinen. Ihre Heimat brachte die schillernde First Lady Südvietnams an den Rand des Abgrunds – und weiter. Von Simon Rilling

Selten hat eine Geste der Ohnmacht eine derart mächtige Wirkung erzielt: Als sich der Mönch Thich Quang Duc am 11. Juni 1963 in Saigon verbrennt, um gegen die Unterdrückung der buddhistischen Bevölkerungsmehrheit Südvietnams zu protestieren, bringt er mit seiner verzweifelten Tat die Welt gegen das Regime des katholischen Präsidenten Ngo Dinh Diem auf. Nicht zuletzt wegen der Reaktion der Machthaber. So bezeichnet die First Lady des Landes den Suizid des 66-Jährigen als „Mönchsbarbecue“ und bietet an, nächstes Mal Streichhölzer, Benzin und Senf mitzubringen.

Dass die Schwägerin des unverheirateten Staatsoberhaupts den unbedingten Willen zur Macht hat, ohne den Umweg über die Diplomatie zu nehmen, ist schon vorher bekannt. Als Diem im Sommer 1954 seine Regierung vorstellt, raunt ein französischer Beamter – der die Zeremonie als Repräsentant der kurz zuvor bei Dien Bien Phu geschlagenen Kolonialmacht mit gebührendem Abstand verfolgt – dem Journalisten Peter Scholl-Latour ins Ohr: „Ein gelehrter Mann erbaut die Stadt, eine gelehrte Frau zerstört sie. Denken Sie an diese asiatische Weisheit, wenn Sie in Zukunft über Madame Nhu berichten.“

Der Beamte wird recht behalten, wandelt sich Madame Nhu innerhalb weniger Jahre doch vom Darling der westlichen Presse zur Totengräberin Südvietnams.

In reiche Familie geboren

1924 als Tran Le Xuan geboren, entstammt sie einer wohlhabenden Familie mit Verbindungen zum Kaiserhaus. 1943 heiratet sie den Bruder Diems, Ngo Dinh Nhu, und übernimmt nicht nur seinen katholischen Glauben, sondern auch seine antikommunistische Einstellung. Nhu wird als engster Berater des Präsidenten zur grauen Eminenz – und mit ihm seine Frau. „Macht ist wunderbar, absolute Macht ist absolut wunderbar“, erklärt sie der Presse begeistert. Dabei bekleidet die stets wie aus dem Ei gepellte und selbst mit Stöckelschuhen gerade mal 1,60 Meter große Frau kein offizielles Amt.

Die Machtfülle Nhus beschreibt David Halberstam, Reporter bei der „New York Times“, wie folgt: Wenn Diem US-Präsident wäre, würde Nhu alle Zeitungen der USA kontrollieren, wäre Chef der CIA, des FBI und des Kongresses, Außenminister sowie oberster Rechtsberater und würde alle Berichte verfassen, die der Präsident zu sehen bekommt.

Diem verwandelt das Land in einen Polizeistaat, geleitet von seiner Sippe, unterstützt von den USA. Doch spätestens mit der Buddhistenkrise schaufelt sich der Clan sein eigenes Grab. Statt auf die Buddhisten zuzugehen, stellen die Machthaber die Proteste als vom kommunistischen Norden Vietnams gesteuert dar. Die Mönche seien „Kommunisten in gelben Kutten“, behauptet Madame daher.

Pagoden verwüstet

Um Diem vor vollendete Tatsachen zu stellen, lässt sein Bruder zahlreiche Pagoden verwüsten. Danach habe Madame Nhu euphorisch „wie ein Schulmädchen nach einem Abschlussball geplappert“, so Halberstam. Ihr erbarmungsloser Kampf gegen den Buddhismus alarmiert die Schutzmacht USA. Durch ihren Kreuzzug sei Madame Nhu dabei, „ein Jahrzehnt antikommunistischer Aufbauarbeit zu ruinieren“, kommentiert damals der „Spiegel“.

Madame Nhus Vater, Botschafter in den USA, tritt aus Protest zurück. Ebenso ihre Mutter, die Südvietnam bei den Vereinten Nationen vertritt und dem US-Geheimdienst CIA erklärt, dass sie ihre Landsleute aufgefordert habe, „dieses Monster von einem Kind“ zu überfahren.

Versuche, die Nhus loszuwerden, hat es schon zuvor gegeben: 1959 drängt US-Botschafter Elbridge Durbrow Präsident Diem, sich von seinen „toxischen Familienmitgliedern“ zu trennen. 1960 putschen Fallschirmjägereinheiten. Eine ihrer zentralen Forderungen: die Entmachtung der Nhus. Noch deutlicher sind zwei Piloten, die 1962 just jenen Teil des Präsidentenpalasts bombardieren, in dem die Nhus wohnen.

Wie ein Star gefeiert

Mitte der 50er-Jahre hatte die US-Presse Madame Nhu noch wie einen Star gefeiert, als Jeanne d’Arc und mächtigste Frau Asiens. Ihr Gesicht ziert das Cover von „Time“ und „Life“. Doch mit der Buddhistenkrise wird endgültig klar, dass die „Drachen-Lady“ eher eine „moderne Lucrezia Borgia“ ist: machtbesessen, skrupellos und so „unschuldig wie eine Kobra“. Im Weißen Haus schrillen die Alarmglocken immer lauter, längst gilt die Familie Diems als „krankhaft wahnsinnig“, US-Präsident John F. Kennedy hält Madame Nhu gar für ein „Miststück“, das die Eindämmungspolitik der USA gefährdet. Denn die Brutalität, Willkür und Korruption der Nhus verschafft den Kommunisten immer mehr Zulauf.

Im November 1963 putscht das Militär. Mit dem Segen der CIA. Diem und Nhu werden erschossen. Madame Nhu entgeht dem Tod nur, weil sie im Ausland weilt. Ein Jahr später weitet sich der Konflikt zwischen Nord- und Südvietnam endgültig zum Krieg aus, der mit dem Sieg des Nordens und einer demütigenden Niederlage der USA endet. Am 29. April 1975, als sich in der US-Botschaft Henker und Folterknechte tummeln, um sich ausfliegen zu lassen, weil der Vietcong vor den Toren Saigons steht, erklärt ein US-Berater dem Reporter John Pilger: „Wir haben es geschafft, die anständigen Menschen vom Abschaum zu trennen. Und wir haben den Abschaum bekommen.“ Eine Entwicklung, die mit den Nhus beginnt.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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