Kalenderblatt: Kalender: Der Bikini schlug 1946 ein wie eine Bombe

HinguckerDer mit Schlagzeilen bedruckte Bikini, den Micheline Bernardini am 5. Juli 1946 vorführt, macht Schlagzeilen. Zusammeng
HinguckerDer mit Schlagzeilen bedruckte Bikini, den Micheline Bernardini am 5. Juli 1946 vorführt, macht Schlagzeilen. Zusammengefaltet passt der knappe Zweiteiler in die Streichholzschachtel, die das Model hochhält.
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Vier Dreiecke und 194 Quadratzentimeter Stoff, zusammengehalten von einer dünnen Schnur – diese Konstruktion sorgte vor 74 Jahren für Aufregung. Heute ist der Bikini von den Stränden und aus den Schwimmbädern nicht mehr wegzudenken. Die Geschichte einer Provokation, die zum Alltagsgegenstand wurde. Von Alexander Hoffmann

Am 5. Juli 1946 herrschen 35 Grad in Paris, bestes Wetter für eine Bademodenschau und Miss-Wahl im vornehmen Pariser Freibad Molitor in Auteuil. Das ausgewählte Publikum lässt die Mannequins Revue passieren, bis die 19-jährige Micheline Bernardini auftritt – und einen Skandal provoziert. Sie trägt vier winzige Stoffecken und sonst nichts. Der Entwurf stammt von Louis Réard (49), der in St. Tropez ein Dessous-Geschäft betreibt.

Die meisten Zuschauer sind geschockt, nur die Journalisten finden die Idee reizvoll. Der mutigen Badebekleidung hat Réard den Namen „Bikini“ verpasst. Dieser Name ist gerade in aller Munde, denn wenige Tage zuvor haben die USA mit ihren Atombombentests auf dem Südsee-Atoll Bikini begonnen.

Im Vorfeld hatten sich mehrere Mannequins geweigert, in diesem Mini-Badeanzug aufzutreten. Bernardini hatte keine Probleme mit der Nacktheit, war sie doch im Hauptberuf Stripteasetänzerin. Für die Fotografen posiert sie wie die Freiheitsstatue und demonstriert, dass der Bikini Platz in einer Streichholzschachtel findet. Die eigentliche Miss-Wahl gerät völlig in den Hintergrund.

Ein Eklat

Mit dem Bikini kommt ein Gefühl von Freiheit und Aufbruch in die Tristesse eines Europas, das gerade den Zweiten Weltkrieg hinter sich gebracht hat. Der geschäftstüchtige Réard möchte aber auch provozieren. „Der Bikini ist so klein, dass er alles über die Trägerin enthüllt bis auf den Geburtsnamen ihrer Mutter“, sagt er damals. Aber mit einem solchen Eklat hat er nicht gerechnet. Es sind prüde Zeiten und anfangs verkauft sich der Bikini sehr zögerlich. In katholisch geprägten Ländern ist er an vielen Badeorten ausdrücklich verboten. Das einflussreiche Modemagazin „Vogue“ hält fest, „dass alle unsere Leserinnen den berüchtigten Bikini ablehnen“.

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg sitzt Louis Réard am Strand von St. Tropez und überlegt, wie er seinem Lingerie-Geschäft, das er von seiner Mutter geerbt hat, ein wenig Schwung verleiht. Ihm fallen die vielen Frauen auf, die sich ihre großflächigen Badeanzüge hochkrempeln, um sich besser bräunen zu können. Längst ist das bleiche Schönheitsideal von der „gesunden Bräune“ abgelöst worden. Da kommt ihm die Idee – ein Mini-Badeanzug, womit die Damen „nackt und doch angezogen“ sind. Der Bikini ist geboren, in bewusster Anlehnung an das Südsee-Atoll. In der Sprache der pazifischen Ureinwohner heißt Bikini übrigens „Land der vielen Kokosnüsse“.

Bardot, Monroe, Andress

Lange passiert nichts. In den frühen 1950er Jahren setzt die Mode auf Wespentaille, runde Hüften und üppige Busen. Deshalb werden die Badeanzüge so gepolstert, dass sie die Figur modellieren und die Brust anheben. Zweiteiler eignen sich dafür nicht. Dann tritt eine 19-jährige, bildschöne Französin auf den Plan. Die noch kaum bekannte Brigitte Bardot räkelt sich 1953 während des Filmfestivals in Cannes in einem rosa karierten Bikini auf dem Sand der Croisette. Das sorgt für Furore und in Amerika brechen im selben Jahr die Dämme, als Marilyn Monroe in einem Bikini abgelichtet wird.

Den endgültigen Durchbruch erlebt der Bikini in den 1960er Jahren, dem Jahrzehnt der Befreiung von der Prüderie, dem Jahrzehnt, als auch der Minirock aufkommt. Im James-Bond-Film „Dr. No“ entsteigt 1962 die Schweizer Schauspielerin Ursula Andress in einem elfenbeinfarbenen Baumwollbikini nebst Dolch dem Meer, die Filmcrew spendet spontan Beifall.

Allerdings hat nicht jede Frau eine Figur wie Ursula Andress, die als die aufregendste Schweizer Skulptur neben dem Matterhorn gilt. „Bikinis machen Frauen nervös. Selbst Supermodels reagieren auf dieses Kleidungsstück zuweilen panisch, enthüllt es doch erbarmungslos jede Schwachstelle ihres physischen Betriebskapitals“, schreibt Beate Berger in ihrem Buch „Bikini – eine Enthüllungsgeschichte“.

Die RHEINPFALZ feiert 2020 ihren 75. Geburtstag. Im Kalender erinnern wir jeden Tag an ein besonderes Ereignis oder eine ungewöhnliche Geschichte aus den vergangenen 75 Jahren.