Vor 100 Jahren RHEINPFALZ Plus Artikel Katastrophentourismus nach BASF-Explosion in Oppau

Katastrophentourismus : früher in Oppau (1921 nach der Explosion bei der BASF mit 561 Toten)) ...
Katastrophentourismus : früher in Oppau (1921 nach der Explosion bei der BASF mit 561 Toten)) ...

Zufällig geriet Lisa Sanner vor rund zehn Jahren an Bilder eines riesigen Kraters. Fotos jenes Lochs bei der BASF, das heute vor 100 Jahren die Wucht einer Düngemittelsilo-Explosion in die Erde und 561 Menschen in den Tod riss. Die Münchner Historikerin hat die beiden größten deutschen Industriekatastrophen untersucht: von 1921 und 1948. Sie erinnert sich besonders an zwei Entdeckungen.

Lisa Sanner ist überrascht, als die RHEINPFALZ sie Wochen vor dem historischen Tag, dem 21. September, noch einmal um Erinnerungen bittet zu ihrer Doktorarbeit und ihrem Buch, in dem sie die beiden industriellen Jahrhundertkatastrophen bei der BASF unter die Lupe nimmt: die von 1921 und 1948. Denn ihr Buch erschien bereits 2015. „Auch wenn es schon so lange her ist, ich nehme es von Zeit zu Zeit aus dem Regal“, sagt die 38-Jährige. Sie lacht. Es verstaube keineswegs.

Ein monströser Krater

Vor allem die beiden großen Bildkapitel in dem 486 Seiten dicken Werk blättert die Historikerin dann durch. Ein Foto war es auch, das sie, die Münchnerin, mit einem Unglück in der Pfalz befassen ließ: das des monströsen fast 100 Meter breiten Kraters, den die Explosion an jenem Mittwochmorgen vor 100 Jahren um 7.32 Uhr in den Boden schlug, 561 Menschen in den Tod riss, Tausende verletzte und die Gemeinde Oppau, heute ein Stadtteil von Ludwigshafen, fast komplett zerstörte.

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Die Luftaufnahme zeigt den riesigen Krater nach der Explosion des Düngemittelsilos.
Pfalzgeschichte(N)

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BASF-Explosion 1921: Eine Katastrophe von ungekanntem Ausmaß

Eine Lockerungssprengung in dem Silo mit dem Schwefel-Stickstoffdünger war Ursache der Detonation. Ammonsulfatsalpeter bäckt zusammen. Tausende Male war beim Lockern nichts passiert, an diesem Morgen aber ist es anders. Jenes Kraterfoto zeigt ihr ein Tutor, als sie als wissenschaftliche Hilfskraft an der Ludwig-Maximilians-Universität in München arbeitet. Es wird sie sechs Jahre beschäftigen.

Ein Kesselwagen der Sommerhitze

So lange arbeitet sie an ihrer Dissertation, nimmt als Thema die historische Dimension des zweiten Chemie-Großunfalls, die Explosion eines Kesselwagens 1948 hinzu, versucht die Ereignisse gegeneinander zu stellen. In der Mittagshitze des 28. Juli ließ hochentzündlicher Dimethylether das Behältnis damals bersten. Es sterben mehr als 200 Menschen, fast 4000 sind verletzt.

Lisa Sanner fuhr zu Archiven in Paris, Berlin, München, Ludwigshafen und Speyer. Die Pfalz gehörte 1921 zu Bayern, Frankreich hatte als Siegermacht nach dem Ersten Weltkrieg das Sagen. Eineinhalb Jahre schrieb Sanner auch in einem kleinen Dorf in Norwegen weiter, wo sie mit ihrer damaligen Partnerin und heutigen Ehefrau, einer Ärztin, lebte. Insgesamt sechs Jahre wissenschaftlicher Forschung – „ein straffes Programm, täglich von neun bis fünf Uhr“ habe sie gearbeitet, erzählt die 38-Jährige.

Der enorme Produktionsdruck und die Folgen

Und was hat ihre Recherche ergeben? Beide Unglücke ereigneten sich nicht zufällig jeweils drei Jahre nach Kriegsende, sagt sie. Der Mangel sei bei beiden relevant gewesen. „Auch der enorme Produktionsdruck.“ Und: „Marode Schweißnähte wie bei dem alten Kesselwagen hätte es schon wenige Jahre später wohl nicht mehr gegeben.“ Die Aufarbeitung, Schadensregulierung und der Wiederaufbau dagegen seien bei dem späteren Ereignis leichter gewesen, da „alles schon auf gefestigtere Strukturen traf“, so Sanner. Zwei Entdeckungen aber überraschten sie. Wie die Politik die Unglücke vereinnahmte und damit auch die Medien – sowie die Reaktion der Gesellschaft. Zwei Phänomene tauchen schon damals auf – lange, bevor es dafür die Begriffe gibt: Fake News und Katastrophentourismus.

Fake News von damals

Viele, auch internationale Zeitungen, berichteten gerade über das Unglück von 1921 mit kräftigen Schlagzeilen. Der amerikanische Boston Daily Globe etwa titelte einen Tag später laut ihrem Buch: „1500 Deutsche sterben bei Explosion in Kriegsgasanlage.“ Sanners Analyse: Da die ersten Meldungen in deutschen Zeitungen eine Detonation zweier Gaskompressoren als Auslöser erwägen, griffen amerikanische, britische und französische Medien „Vermutungen über eine geheime Giftgasproduktion in Deutschland“ auf. Und, so die Historikerin, „die rechtsnationale Presse kolportierte, dass die Franzosen nicht helfen würden. Das stimmte aber nicht“. Sie hätten etwa mit Suppenküchen die Leidenden versorgt.

Verletzte herrichten für Porträts

Auch ein anderes Phänomen sei damals zu beobachten gewesen – ähnlich wie heute an der Ahr: In der Sonntagskluft reisten Menschen ins Katastrophengebiet, stiegen auf die Trümmer und posierten für Fotos, auch Verletzte wurden „hergerichtet“ für Porträts. „Diese Bilder haben mich einerseits schockiert“, sagt sie. Aber: „Sie zeigen keine Verrohung der Menschen, sie gehören vielmehr zum Menschsein dazu.“

Wissenschaftliche Rezensenten loben Sanners Buch mit dem Titel „Als wäre das Ende der Welt da“ vor allem als geschichtswissenschaftliche Leistung wegen seiner Detailreiche und -tiefe. Katja Patzel-Mattern von der Uni Heidelberg etwa schreibt dazu: „Sie analysiert die Bedeutung der jeweiligen politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Entstehung der Unfälle, ihre materielle und immaterielle Bewältigung sowie die politisierende Aneignung des Geschehens.“ Kritisiert wird dagegen, dass „bedauernswerterweise“ strukturelle Gemeinsamkeiten der Geschehnisse von 1921 und 1948 weniger stark ausgearbeitet werden.

Auch in Beirut explodierte wohl Dünger

Trotz verstärkter Sicherung ist der Umgang mit Chemikalien nie risikolos. Im Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut explodierten im vergangenen Jahr vermutlich große Mengen Ammoniumnitrat, einem Düngemittel wie bei der BASF damals vor 100 Jahren.

 

Info

  • Das Buch „Als wäre das Ende der Welt da“ von Lisa Sanner erschien 2015 mit einer Erstauflage von 200 Stück. Zwei Jahre später wurde nachgedruckt. Aktuell ist es vergriffen. Im Stadtarchiv Ludwigshafen kann ein Exemplar eingesehen werden. Sanner arbeitet heute in der Personalabteilung einer Münchner IT-Firma.

    – Unter dem Titel „Das Unglück von Oppau 1921 – ein Film zum Erinnern und Gedenken“ ist ein Beitrag der BASF ab dem 21. September unter basf.com/geschichte/oppau1921 zu sehen.

    – Am Donnerstag, 23. September, 18 Uhr, findet im Kulturzentrum Das Haus in Ludwigshafen ein Vortrag zum Unglück statt: „Schicksal oder Folge einer inhumanen Wirtschaftsweise?“ Der Referent sowie Arbeits- und Gesundheitswissenschaftler Wolfgang Hien aus Bremen blickt auch auf weitere Industriekatastrophen wie Bhopal und Beirut und fragt: „Wer trägt Verantwortung?“

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... und Katastrophentourismus heute an der Ahr: zynische Antwort in Mayschoß – Anwohner verlangen Geld fürs Fotografiertwerden, wie im Zoo.
Buchcover mit einer italienischen Illustration der größten deutschen Industriekatastrophe 1921 bei der BASF.
Buchcover mit einer italienischen Illustration der größten deutschen Industriekatastrophe 1921 bei der BASF.
Buchautorin und Historikerin Lisa Sanner.
Buchautorin und Historikerin Lisa Sanner.
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