Rheinland-Pfalz Saarländer Matthias Maurer trainiert hart für Weltraumflug

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Seit rund zwei Wochen ist es offiziell: Matthias Maurer, der aus St. Wendel stammt, hat es ins Astronautenkorps der Esa geschafft. Lange musste er auf seine Chance warten. Und die Geduldsprobe ist noch nicht vorbei. Bis zu seinem

ersten Weltraumflug könnten noch Jahre vergehen. Wenn es denn überhaupt klappt.

Im blauen Overall steht er da, auf der linken Brust ein Schild mit seinem Namen, auf der rechten das Symbol der Europäischen Weltraumorganisation Esa: Matthias Maurer, 46 Jahre alter promovierter Materialwissenschaftler aus St. Wendel im Saarland, ist seinem Traum einen großen Schritt näher gekommen – er ist der Neue im Esa-Astronautenkorps. Das Medieninteresse bei seiner offiziellen Vorstellung am Donnerstag im Satelliten-Kontrollzentrum in Darmstadt ist riesig: Minutenlang steht Maurer im Blitzlichtgewitter, gibt den ganzen Nachmittag über Interviews. Seit sein deutscher Kollege Alexander Gerst als „Astro-Alex“ die Öffentlichkeit im Jahr 2014 an seinem ersten Weltraumaufenthalt teilhaben ließ, ist die Begeisterung der Deutschen für das Thema Raumfahrt wieder aufgeflammt. Anders als Gerst, der bereits als Kind zusammen mit seinem Opa Funkbotschaften zum Mond schickte und sich für Raumfahrt begeisterte, träumte Maurer als kleiner Junge noch nicht davon, eines Tages in den Weltraum zu fliegen. Zwar verfolgte er damals fasziniert, wie der deutsche Astronaut Ulf Merbold zu seinen Missionen aufbrach – aber erst, als er 2008 die Stellenausschreibung der Esa sah, war ihm klar: „Das will ich machen.“ Wissenschaft, Forschung mit modernster Technik, die Arbeit in einem internationalem Team, „und dazu auch noch eine Prise Abenteuer: das war genau mein Ding“. Maurer bewarb sich, zusammen mit 8413 anderen, und schaffte es – nach einem harten Prüfungsjahr – unter die besten zehn. Doch an diesem Punkt hieß es für Maurer zunächst: Endstation. Ins Astronautenteam schafften es sechs, Maurer war nicht dabei. Seine Beziehung zur Esa war damit aber nicht beendet. Der ehemalige Esa-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain bot dem Materialwissenschaftler an, am Boden für die Raumfahrtorganisation zu arbeiten. Maurer kam ans European Astronaut Centre in Köln, wurde dort Astronauten-Support-Ingenieur und sogenannter Eurocom, ein Job, bei dem er täglich in Kontakt mit den Astronauten auf der Internationalen Raumstation, der ISS, stand, und ihnen über die Schulter schaute – oder, wie er selbst es ausdrückte: „Ich war der Assistent, der nicht mit an Bord ist, aber genauso viel über die Mission weiß wie die Kollegen auf der ISS.“ Maurer trat seinen Job bei der Esa im Jahr 2010 an. Damals, sagt er, machte Dordain ihm keine Hoffnung, dass es jemals mit dem Weltraumflug klappen würde, auch, weil nicht klar war, wie es mit dem europäischen Raumfahrtprogramm weitergehen würde. Als dies nach der Esa-Ministerratskonferenz in Luxemburg 2014 feststand, wendete sich auch das Blatt für Maurer. „Jean-Jacques Dordain kam Anfang 2015 auf mich zu und fragte, ob ich noch fliegen will. Die Antwort war sehr einfach“, erzählt er. Gemeinsame Trainingseinheiten mit den anderen Esa-Astronauten hatte er bereits. Begeistert erzählt der 46-Jährige von Parabelflügen, bei denen er zum ersten Mal die Effekte der Schwerelosigkeit am eigenen Körper spüren konnte, vom Untertage-Training „Caves“, bei dem die Astronauten sich in unterirdischen Höhlen auf ihre Weltraummissionen vorbereiten, und von der „Neemo“-Mission der amerikanischen Weltraumorganisation Nasa: 16 Tage am Stück verbrachte Maurer mit anderen Wissenschaftlern unter Wasser, zehn Kilometer vor der Küste Floridas, in zwanzig bis dreißig Metern Tiefe, um bei der Analog-Simulation Experimente für Weltraummissionen zu üben. Und tatsächlich: „Wie auf einem anderen Planeten“ hat sich der neue Esa-Astronaut auf dem Grund des Atlantik gefühlt. An seine körperlichen Grenzen brachte Maurer das Winter-Survival-Training im November. Sollte die Sojus-Kapsel beim Anflug auf die Erde mal vom Kurs abkommen und irgendwo in der Wildnis landen, kann es schon mal einige Tage dauern, bis die Weltraum-Crew von dort abgeholt werden kann. Maurer und sein Team mussten also lernen, wie sie – irgendwo im Wald bei Temperaturen von minus sechs bis minus neun Grad Celsius – ohne Essen, Trinken, Schlafsack und Zelt überleben können. Sein Fazit: „Das war extrem.“ Hatte er bei den Trainings jemals Angst? „Angst ist ein schlechter Begleiter. Man muss aber Respekt vor den Aufgaben haben, und wissen, welche Risiken bestehen“, lautet die Astronauten-Antwort. Die Grundausbildung wird Maurer voraussichtlich im Herbst abschließen. Ob und wann er dann tatsächlich fliegt, ist allerdings noch gar nicht klar. Erst 2020 gibt es wieder freie Plätze im Raumschiff. Bisher aber flog jeder aus dem aktuellen Astronautenteam mindestens einmal zur ISS – Alexander Gerst ist 2018 zum zweiten Mal dran, diesmal sogar als ISS-Kommandant. Der 46-jährige Maurer bleibt deshalb zuversichtlich, dass es ihm nicht ergehen wird wie Ex-Esa-Chef Dordain, der in den Siebzigern für eine Astronautenmission in Erwägung gezogen wurde, aber nie abheben durfte. Maurer wäre der zwölfte Deutsche im All – und der erste Saarländer. Mittlerweile lebt er in Köln, aber in seine Heimat zieht es ihn immer noch. „Einmal Saarländer, immer Saarländer“, findet Maurer. Seine Familie und viele seiner Freunde leben dort, auch zu seinen ehemaligen Dozenten an der Uni in Saarbrücken hält er noch Kontakt. Wird er seine Heimat nicht vermissen, wenn er in den Weiten des Weltraums unterwegs ist? Ein kulinarisches Nostalgie-Paket inklusive einem Lyoner – ja, bei den Saarländern ist die Lieblingswurst männlich – könnte die Sehnsucht doch ein bisschen stillen. Maurer schüttelt den Kopf. „Die Frage, was ich an Essen mitnehme, habe ich mir noch nicht gestellt. Aber eine Flasche Maggi wird wohl nicht dabei sein. Dieses Klischee möchte ich nicht bedienen“, sagt er und lacht. „Ich mag zum Beispiel die französische Küche. Auch Pfälzer Wein ist toll. Den darf ich aber leider nicht mitnehmen, weil kein Alkohol an Bord darf.“ Matthias Maurer, europäischer Astronaut, Botschafter für die Verständigung über Landesgrenzen hinweg – nicht nur die saarländisch-rheinland-pfälzische. Er beschwört damit das Image, das der aktuelle Esa-Generaldirektor Jan Wörner seiner Organisation gerne gibt, wenn er über Maurer sagt, dieser sei „kein deutscher, sondern in erster Linie ein europäischer Astronaut, mit deutschem Akzent, mit deutschem Pass, meinetwegen auch mit saarländischer Herkunft“. Da oben, sagt Maurer, der sieben Sprachen spricht und gerade Russisch und Chinesisch lernt, spielen die kulturellen Unterschiede keine Rolle. Denn da oben muss man sich auf die anderen verlassen können, das habe er bei seinem Training mit europäischen, russischen, chinesischen und amerikanischen Kollegen gelernt: „In uns allen schlägt in erster Linie ein Raumfahrer-Herz.“

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