Kusel / Freisen / Homburg RHEINPFALZ Plus Artikel Jahrestag Polizistenmorde: Geweckt mit den Worten „zwei Kollegen sind tot“

Ein Jahr danach: An der Kreisstraße zwischen Ulmet und dem Mayweilerhof erinnert ein Holzkreuz an die 24-jährige Polizeianwärter
Ein Jahr danach: An der Kreisstraße zwischen Ulmet und dem Mayweilerhof erinnert ein Holzkreuz an die 24-jährige Polizeianwärterin und den 29 Jahre alten Polizisten, die hier am 31. Januar 2022 im Dienst getötet wurden.

Am 31. Januar 2022 starben bei Ulmet im Kreis Kusel eine junge Polizeianwärterin und ein junger Polizist im Einsatz. Wie damit umgehen? Angehörige, Freunde, Nachbarn, Sportkameraden und Arbeitskollegen: Jeder trauert anders, jeder versucht einen eigenen Weg zu finden. Der Jahrestag reißt Wunden wieder auf.

Freisen ist ein großes Dorf wie es in der Pfalz und im Saarland noch viele gibt: Man kennt sich in der Nachbarschaft und beim Einkauf im Edeka, sonntags geht’s auf den Sportplatz zum Fußball oder man trifft sich im Eiscafé. Selbst die Kirche – Freisen galt in der Gegend als besonders gut katholisch – spielt noch eine Rolle.

Alles gut, also? Nichts ist gut. Wer in diesen Tagen durchs verschneite Freisen spaziert, der fühlt eine bleierne Schwere, die unsichtbar auf dem Dorf liegt. In Freisen wuchs der Polizist auf, der vor einem Jahr im Dienst ermordet wurde. Hier besuchte er die Schule, hier spielte er Fußball, hier feuerte er das Volleyballteam der Schwester an, hier packte er in weiteren Vereinen an, wo immer es fehlte.

Wenn man die, die ihn gut kannten, anspricht, beginnen sie zu erzählen, aber schon bald stockt die Stimme, dann geht’s nur noch schluchzend oder gar nicht mehr weiter.

Manche reagieren nach wie vor abrupt fassungslos

Einen Verlust verarbeiten, mit der Zeit einen Umgang damit lernen – das sagt sich leicht. Freunden und Kameraden, fällt das schwer, manche reagieren nach wie vor abrupt fassungslos – im ursprünglichen Sinn dieses Wortes –, wenn sie an das grausame Geschehen denken. Der junge Ortsvorsteher bringt auch nicht viele Worte heraus, er kann nicht begreifen, dass sein Klassenkamerad nicht mehr da ist. Das Mitgefühl mit den Eltern und den übrigen Angehörigen, die alle im Ort leben, ist überall spürbar.

An der katholischen Kirche steht ein Ehrenmal, das ursprünglich an die Opfer der Kriege erinnerte, heute an alle Opfer von Gewalt. An diesem Ehrenmal gedenken die Freisener ihres getöteten Mitbürgers. Vom Tag der Tat an legten sie hier Blumen, Bilder und andere Zeichen ab, stellten Kerzen auf. Nicht ein paar Tage lang, sondern Wochen und Monate lang. Nach dem Sommer wurde es weniger, aber in diesen Tagen sieht man hier wieder Blumen, Kerzen.

Am Jahrtag werden sich die Klassenkameraden des Getöteten versammeln. Still und intern wollen auch die Fußballer gedenken.

Angehörige in Homburg-Erbach: einfach weiterleben geht nicht

30 Kilometer südlich – in Homburg-Erbach – war die 24-jährige Polizeianwärterin aufgewachsen, der zusammen mit dem 29-jährigen Freisener das Leben genommen wurde. Auch für ihre Angehörigen wird das Leben nie wieder wie es war. Beim Prozess wegen der Morde schilderte der Anwalt der Familie, dass alle – Vater, Mutter und Schwestern – seit der Tat nicht mehr fähig sind, zur Arbeit zu gehen und psychisch schwer leiden. Obwohl Homburg städtischer als Freisen ist, erfährt auch hier die Familie Unterstützung und starkes Mitgefühl aus ihrem Lebensumfeld.

Die Polizei hatte vor einem Jahr bundesweit bei öffentlichen Gedenkveranstaltungen und in den sozialen Medien mit dem Slogan „zwei von uns“ getrauert. Das Jahresgedenken fällt nun still aus. Am Dienstag wird es zwei Veranstaltungen geben, eine vor Ort und eine in der Polizeischule im Hunsrück. Bei beiden wollen die Polizisten unter sich bleiben.

„Der Beruf ist wichtig. Ich werde gebraucht.“

Hat die Tat dazu geführt, dass Polizisten ihren Beruf aufgeben mussten? Nein, sagt Bernhard Erfort, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Kaiserslautern. Er habe bei seinen Kollegen eher die Reaktion beobachtet: „Der Beruf ist wichtig. Ich werde gebraucht.“

Streifendienst für einige nicht mehr möglich

Natürlich liege die Belastungsgrenze bei jedem woanders und es gebe auch Kollegen, die „seither nicht mehr im Streifendienst“ arbeiten können. Ähnlich sei es mit der Verarbeitung des Geschehenen. Manche wollten nicht mehr darüber sprechen, andere wühle es immer wieder auf. Eine Kollegin, so Erfort, habe für sich einen Weg gefunden: Sie pflege „die Erinnerung an zwei liebe Menschen“, nicht an den Tag der Tat.

An jenem Montag wurde Bernhard Erfort von seinem Chef kurz nach 5 Uhr per Telefon geweckt: „Komm bitte sofort ins Büro. Wir haben einen großen Einsatz. Zwei Kollegen sind tot.“ Auf der Fahrt in den Dienst habe er noch gehofft: „Das hat er nicht gesagt.“ Dort angekommen, erfuhr Erfort die Namen der Getöteten. Den Polizisten kannte er gut. Er hatte auf der Pressestelle ausgeholfen.

„Was mich abgelenkt hat, das war die Arbeit.“

Doch zum Innehalten war keine Zeit. „Die erste Meldung war online. Sofort ging es los mit den Anrufen. Ich habe den Hörer abgenommen. Wenn das Gespräch rum war, folgte sofort das nächste. Den ganzen Tag. Man hört sich selbst sprechen. Man versucht eine Balance zu halten zwischen den eigenen Emotionen und professionellem Arbeiten.“ Für Erfort lief der Tag wie im Film ab: „Was mich abgelenkt hat, das war die Arbeit.“ Abends ging’s im Homeoffice weiter. An den Folgetagen trafen die Kondolenzen aus aller Welt ein. „Die liest man am besten allein“, so Erfurt.

„Noch sensibler, noch umsichtiger geworden, auch im Umgang untereinander“

Mit der Zeit habe er Trost gefunden, privat und durch professionelle Begleitung. Im Dienst habe man sich gegenseitig Halt gegeben und tue es noch heute. „In der Konsequenz sind wir noch sensibler, noch umsichtiger geworden – auch im Umgang untereinander.“ Und welche Bedeutung hat das Urteil im Mordprozess? Hilft es dabei, mit der Tat abzuschließen? „Nein“, sagt Erfort, „kein Urteil der Welt macht die beiden wieder lebendig.“

Dokumentation am 1. Februar im SWR-Fernsehen

Hinweis: Das SWR-Fernsehen strahlt am Mittwoch, 1. Februar, um 20.15 Uhr die Dokumentation „Krieg im Forst – die gnadenlose Welt der Wilderer“ aus, in der es auch um die Tat von Kusel und die Recherchen von RHEINPFALZ-Reporter Georg Altherr geht. Weitere Sendetermine: 2. Februar um 10.20 Uhr und 3. Februar um 0.45 Uhr im SWR- und im SR-Fernsehen.

Die gesamte Berichterstattung der RHEINPFALZ zur Tat und über den folgenden Prozess finden Sie gesammelt in zwei Blogs: Vom 31. Januar 2022 bis vorm Prozess hier. Und vom Prozessbeginn bis jetzt hier.

Auf der anderen Straßenseite steht diese Gedenktafel in der Böschung.
Auf der anderen Straßenseite steht diese Gedenktafel in der Böschung.
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