Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Lehrermangel an den Schulen: Angst vor dem Bildungsnotstand

Gibt es in Rheinland-Pfalz genügend Lehrer? Nein, entgegnen Bildungsverbände.
Gibt es in Rheinland-Pfalz genügend Lehrer? Nein, entgegnen Bildungsverbände.

Nach zwei Jahren Pandemie sind Schüler, Lehrer und Eltern in Rheinland-Pfalz mit den Kräften am Ende – und wenden sich nun mit einem verzweifelten Hilferuf an die Landespolitik.

Merten Eichert ist derzeit kaum zu beneiden. Als Leiter der Grundschule Schifferstadt-Nord jongliert der Pädagoge Tag für Tag gleich mehrere Aufgaben: Stundenpläne, Krankheitsvertretungen, Elterngespräche. Allein die Organisation von Eicherts Schule – mit 500 Kindern die größte Grundschule im Rhein-Pfalz-Kreis – ist für den Schulleiter schon eine tagesfüllende Arbeit. Oben drauf unterrichtet Eichert noch eine Schulklasse. Anders ist das auch gar nicht möglich, denn ihm fehlen schlicht die Lehrer.

Dabei sind die Personalengpässe nicht einmal die größte von Eicherts Sorgen, wie er sagt. Ja, die Arbeitsbelastung sei derzeit hoch. „Aber wenn wir in unsere ersten und zweiten Klassen gehen, dann sehen wir nach zwei Jahren Corona-Pandemie bei einigen Schülern große Defizite in der Kindesentwicklung, die wir aufholen müssen.“ Mitunter müssten sogar ganz banale Dinge erst gelernt werden, so Eichert: „Es gibt Kinder, die können noch nicht mal mit der Bastelschere schneiden.“

„Niemand wurde gefragt: ,Hey, wie gehts euch?’“

Eichert schildert, was sich an vielen Schulen im Land derzeit so abspielt: Erschöpfte Lehrer treffen auf Kinder und Jugendliche, die gerade jetzt noch mehr Betreuung und Aufmerksamkeit bräuchten. Wirklich auf diese Probleme eingehen können er und seine Kollegen kaum. Es gebe einerseits Kinder in den Klassen, die mehr Unterstützung bräuchten und andererseits solche, die gut mit dem Unterricht mitkämen und langsam anfingen, sich zu langweilen. „Wir haben teilweise Kinder in unseren Klassen mit Flucht- oder Migrationshintergrund, die sprechen kaum ein Wort Deutsch oder waren zuvor nicht im Kindergarten. Unterricht und gleichzeitig Sprach- oder sozialpädagogische Forderung – das können wir nicht leisten.“

Doch nicht nur an den Grundschulen sind mittlerweile viele Schüler und Lehrer erschöpft. „Der Druck, der auf uns Schülern aktuell lastet, ist enorm“, sagt Landesschülervertreter Colin Haubrich (17) aus Betzdorf (Kreis Altenkirchen). Kaum seien er und seine Mitschüler in die Schulen zurückgekehrt, sei eine Leistungsüberprüfung nach der anderen gefolgt. „Niemand wurde gefragt: ,Hey, wie gehts euch?’“

Fürs Kümmern bleibt im Schulalltag bei bis zu 30 Schülern pro Klasse jedoch selten Zeit. Denn auch an Realschulen und Gymnasien wird die Personaldecke immer dünner, wie die Landesvorsitzende des rheinland-pfälzischen Philologenverbands, Cornelia Schwartz, berichtet. „Immer mehr Schulstunden fallen aus, weil Kollegen kurz- oder langfristig krank werden und es nicht immer gleichwertigen Ersatz gibt“, sagt die Gymnasiallehrerin, die in Bad Dürkheim unterrichtet. Zusätzlich gebe es immer weniger Nachwuchslehrer. Vor allem im ländlichen Raum mache sich der Lehrermangel immer stärker bemerkbar.

Verbände fordern 7000 neue Lehrkräfte

Bildungsgewerkschaften sowie Schüler- und Elternvetreter schlagen nun Alarm und wenden sich mit einer Petition an die Landesregierung. Zwei Milliarden Euro jährlich mehr für den Bildungsetat sowie 7000 neue Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter fordern die Unterzeichner. Angesichts solcher Zahlen ist der Mehrbedarf an rheinland-pfälzischen Schulen offenbar gewaltig. Für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sind solche Forderungen ein Hilferuf, sagt GEW-Vorstand Klaus-Peter Hammer. „Wir brauchen die Aufstockung des Bildungsetats, wir brauchen in Zukunft mehr Lehrer. Mit dieser Petition haben wir dem Bildungsministerium nun konkrete Zahlen vorgelegt.“ Fast 6000 Menschen haben seit April die Petition unterschrieben, viele von ihnen aus der Pfalz.

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Das rheinland-pfälzische Bildungsministerium hingegen reagiert mit Verwunderung auf die Forderungen. Die in der Petition genannte Zahl von zwei Milliarden Euro könne man so nicht nachvollziehen, antwortet ein Sprecher auf RHEINPFALZ-Anfrage. Die Summe entspreche rund einem Drittel des gesamten Bildungsetats von Rheinland-Pfalz (2022: 5,64 Milliarden Euro). Ebenso kritisch blickt das Ministerium auf die geforderten 7000 zusätzlichen Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter. Schließlich würde eine solche Einstellungswelle bei aktuell rund 41000 Lehrkräften in Rheinland-Pfalz einen Zuwachs von rund 17 Prozent ausmachen.

Lehrer: Zahlen keine Luftschlösser

Sind solche Zahlen also Luftschlösser? Mitnichten, entgegen die Bildungsverbände. „Wir brauchen diese Stellen dringend, um Lehrer wie Schüler zu entlasten“, GEW-Vorsitzender Hammer. Natürlich fordere man nicht auf einen Schlag 7000 neue Kollegen, fügt Gymnasiallehrerin Cornelia Schwartz hinzu. „Das Land muss aber in den kommenden Jahren deutlich mehr Lehrerinnen und Lehrer einstellen.“

Man arbeite daran, die Unterrichtsversorgung auf hohem Niveau zu sichern, erwidert das Bildungsministerium. In diesem Jahr seien daher 400 zusätzliche Stellen ausgewiesen worden – rund die Hälfte davon Vertretungsstellen. Damit wachse die Zahl der zusätzlichen Stellen seit 2018 kontinuierlich, sagt das Ministerium. Ob jedoch alle ausgewiesenen Stellen auch besetzt wurden, sagt diese Statistik nicht aus.

„Der Markt ist leer“

Der Schifferstadter Schulleiter Eichert ist da skeptisch. Als GEW-Mitglied hat er die Petition mit ihren Forderungen unterschrieben. Natürlich würden neue Lehrerstellen ausgeschrieben. „Doch wenn wir die Sache realistisch betrachten, ist der Markt für voll ausgebildete Nachwuchslehrer schon jetzt leer gefegt.“ Im Juli endet für Eichert und seine Kollegen das Schuljahr. Beruhigt wird er jedoch nicht in die Sommerpause gehen können. Denn im September gehen die Personalsorgen weiter.

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