Interview
Ist der Lockdown unvermeidbar, Herr Hoch?
Herr Hoch, sind Sie schon geboostert? Beim Hausarzt oder haben Sie sich in eine Schlange am Impfbus gestellt?
(Lacht) Nein, meine sechs Monate sind noch gar nicht um. Ich bin erst im Januar dran. Meine ersten beiden Impfungen waren bei der Hausärztin.
Anfang Juni verkündeten Sie im RHEINPFALZ-Interview das Ende der Pandemie. Daran haben wir gern geglaubt. Ein kollektiver Selbstbetrug?
Nein. Wir haben im Sommer an zwei Sachen fest geglaubt: Dass wir eine gute Impfquote im Herbst haben, die die Pandemie in Schach hält. Und dass die Wirksamkeit des Impfstoffs sehr lange anhält. Wir sehen jetzt aber, dass er vor allem bei Älteren anfängt, nach sechs Monaten nachzulassen. Deshalb müssen wir jetzt nochmal mehr Menschen impfen.
Kamen die Lockerungen zu früh?
Die kollektive Wirkung der Impfung ist nicht eingetreten, weil noch zu viele nicht geimpft sind. Natürlich war es richtig, den Menschen im Sommer zu sagen, ihr könnt euch normal verhalten. Aber jetzt müssen wir das wieder eindämmen.
Hat man sich zu sehr darauf verlassen, dass die Impfquote von selbst gut wird? In Rheinland-Pfalz haben wir eine Quote von nur 68 Prozent in der Gesamtbevölkerung.
Bei den 68 Prozent sind die Kinder mitgerechnet. Wir haben eine gute Impfquote bei den Erwachsenen von über 80 Prozent. Aber die ist durch die Mutation des Virus nicht ausreichend. In den Altersgruppen aber, wo die Quoten bei 90 Prozent liegen, sind die Inzidenzen sehr viel niedriger. Wir dürfen nicht nur auf die Inzidenzen schauen, sondern auf die Erkrankungsraten und die Krankenhaus-Einweisungen. Wir haben aktuell keine unter 20-Jährigen auf den Intensivstationen.
Die Notwendigkeit der Auffrischungsimpfung hat sich doch schon im Sommer in Israel gezeigt. Warum sind wir hier so spät?
Die Israelis haben viel früher geimpft und daher früher geboostert. Wir konnten leider in Deutschland erst später anfangen mit den Corona-Impfungen. Aber wir kommen jetzt gut mit dem Boostern voran.
Stand Freitag, 12 Uhr, haben sich rund 25.000 Menschen in Rheinland-Pfalz für einen Termin in einem der reaktivierten Landesimpfzentren angemeldet. Nicht gerade viel ...
Ich habe mit mehr Registrierungen gerechnet nach den Schlangen an den Bussen. Die 25.000 werden wir zügig abgearbeitet haben. Unter den Terminen sind rund 90 Prozent zum Boostern.
Ist die Technik endlich so weit, dass man sich früher anmelden kann?
An der Technik liegt es nicht. Wir haben bewusst gesagt, die die dringend mit dem Boostern dran sind, sollen sich zuerst anmelden. Ab nächster Woche wird es aber möglich sein, sich auch mit einem Abstand von nur fünf Monaten zur Zweitimpfung für die dritte Spritze zu registrieren.
Registrieren und impfen lassen?
Ja, aber alles entsprechend der zeitlichen Reihenfolge bezüglich der Abstände zur Zweitimpfung.
Ist das nicht absurd, Weihnachtsmärkte ohne Auflagen durch das Land – und jeden Tag haben wir neue Rekorde bei den Inzidenzwerten?
Laut Forschern ist es wesentlich weniger wahrscheinlich, sich im Freien anzustecken. Die Veranstalter und Kommunen sind aufgerufen, die vor Ort passende Auflage zu wählen. Für die neue Corona-Verordnung möchte ich dem Ministerrat eine Maskenpflicht vorgeschlagen, überall dort, wo es eng ist und man sich bewegt. Nur zum Verzehr darf die Maske abgenommen werden. Das würde dann auch auf dem Weihnachtsmarkt gelten.
Virologen und Mathematiker wie Anita Schöbel, Professorin für Angewandte Mathematik an der TU Kaiserslautern und Beraterin der Landesregierung, hat früh vorausgesagt, was wir jetzt sehen. Warum zögert die Politik?
Wenn wir vor drei Monaten gesagt hätten, wir machen jetzt strenge Regeln und Lockdown für alle, hätte das zu Recht niemand akzeptiert. Wir haben jetzt eine Kombination aus Winter, zu geringer Impfquote und anderen Infekten, deshalb müssen wir reagieren. Auf unseren Intensivstationen sind bis zu drei Viertel der Patienten ungeimpft. Ohne die hätten wir nicht 100, sondern 25 Patienten dort. Jeder Ungeimpfte ist unsolidarisch.
Warum blieben die Impfzentren nicht offen? So hätten wir schneller reagieren können.
Ja, im Nachhinein betrachtet, wäre das so gewesen. Die Schließung aber hat das Bundesgesundheitsministerium entschieden. All die, die dort jetzt meinen, wir müssten alle Impfzentren sofort wieder öffnen, hätten es selbst besser wissen sollen. Die Zentren waren zum Schluss leer, Impfstoff blieb übrig, die niedergelassenen Ärzte sagten zu recht, sie können schnell impfen. Es ging nicht ums Geld, sondern um die Organisation.
Hat die Ärzteschaft sich falsch eingeschätzt?
Dass jetzt so viele geboostert werden, kann ein System an seine Kapazitätsgrenze bringen.
Der Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, sagt, 2G reicht nicht. Ist ein Lockdown unvermeidbar?
Das jetzt im Bund Beschlossene reicht zunächst für unser Land. Wir hier setzen die Brandmauer, damit Infektionen nicht zu uns überschwappen wie etwa aus Bayern, die es lange haben schleifen lassen. Ob es weitere Maßnahmen braucht, müssen wir sehen. Noch vor wenigen Wochen hat das RKI die Lage als moderat bezeichnet. Herr Wieler muss also seine Hausaufgaben mit Herrn Spahn (Bundesgesundheitsminister, CDU, Anm. d. Red.) klären.
Zwei Drittel der Deutschen sind für eine Impfpflicht. Und Sie?
Ich bin für alles, was hilft und effektiv ist. Ich erwarte, dass der Bund die Pflicht schnell und gründlich prüft.
Der Philosoph Martin Hoffmann von der Universität Münster sagte im RHEINPFALZ-Interview, Ungeimpfte sollten die Triage als Erste zu spüren bekommen, wenn also Kliniken entscheiden müssen über Leben und Tod. Würden Sie auch so weit gehen, dass Ungeimpfte im Extremfall als Erste nicht mehr versorgt werden?
Die Triage entscheiden Ärzte und Ärztinnen, die Politik sollte sich da raushalten. Wir haben in Deutschland den Grundsatz, dass jeder die medizinische Hilfe bekommt, die er braucht. Unabhängig davon, was sie oder er vorher getan haben. Es wird uns auch diesmal wieder gelingen, die Situation in den Kliniken zu meistern. Die Geimpften und die Kinder tragen die Last der Ungeimpften.
Schulen sind offen, heißt es. Aber das ist Augenwischerei. Viele Schüler und Schülerinnen sind in Quarantäne. Warum blieb es nicht bei zwei Pflichttests pro Woche, warum gibt es nicht schon längst mehr Lüftungsanlagen?
Es gibt ein Förderprogramm für die Anlagen. Das setzen die Kommunen um. In Bayern etwa, die dreimal in der Woche getestet haben und wo Maskenpflicht am Platz gilt, sieht es trotzdem viel dramatischer aus. Nächste Woche mit Warnstufe zwei gilt aber auch bei uns an den Schulen: zwei Pflichttests und Maskenpflicht am Platz in den weiterführenden Schulen.
Haben Sie Impfskeptiker gut genug aufgeklärt? Wird der Totimpfstoff die Skeptiker überzeugen, falls er zugelassen wird?
Wir haben viel Aufklärung betrieben. Die allermeisten haben die Impfung sehr gut vertragen. Ich hoffe, dass sich mit 2G bei Veranstaltungen und 3G am Arbeitsplatz noch viele umentscheiden. Wer aber jetzt noch skeptisch ist, der will skeptisch sein. Ich glaube, dass ein anderer Impfstoff nur wenig daran ändert .
Kennen Sie Impfgegner?
Im Freundeskreis habe ich keine, das sind alles sehr vernünftige Menschen. Aber im Büro bekommen wir jeden Tag Zuschriften. Die Absender finden, dass wir sie gängeln und dass das alles nicht stimmt. Ziel ist, jedem sachlich zu antworten, aufzuklären. Wer uns aber beschimpft oder beleidigt, will keine Antwort.
Trauen Sie sich, wieder das Ende der Pandemie auszurufen?
Ich habe ganz großes Vertrauen, dass wir im nächstens Jahr die Pandemie beenden können.