Zweibrücken
Von Amazon vertriebenes Vogelpärchen nimmt neue 70.000-Euro-Heimat noch nicht an
Amazon hat ein seltenes Vogelpärchen vertrieben. Plakativ und verkürzt stimmt das so. Weniger polemisch und etwas ausführlicher ist Folgendes passiert: Das US-Unternehmen Scannell hat im Industriegebiet Steitzhof zwischen Outlet und der Autobahnabfahrt Walshausen eine riesige Logistikhalle gebaut, in die die Zweibrücker Rennwiese hineinpassen würde. Auf dem Gelände lebte aber ein Paar einer geschützten Vogelart: der Flussregenpfeifer. Für das Vogelpärchen musste wegen des Artenschutzes ein Ausgleich geschaffen werden. Fast 70.000 Euro hat der Zweckverband Entwicklungsgebiet Flugplatz (ZEF) bezahlt, um am Ende der Landebahn Richtung Mauschbach eine Fläche von 5000 Quadratmetern herzurichten, auf der der Vogel brüten soll. Die große Logistikhalle sollte Amazon beziehen. Amazon ist bisher nicht gekommen. Der Flussregenpfeifer auch nicht.
Ob der Vogel das sogenannte Ersatzhabitat tatsächlich annimmt, war schon von Anfang an unklar. Der Vogel zieht über Winter in den Süden. Zweibrückens Oberbürgermeister Marold Wosnitza hatte schon in der ZEF-Sitzung Anfang 2022 mit einem Augenzwinkern gesagt, er hoffe, dass der Vogel nicht über Winter gestorben ist. Er fügte an: „Das ist schon eine Investition für einen Vogel. Für ein Vogelpaar, Verzeihung.“ Im Februar 2022 hatte der ZEF den Auftrag für 57.000 Euro vergeben. Im Sommer kamen noch mal 11.000 Euro dazu, unter anderem, weil mehr Schotter und Kies verbaut wurden, als eingeplant war. Anfang 2023 wurden laut Thorsten Höh, Sprecher der Kreisverwaltung Südwestpfalz, noch drei Wassermulden mit Teichfolie ausgekleidet und Gehölze am südlichen Ende des Habitats entfernt, was 1500 Euro kostete und zur laufenden Unterhaltung des Habitats zählt, für die auch der ZEF aufkommt.
Die Lastwagen, die den Kies lieferten, hatten zudem Feldwege auf Mauschbacher Gemarkung beschädigt, die repariert werden mussten. Das kostete noch mal gut 5000 Euro, weniger als die 10.000 bis 15.000 Euro, die Mauschbachs Bürgermeister Bernhard Krippleben befürchtet hatte. Diesen Schaden trug die kommunale Haftpflichtversicherung, weshalb der ZEF hierfür nicht aufkommen musste. Der Zweckverband Entwicklungsgebiet Flugplatz ist ein Zusammenschluss der Gemeinden, auf deren Gemarkung das Flugplatzgelände und das Industriegebiet Steitzhof liegen: Zweibrücken, Althornbach, Contwig und Mauschbach, dazu der Landkreis. Landrätin Susanne Ganster hat derzeit den Vorsitz in der Zweckverbandsversammlung. Sie hatte ihn im Oktober von Oberbürgermeister Marold Wosnitza übernommen. Der Vorsitz wechselt alle zweieinhalb Jahre zwischen dem Kreis und der Stadt Zweibrücken.
Zuversichtlich, dass das Vogelpärchen noch brütet
Laut Thorsten Höh „wird eine regelmäßige Erfolgskontrolle der Fläche durchgeführt“, ob das Vogelpaar die neue Fläche annimmt. Im ersten Jahr nach dem Bau konnte kein Brutpaar nachgewiesen werden. Im zweiten Jahr auch nicht. Der ZEF bleibt dennoch optimistisch: „Das Monitoring 2023 kam zu dem Ergebnis, dass die Fläche in der vorliegenden Form funktionsfähig ist, aber noch nicht als Habitat angenommen wurde. Da das Habitat in Größe und Vegetation als funktionsfähig eingeschätzt wird, ist der ZEF zuversichtlich, dass sich in den kommenden Brutperioden ein Bruterfolg einstellen wird“, schreibt Kreissprecher Höh.
Die 70.000 Euro sind die Kosten, die der ZEF im Zusammenhang mit der Logistikhalle zahlen musste. Zwar kamen noch vergleichsweise geringe Kosten im Zusammenhang mit verlegten Wasserleitungen hinzu, aber den größten Teil der Kosten, um das Gelände herzurichten, trug die Firma Scannell, die die Halle gebaut hat. Sie bezahlte auch die Verlegung der Seilmacherstraße, die von der Kreisstraße 84 – die Landstraße neben der Autobahn – abzweigt. Die Seilmacherstraße passte an ihrem ursprünglichen Platz nicht zu den neuen Plänen. Sie war schon vor 15 Jahren gebaut worden, als das Gelände noch für die saarländische Stahlbaufirma Brück vorgesehen war.
Damals wurde auch das Regenrückhaltebecken gebaut, das ebenfalls der ZEF bezahlt hat. Es fasst 16.500 Kubikmeter Wasser. Auch das ist riesig: Ein normaler Wasserhahn müsste über zwei Jahre lang ununterbrochen laufen, bis es voll ist. Laut Eckart Schwarz, Werkleiter bei der Verbandsgemeinde Zweibrücken-Land, kostete das Becken vor 15 Jahren knapp 850.000 Euro. Diese Kosten zählen aber zur Ersterschließung des Geländes. Fast sechs Millionen Euro hatte der Zweckverband damals für den Kauf und die Erschließung des Geländes eingeplant. Zwar siedelte sich die Firma Verope am Steitzhof an, der Großteil lag aber anderthalb Jahrzehnte brach, bis Scannell kam.
Die verlegte Seilmacherstraße, die von der K84 abzweigt, ist laut Kreissprecher Höh eine öffentliche Fläche. Nicht mehr öffentlich seien aber die beiden Bushaltestellen am Ende der Seilmacherstraße und die Parkplätze hinter der großen Halle. Dort sind 326 Parkplätze entstanden, darunter Behindertenparkplätze und welche mit E-Ladestationen, fast 40 Motorradparkplätze und etwa 75 überdachte Stellplätze für Fahrräder plus zwei eigene Fahrradspuren. Diese Flächen sind zwar nicht umzäunt, zählen aber nicht zu den öffentlichen Flächen. Sie wurden auch komplett von Scannell bezahlt.