Neunkirchen / Bexbach RHEINPFALZ Plus Artikel Ausstellung von Ruth Engelmann-Nünninghoff: Von der Form zur Farbe

Diese titellose Tusche-Arbeit auf Papiervon Ruth Engelmann-Nünninghoff stammt aus dem Jahr 1970.
Diese titellose Tusche-Arbeit auf Papiervon Ruth Engelmann-Nünninghoff stammt aus dem Jahr 1970.

Bis zum 9. Juni zeigt die Städtische Galerie Neunkirchen eine Sonderausstellung mit späten Papierarbeiten der seit Mitte der 1950er Jahre in Bexbach lebenden Künstlerin Ruth Engelmann-Nünninghoff.

Ulf Sauerbaum, ein langjähriger Freund der 2016 verstorbenen Künstlerin, hat der Galerie 13 Mappen zur Verfügung gestellt, die auf der Empore in der Ausstellungshalle präsentiert werden.

Ruth Engelmann-Nünninghoffs Weg zur Kunst verlief nicht geradlinig. Die in Köln geborene und in Duisburg aufgewachsene Rheinländerin absolvierte zunächst eine Schneiderlehre und machte 1937 ihren Abschluss an der Werkkunstschule in Köln. Anschließend war sie als Modezeichnerin und -gestalterin in Berlin tätig, wo sie bis zum Krieg mehrere Jahre ein eigenes Atelier leitete.

Schemenhafte Schattenlandschaften

Nach ihrem kriegsbedingten Aufenthalt bei Verwandten am Walchensee in Bayern und ihrem Umzug ins Saarland Mitte der 1950er Jahre änderte sich ihr Malstil grundlegend. Sie fand als freiberufliche Malerin zur Abstraktion, die Farbgestaltung wurde zum wesentlichen strukturbildenden Element ihrer Arbeiten.

Zentrale Themen ihrer Darstellung waren Landschafts-, Architektur- und Stadtansichten, aber auch Stillleben. Auffallend ist dabei die zunehmende Abkehr von der Form hin zu Farbe und Farbkontrasten als dominierender Konstellation.

Diese Wasserfarben-Arbeit entstand 1981. In angedeuteten schwarzen Strichen heben sich Häuser schemenhaft aus einer Schattenland
Diese Wasserfarben-Arbeit entstand 1981. In angedeuteten schwarzen Strichen heben sich Häuser schemenhaft aus einer Schattenlandschaft von Wiesen und Wäldern hervor,

Eine Arbeit in Wasserfarben auf Papier aus dem Jahr 1981 zeigt die Aufsicht auf eeine Landschaft, deren Konturen längst nicht mehr starr und präzise sind. In angedeuteten schwarzen Strichen heben sich Häuser schemenhaft aus einer Schattenlandschaft von Wiesen und Wäldern hervor, im Hintergrund verschwimmen Gräser und Dämmerung zu einem unbestimmbaren Horizont.

In anderen Arbeiten verstärkt die Künstlerin die Abstraktion noch und „versteckt“ sie hinter formbildenden Farbkombinationen. Eine nur noch in hellen Farbfragmenten angedeutete Landscape in Grün-, Rot-, Gelb- und Blautönen verschwindet hinter einem schwarzen vertikalen Gittermuster, die lichten Farbwelten scheinen aber dennoch bestimmend durch.

Ruth Engelmann-Nünninghoffs Werke wurden nach und nach abstrakter.
Ruth Engelmann-Nünninghoffs Werke wurden nach und nach abstrakter.

Eine andere Arbeit ist durch weitaus stärkere Licht- und Schattenkontraste geprägt. Wie durch eine abstrahierte Waldszenerie, deren Stämme ein dunkles Muster über die Landschaft werfen, leuchten Laub, Wiesen und helle Lichtstimmungen hindurch.

Gestaltungselemente wie Andeutung, Licht und Kontrast treten noch deutlicher in ihren Tuschezeichnungen hervor. Zwei Bilder aus den 1970er Jahren beziehen ihre Spannung und Aussagekraft aus dem Gegensatz von abstrahierender Reduktion und einem klaren Schwarz-Weiß-Kontrast. In feinen filigranen Strichen deutet Ruth Engelmann-Nünninghoff auf nostalgisch vergilbtem Papier eine nicht näher bestimmbare Dorfszenerie in einer weiten offenen Landschaft an, winzige Striche evozieren sowohl Grasflächen als auch vorbeiziehende Wolken.

Eine weitere Tuschearbeit auf Papier ohne Titel von Ruth Engelmann-Nünninghoff aus dem Jahr 1974.
Eine weitere Tuschearbeit auf Papier ohne Titel von Ruth Engelmann-Nünninghoff aus dem Jahr 1974.

Eine andere Tuschezeichnung weist eine deutlich kraftvollere und energischere Pinselführung auf, die Landschaft ist durch Hell-Dunkel-Kontraste fragmentiert und erinnert fast an einen Scherenschnitt. Eine Dorflandschaft mit schemenhaften Häuschen ist hier angedeutet, alles beherrscht aber ein dichter Wald, dessen lichtdurchflutete Baumkronen die düster-bedrohliche Grundstimmung dieses dynamischen Bildes aufhellen.

Eine weitere Etappe von Ruth Engelmann-Nünninghoffs späten Zeichnungen bilden ihre Arbeiten in Transparentfarben aus den 1990er Jahren. Diese flüssigen Farben ermöglichen eine ganz neuartige, dynamische Pinselführung, die den Malprozess selbst zum Bildgegenstand werden lässt.

Durchkomponierte Spannung

Die Farben gewinnen noch zunehmend an Ausdruckskraft und lassen die mittlerweile auf wenige, aber kraftvolle Spachtelstriche reduzierten Arbeiten transparent und lichtdurchlässig wirken, obwohl meist eine dunkle Farbensymbolik dominiert. In einer Arbeit ist ein Fenster erahnbar, durch dessen zerrissenen roten Vorhang helles, mit weißen Flecken durchsetztes Sonnenlicht in ein düsteres Zimmer hineinflutet. Ein anderes Bild zeigt einen sich in einen wildwuchernden Garten öffnenden Balkon.

Diese Technik verwendet Ruth Engelmann-Nünninghoff zuletzt auch auf Fotografien. Ein Stillleben mit roten Rosen verfremdet sie so zu einer Fotocollage, in der sie ihre Motive hinter den kraftvoll fließenden Farblinien zu verrätseln sucht. So lässt sie eine reizvolle, fast rhythmisch durchkomponierte Spannung, zwischen Sichtbarmachen und Verbergen entstehen und bringt den Betrachter unbewusst dazu, vermeintliche Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen und seine eigene Wahrnehmung kritisch zu reflektieren.

Info

Städtische Galerie Neunkirchen, Marienstraße 2, Mittwoch, Donnerstag, Freitag 10 bis 18 Uhr, Samstag 10 bis 17 Uhr, Sonntag 14 bis 18 Uhr, Telefon 06821 202480.

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