Contwig RHEINPFALZ Plus Artikel Christian Baron liest – und die Schüler hängen an seinen Lippen

Christian Baron las wenig und erzählte dafür umso mehr vor den Schülern an der IGS Contwig.
Christian Baron las wenig und erzählte dafür umso mehr vor den Schülern an der IGS Contwig.

Am Freitag las der 37-jährige Christian Baron, der deutsche Starautor aus Kaiserslautern, zum ersten Mal in einer Schule in der Pfalz: in der IGS Contwig. Auch er selbst hatte eine IGS besucht und war glücklich dort, wie er erzählte.

Eigentlich hat Christian Baron (Betonung auf Ba), der heute in Berlin lebt, viel erzählt und wenig gelesen. Und das war auch gut so. Denn das Buch kannten die 110 Oberschüler der IGS Contwig schon, als sie am Freitag dem Autor gegenübersaßen. Sechs Wochen hatte sich der Leistungskurs 12 Deutsch mit Barons erstem Buch „Ein Mann seiner Klasse“ (2020) beschäftigt, in dem er seine Kindheit in Armut in Kaiserslautern in den 1990er Jahren so anschaulich beschreibt, dass man sich alles gut vorstellen kann. Peter Hammerschmidt, der Deutschlehrer, hatte es als die im Lehrplan vorgesehene frei wählbare zeitgenössische Literatur ausgesucht. So einfach kann alles sein.

Die FCK-Dosis aushandeln

Er hätte sein Buch gerne auf Pfälzisch geschrieben, aber es sollte universell sein, erzählt Christian Baron an diesem Freitag. Und sein Lektor aus Cottbus hätte dann wohl noch mehr Probleme mit dem Text gehabt als die mit dem FCK, „der in meinen Büchern immer eine große Rolle spielt. Wir haben da immer wieder die Dosis aushandeln müssen. Da hat er gesagt: Muss dieses Spiel auch noch vorkommen? Ich sagte: Ja, das ist wichtig, es steht nicht einfach nur für sich. An manchen Stellen hat er mich aber erwischt und sagte: Hier steht es nur für sich allein, es sagt sonst nichts aus. Da ging halt die Lokalkoloritkeule mit mir durch, und dann habe ich mich darauf eingelassen, aber es ist noch genug Betze in dem Buch drin. In meinem aktuellen Buch ,Schön ist die Nacht’ spielt der Betze eine noch größere Rolle“, macht Baron auch gleich ein bisschen Werbung.

Sein erstes Buch sei immer noch aktuell, gerade bei den Themen, über die er sprechen will: Bildung und Gerechtigkeit, und auf einer weniger abstrakten Ebene Schuld und Verzeihung. Dass die Schüler bei dieser Ankündigung nicht laut und unruhig werden, liegt wohl daran, dass Baron so rüberkommt, als wäre er einer von ihnen: sympathisch, locker, cool eben. Dann liest er den Anfang seines Buchs: recht flott, akzentuiert, aber nicht überbetont – und stoppt gleich wieder, um zu erzählen – von seinem Vater, mit dessen Tod das Buch beginnt. Er war Möbelpacker, „das, was man heute ,working poor’ nennt. Er hat von seiner Hände Arbeit allein seine Familie nicht ernähren können.“

„Ein absolutes Arschloch“

Ein Mädchen nickt, ein anderes blickt eher traurig, als Baron weiterhin erzählt, dass sein Vater geprügelt und gesoffen habe. Baron beschönigt nichts, auch sprachlich nicht, seine Lesung ist so lebensnah und so menschlich, wie man nur es selten erlebt – und nie vergessen wird. Man könnte sagen, ein Glücksfall für alle, die im Saal sitzen; „Ganz lange war er für mich nur ein absolutes Arschloch, mit dem ich nichts mehr zu tun haben will, er ist mein Erzeuger, nicht mein Vater, ich will nicht darüber nachdenken.“ Als Erwachsener habe er erfahren, dass sein Vater bei einem noch gewalttätigeren Vater aufgewachsen sei. Niemand habe ihm geholfen.

Und wie ist das, wenn er nun selber Vater wird, will bei der Fragestunde eine Schülerin wissen. „Es ist ein Kind, das wir wollen. Ich weiß, dass ich bestimmte Dinge vererben könnte. Ehrgeiz und Jähzorn trage ich in mir. Glücklicherweise habe ich nie ein schwieriges Verhältnis zum Trinken gehabt, aber wer weiß, ob das in Zukunft so sein wird? Solche Sachen vererben sich auch. Sicherheit gibt mir die Tatsache, dass ich eine Familie habe, die darauf achtet.“

Geborgenheit ist wichtig

Baron wird privat: Schon bei seinem ersten Date mit seiner heutigen Frau habe er von seiner Kindheit erzählt, was er vorher nie getan habe. „Da war das Fundament schon gelegt, dass ich mich emotional sicher und geborgen fühle. Wenn man in Armut aufwächst, ist das eine Sache, die man nicht unterschätzen darf: Man hält es dann aus, wenn es eine Perspektive gibt und vor allem wenn man Geborgenheit empfindet. Das ist bei mir der Fall, ich lebe auch nicht mehr in Armut: Ich kann von meiner Arbeit besser leben, als es mein Vater je gekonnt hätte. Ich glaube, dass ich ein guter Vater sein kann.“

Es gibt blaue Frage und rote Fragen. Letztere wagen die Schüler nicht zu stellen, der Lehrer muss ran. Zum Beispiel, ob er mit dem Buch seine soziale Klasse verraten habe. „Ich glaube nicht, dass es möglich ist, einen sozialen Aufstieg hinzulegen, wenn man sein Milieu verlässt, als Erster in der Familie studiert, dann geht es gar nicht anders, als einen gewissen Verrat zu begehen. Irgendwann habe ich angefangen, Hochdeutsch zu sprechen, was vorher nie der Fall war – das ist in der Pfalz ein besonderes Ding – und damit fängt es schon an. Man kommt zurück, und es heißt: ,Der Herr Doktor, du sprichst wie ein Politiker.’ Damit muss man erst mal klarkommen mit 18,19 Jahren. Man macht sich lustig darüber, aber es kann auch verletzend sein. Auf der anderen Seite spürte ich, dass mir die Wurzeln verlorengehen. Als ich an der Uni war, habe ich das Gefühl gehabt, die sind alle ganz anders als ich. Die haben Eltern zu Hause, wo 20 Meter Bücherregale stehen. Ich war zwischen den Stühlen – und diesen Bereich habe ich bis heute nicht verlassen.“

Nicht gegen die Familie geschrieben

Er habe das Buch aber nicht gegen seine Familie geschrieben, sondern gesagt, sie müsse damit einverstanden sein, betont Baron. Alle Familienmitglieder haben es gelesen, bevor es veröffentlicht wurde. Und sein Bruder meinte, er solle Sachen rauswerfen. Sein Bruder habe eine Anmerkung gemacht, die ihm gefiel: „Ich habe in der ersten Fassung Sachen drin gehabt wie: ,sagte Kafka schon in seinem Brief an den Vater.’ ,Musche unbedingt zeie, wie schlau du bischt?’, fragte mein Bruder. Er war mein erster Lektor. Das Verhältnis ist heute noch gut.“ Was Christian Baron auch verrät: Die Namen im Buch sind nicht die wahren – bis auf seinen eigenen und den des Hundes. Weil die Geschichte stellvertretend für andere steht.

Was er ungefragt sagt: „Durch das Schreiben dieses Buches ist mein Menschenbild besser geworden, obwohl ich mich mit ganz schrecklichen Dingen beschäftige. Ich blicke heute optimistischer auf Menschen. Selbst im negativsten Charakter kann ich noch gute Seiten sehen. Das ist eine Wirkung, die nur die Literatur oder die Kunst schaffen kann.“

Ein Rat fürs Leben

Was er ungefragt liest: zwei Gedichte, die er mit acht Jahren geschrieben hat. Was er der Journalistin noch verrät: dass er die ganz harten Sachen vor den Schülern nicht liest. Und dass er alle zwei, drei Monate nach Kaiserslautern kommt – am liebsten, wenn er dann auch ein Spiel des FCK sehen kann. Was er allen mit auf den Weg gibt: „Bitte lasst euch nie das Träumen verbieten.“ Ob er das auch bei Lesungen vor Erwachsenen sagt? Das wäre eine Frage für das nächste Mal.

Mehr zum Thema
x