Neunkirchen / Zweibrücken
Ausstellung mit Designerbaby und gepeitschten Farben
Menschenexperimente oder der Sinn des Lebens: Das sind Gedanken, mit denen man in der Ausstellung konfrontiert wird. Die vier Künstler haben viele Gefühle auf die Leinwand gebannt – oder in Bronze gegossen.
Die Sonne scheint durch die Buntglasfenster und macht sie damit zu einem Teil der Werke. Die grauen Betonwände schaffen Nischen. Jeder Künstler hat gleich mehrere Nischen. Aber auch ohne Abgrenzungen würde man direkt ihre Handschrift erkennen. Thomas Brunners Werkzeug war meist der Bleistift. Damit entstanden Werke, denen oft etwas Schweres, Melancholisches innewohnt. Jürgen Trösch ist mit Skulpturen aus Stahl oder Bronze vertreten. Jo Steinmetz hat Fotografien in abstrakte Welten gebracht. Heike Wilhelm hat Farben mit abstrakten Formen kombiniert.
Flecken fließen wie Honig
Wilhelm schafft Bilderwelten, bei denen immer wieder etwas anderes ins Auge springt. Ihr Bild „Beschwingt 2“ wird von einer dicken roten Linie durchzogen. Sie scheint über graue Flecken zu fließen wie Honig. Hin und wieder durchkreuzen schwarze, dünne Liniensprenkel das Bild. Es ist, als wäre ein Fass mit schwarzer Tinte ausgelaufen. Alles scheint miteinander verwoben zu sein Das gilt für die ganze Ausstellung. Die Werke machen sich ein Geschenk und ergänzen sich. Auch wenn jeder eigene Gedanken offenbart, wird die Ausstellung zu einem Gesamtwerk.
Jürgen Trösch erzählt der RHEINPFALZ, dass er gern mehreren Künstlern zugleich ein Zuhause auf Zeit gibt in der entweihten Kirche, die er selbst zum Atelier umgebaut hat. Das sorgt für Abwechslung. Er hatte schon Werke von 20 Künstlern in einer Ausstellung. Einige Bilder hängen in ein paar Metern Höhe - das gibt es sonst nur in Museen. Bis alle Kunstwerke hängen und stehen, dauert es laut Trösch etwa drei Wochen.
Der Glaube an die Genetik
Auf das ehemalige Taufbecken hat er eine Skulptur gestellt, die noch nicht fertig ist: Die bronzefarbene Figur eines merkwürdig aussehenden Wesens blickt einem entgegen. Das Modell ist aus Kunststoff; er muss es noch in Bronze gießen. Dann wird das Wesen den Titel „Designerbaby“ tragen. „Ich glaube an die Genetik – dass Sie früher oder später Ihr Haustier oder Ihren Körper genetisch manipulieren können. Dass Sie Eigenschaften entwickeln können, die nicht von der Natur gekommen sind, sondern durch einen Menschen herangezüchtet wurde“, erklärt er dazu.
Deshalb hat er gleich eine ganze Skulpturenserie „Wesen“, erschaffen. Man kann in sie reininterpretieren, was man will: Der gebogene Stahl kann die Gliedmaßen eines Wesens sein, der Knuppel vorne vielleicht der Kopf.
Der Traum und der Abgrund
Die Entstehung der Skulpturen beginnt meist mit einem Modell aus Gips. „Dann lasse ich einen Guss machen. Bis das geschliffen und hochglanzpoliert ist, vergehen schon Monate.“ Bei seinem Bild „Peitschen 3“ hat er die Acrylfarben mit einer Peitsche auf die Leinwand gebracht. „Dann versuche ich, da ein bisschen Struktur reinzubringen. Es entwickelt sich. Kunst entsteht.“
Auch eine meterhohe Figur aus Stahl ragt fast bedrohlich über einem auf. Trösch hat zwei Stahlteile ineinander verschmolzen. Heraus gekommen ist das „Tanzende Paar“. „Darum geht’s eigentlich im Leben“, meint er. Vom Verträumten, hin zum dunklen Abgrund des Lebens und der Seele führt einen die Ausstellung.
Pop-Art-Fratzen
Thomas Brunners Blei- oder Buntstiftzeichnungen haben oft etwas Düsteres. Der 2021 verstorbene Wort- und Bildkünstler hat im „Bild 24“ einen Totenschädel gezeichnet. Aus einem zweiten ragen kleine Arme, die aus seinen leeren Augenhöhlen wachsen. So hat der zweite Schädel etwas von einem Insekt, der auf dem Totenkopf kriecht. „Bild 53“ zeigt zehn Fratzen, die im Pop-Art-Stil grell schraffiert sind. Sie haben Mienen voller Erschöpfung, Langeweile oder Zorn. Oben ragt eine Frau aus den Köpfen, die die Arme in Ballerina-Pose ausstreckt. Die Düsternis zieht einen ins Bild. Die Szene erinnert an eine Szene aus der Hölle, vielleicht aus Dantes „Inferno“. Dass Thomas Brunner keine Bildtitel verwendet, lässt der Fantasie freien Raum.
In Jo Steinmetz’ Foto „Pooldance am Rathaus Zweibrücken“ ragen überdimensionale Beine vor dem Weiß des Gebäudes auf. Die Beine nehmen, wie andere digital eingefügten Elemente, die Farben der Fotografie an. In „Schwarzbachtreppe“ räkelt sich eine Frau auf den Stufen, deren Körper mit der Treppe verschmilzt. Der Schauplatz des wohl bildgewaltigsten Werks ist der Zweibrücker Alexanderplatz. Der Fokus in „Illumination am Alexanderplatz“ ist auf den lila angestrahlten Wasserfontänen, die aus dem Boden sprudeln. Lässt man den Blick schweifen, sieht man eine Frau, die über den Dächern der umliegenden Häuser aufragt.
Info
„Quarte“: Werke von Heike Wilhelm, Thomas Brunner, Jo Steinmetz und Jürgen Trösch, bis 29. November, Neunkirchen, Arthouse, Ecke Mozartstraße/Kleiststraße, Mittwoch bis Freitag 15-18 Uhr, Samstag 11- 13 Uhr und nach Vereinbarung bei Jürgen Trösch, Telefon 0171 4700460.