Speyer „Speyer ist nützlich für die Karriere“

Steht vor seinem Abschied als Rektor der Speyerer Uni: Joachim Wieland.
Steht vor seinem Abschied als Rektor der Speyerer Uni: Joachim Wieland.
Muss ein Verwaltungsjurist, der in Deutschland Karriere machen will, in Speyer gewesen sein?

Natürlich kann er auch Karriere machen als Verwaltungsjurist, ohne in Speyer gewesen zu sein. Mann muss also nicht, aber es ist nützlich. Es hilft, eine gute Stelle zu finden oder auch eine Beförderung zu erlangen. Hilfreich kann auch der Kontakt zu einem der rund 100 Lehrbeauftragten sein. Sie verschaffen den Zugang zur Praxis. Nicht selten finden Studenten eine Stelle in deren Umfeld. Speyer-Absolventen kennen sich außerdem, sind vernetzt. Das kann im Beruf hilfreich sein. Herr Wieland, Sie feiern am 30. Juli 66. Geburtstag, gehen kommendes Jahr in Ruhestand und kandidieren deshalb nicht mehr für die Position des Rektors der Hochschule. Wären Sie gerne länger im Amt geblieben? In solchen Selbstverwaltungsämtern ist ein Wechsel nach einer solchen Zeit – ich war schließlich sechs Jahre lang Rektor – ganz gut. Sonst gewöhnen sich alle anderen zu sehr an einen und dessen Stil. Die früher übliche Amtszeit von einem Jahr ist sicher zu kurz. Sie brauchen allein ein halbes Jahr zur Einarbeitung. Vier Jahre sind jetzt die übliche Dauer. Das ist eine gute Zeit. Die Uni Speyer hat ja keinen Kanzler. Der Rektor ist auch Leiter der Verwaltung. Bleibt als Rektor dann überhaupt Zeit für Forschung und Lehre? Na ja, ich verwende etwa die Hälfte meiner Arbeitszeit für das Amt. Warum geht die Anzahl der Studenten trotz des Werts von Speyer seit Jahren zurück? Die Anzahl der Rechtsreferendare sinkt. Waren es früher 10.000 im Semester in Deutschland, sind es heute noch rund 6000. Gut die Hälfte unseres Potenzials geht verloren. Nach dem 1. Staatsexamen machen viele einen Master oder finden einen Job. Immer weniger gehen ins Referendariat. Deshalb bieten wir seit einigen Jahren Master-Studiengänge an. Mit Erfolg. Von unseren 440 Studienplätzen sind wieder 430 besetzt. Die Universität Speyer muss also nicht schließen wegen eines Mangels an Studierenden? Die Frage kann man stellen. Wir haben 17 Träger – alle Bundesländer und der Bund zahlen für die Universität. Der Löwenanteil kommt aus Rheinland-Pfalz. Unser Haushalt hat ein Volumen von 12 Millionen Euro. Und je weniger Studenten, desto teurer ist der Studienplatz. Aber unsere Träger sind aktuell ganz zufrieden mit der Entwicklung. Die Lehrstühle und ihre Inhaber, aber auch Ihre Gastdozenten, haben immer wieder für öffentliche Diskussionen gesorgt, ich nenne mal zwei Namen: Hans Herbert von Arnim und Thilo Sarrazin. Ist ein Rektor froh und stolz über solche Personen und Debatten? Uneingeschränkt ja. Obwohl das nicht immer unproblematisch ist. Aber letztlich muss auch eine Uni im Wettbewerb im öffentlichen Bewusstsein bleiben. Und zum Fall Sarrazin: Der ist über uns gekommen. Geholt haben wir den Kollegen wegen seiner finanz- und haushaltsrechtlichen Expertise. Dann hat er das Buch geschrieben mit den umstrittenen Thesen zur Migration. Die waren übrigens hier nie Thema. Sarrazins Vorlesungen als Finanzfachmann hatten großen Zulauf. Auch Sie selbst haben immer wieder zu aktuellen Fragen öffentlich Stellung bezogen, weil Sie auch immer wieder gefragt werden. Etwa zum Heranziehen der Fußballclubs bei den Kosten von Extra-Polizeieinsätzen bei sogenannten Hochrisikospielen in der Fußball-Bundesliga. Wie fühlt man sich als solche Autorität in Sachen Abgeordneten-Diäten, Besetzung von politischen Gremien oder öffentlichen Finanzen, die Ihre Hochschule, die aber auch Sie und Ihre Kollegen zweifellos sind? Sind Sie mächtig im Staat? Mächtig nicht. Das hieße ja, dass man das, was man für richtig hält, auch durchsetzen kann. Wir sind aber froh, dass wir gehört werden. Wir können so zur Meinungsbildung beitragen. Wir freuen uns, wenn wir gefragt werden. Und es bestätigt Ihnen, dass Ihnen Kompetenz zugebilligt wird? Ja, durchaus. Das freut alle Angehörigen einer Universität natürlich. Aber noch einmal: Macht ist das nicht. Die Hochschule ist in Ihrer Amtszeit als Rektor – Sie wurden 2011 Nachfolger Ihres Kollegen Stefan Fisch in dem Amt – von der „Hochschule“ zur „Universität“ geworden. Warum und was hat das gebracht? Das war eine schwierige und langwierige Entscheidung. Der Name und vor allem die Abkürzung DHV war ein Markenzeichen. Aber das hat die falschen Assoziationen geweckt. Hochschulen sind in Deutschland inzwischen Fachhochschulen im Unterschied zu Universitäten. Und wir sind eben eine Uni. Zwar eine für Studenten, die schon ein Studium absolviert haben. Aber mit Promotionsrecht und Habilitationsrecht. Ich glaube, seit ein, zwei Jahren ist der Namenwechsel auch in den Köpfen komplett vollzogen. Alle sind zufrieden damit. Wie fühlt sich die Deutsche Universität für Verwaltungswissenschaften im Verhältnis zu Speyer – als lebenswichtiger Teil oder eher Fremdkörper? Wir fühlen uns schon als Teil der Stadt. Obwohl ich einräumen muss, dass unsere Randlage das erschwert, es ist nicht ideal. Aber wir sind da ganz offen, wollen mehr Austausch. Wir wollen das Miteinander gerne intensivieren. Eine Studentenstadt wie etwa Freiburg ist Speyer jedoch nicht und unsere Disziplin „Verwaltungsrecht“ klingt zunächst nicht so sexy. Der praktische Wert für jeden Speyerer ist nicht sofort erkennbar. Kein Speyerer schickt sein Kind an die Uni Speyer. Das kann nämlich erst kommen, wenn es schon ein Studium absolviert hat. Wie nehmen Sie persönlich am städtischen Leben teil? Ist der Brezelfest-Besuch ein Muss für den Rektor der Universität? Aber ja. Ich war grade wieder da. Ich bin Westfale, komme aus Bielefeld, bin aber inzwischen längst ein Fan der Pfalz. Hier beginnt die Toskana Deutschlands. Die Menschen hier sind Genießer, verstehen zu leben, sind offen. Schon als ich in Karlsruhe am Bundesverfassungsgericht war, sind wir gerne in die Pfalz gefahren. In Westfalen müssen sei immer zuerst ein paar Steinhäger trinken, bevor sich die Gesichtszüge regen. Nicht nur Ihr Rektorat endet, auch Ihr Ruhestand kommt an den Horizont. Wann ist es genau soweit und bleiben Sie nach dem Ausscheiden der Uni, der Stadt verbunden? Ich werde, wie Sie sagten, in wenigen Tagen 66. Mein Ruhestand beginnt im Herbst kommenden Jahres. Ich werde danach hier nicht weggehen. Ich kann mir vorstellen, weiter Veranstaltungen hier anzubieten. Seit Jahren warten Sie auf den Neubau der Bibliothek. Das haben Sie nicht geschafft. Aber jetzt starten Sie ein neues Verfahren, wie wir gerade gemeldet haben. Was hinterlassen Sie Ihrem Nachfolger sonst noch an Arbeit? Ich übergebe die Universität in einem guten Zustand. Stichwort Lehre – wir sind ausgelastet. Stichwort Forschung: Wir sind gerade ausgezeichnet worden bei der ersten Exzellenzinitiative „Innovations-Transfer“. Neben dem Renommee bringt uns das drei Millionen Euro im kommenden Jahr für Projekte. Stichwort Weiterbildung: In dem Bereich generieren wir inzwischen jährlich rund 100.000 Euro durch unsere Angebote für Mitarbeiter von Behörden der Bundesländer, die zu zweitägigen Seminaren zu uns kommen. Die Universität Speyer steht gut da. Ich kann sie unbesorgt übergeben. Der Preis war ein schöner Abschluss für mein Rektorat. Gerade gestern hat Bildungsminister Konrad Wolf angerufen und gratuliert. Die ganze Uni Speyer hat gewonnen. Der Nachfolger muss offen bleiben für die neuen Herausforderungen, die ganz sicher kommen werden.

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