Interview
Mediziner mahnt: „Vor allem muss es jetzt schnell gehen“
Herr Dr. Wresch, die Infektionszahlen steigen und steigen, die Behörden rühren die Werbetrommel für die Impfungen, nun auch die Booster-Impfungen für Über-18-Jährige. Haben wir in Speyer aktuell überhaupt die Kapazität, um diese Nachfrage auch bedienen zu können?
Eher nicht. Dies gilt nicht nur für Speyer, sondern für ganz Deutschland. Das zeigt eine einfache Überschlagsrechnung: Bis Ende Juni 2021 wurden bundesweit über 31 Millionen Menschen gegen SARS-CoV2 geimpft. Von diesen haben bisher nur 5,2 Millionen eine Booster-Impfung erhalten. Auch die übrigen rund 25 Millionen müssten jetzt dringend eine dritte Impfung erhalten. Denn nur durch diese Boosterung wird ein ausreichender, anhaltender Schutz gegen die hoch ansteckende Delta-Variante aufgebaut. Bis Ende Januar werden weitere 19 Millionen Boosterungen für Personen fällig, die im Juli und August geimpft worden sind. Im Dezember wird ein Impfstoff für Kinder ab fünf zugelassen und verfügbar sein. Auch diese brauchen dann möglichst bald je zwei Impfungen. Und ein Drittel der Bevölkerung ist überhaupt noch nicht geimpft. Gerade diese Lücke muss dringend verkleinert oder durch eine Impfpflicht am besten ganz geschlossen werden. Vor allem muss es jetzt schnell gehen – alles in allem eine Herkulesaufgabe.
In anderen Orten klagen Hausärzte, dass sie mit dem Impfen nicht nachkommen. Wie sieht es in Speyer aus?
Trotz der absehbaren Notwendigkeit von Booster-Impfungen wurden im Sommer die Impfzentren geschlossen und die Aufgabe im Wesentlichen den Hausärzten überlassen. Das kann so nicht funktionieren, die allein schaffen das nicht. Gerade im Herbst und Winter, der Zeit mit zahlreichen Atemwegsinfektionen, waren die Hausärzte mit der medizinischen Versorgung der Bevölkerung bereits vor der Corona-Pandemie vollständig ausgelastet. Zwar werden momentan deutschlandweit in den Praxen wöchentlich 2,5 Millionen Impfungen durchgeführt, das allein kann den Bedarf aber nicht decken. Auch die Idee der Landesregierung, in der Phase kontinuierlich steigender Infektionen und zunehmendem Mangel an Pflegekräften ausgerechnet die absehbar überlasteten Krankenhäuser zu Ersatz-Impfzentren machen zu wollen, war mehr als wirklichkeitsfern.
Sobald ein Impfbus irgendwo Station macht, warten die Leute teils stundenlang, um am Ende auch mal ohne Impfung weggeschickt zu werden. Gibt es sinnvollere Alternativen, um leichter an sein Vakzin zu kommen?
Impfbusse als mobile Impfangebote sind ein wichtiger Baustein in der Versorgung besonders im ländlichen Raum und gerade dort ein erreichbares, niederschwelliges Impfangebot. Corona-Impfungen insbesondere in der kalten Jahreszeit flächendeckend sicherzustellen, kann auf diese Weise allein aber nicht gelingen. Gerade in Ballungszentren wie der Metropolregion Rhein-Neckar geht es nicht ohne umfangreiche stationäre Impfangebote.
Wäre es besser gewesen, das im September geschlossene Impfzentrum in Speyerer wieder zu öffnen?
Schon wegen den absehbar im Herbst notwendigen Booster-Impfungen wäre es sinnvoller gewesen, diese Zentren überhaupt nicht zu schließen. Eine schnelle Reaktivierung ist vielerorts nicht oder nicht ohne weiteres möglich. In Speyer verhindern Renovierungsarbeiten in der Stadthalle eine einfache Wiederaufnahme des Betriebs. Deshalb wird hier intensiv an einer alternativen Lösung gearbeitet. Anfang Dezember wird ein neues Impfzentrum in Trägerschaft der Stadt gemeinsam mit dem DRK-Kreisverband in Räumen des früheren Stiftungskrankenhauses in Betrieb gehen. Hier sollen alle Arten von Corona-Impfungen angeboten werden.
In Speyer hat Ihr Kollege Gerald Haupt schon mehrfach große Impfaktionen organisiert. Ist dieser Weg der zielführendste?
Ähnlich wie der Impfbus sind solche Großaktionen ein wichtiger Beitrag, gerade auch um Menschen zu erreichen, die sich bisher nicht impfen ließen. Der Erfolg hat die Sinnhaftigkeit dieser Impfaktionen bestätigt. Sie können eine systematische Versorgung der Bevölkerung aber nur ergänzen und nicht ersetzen.
Sehen Sie die 2G-Regel als Weg an, der zum Ziel führt?
Der einzige Weg, der uns alle aus dieser Pandemie führen wird, ist eine ausreichende Immunisierung der gesamten Bevölkerung im Sinne der oft beschworenen „Herdenimmunität“. Dafür müssen aber mindestens 85 Prozent geimpft sein. Die 2G-Regel ist in der aktuellen dramatischen Infektionsentwicklung eines von mehreren Instrumenten, die die Dynamik der vierten Welle so beeinflussen sollen, dass eine völlige Überlastung des Gesundheitssystems vermieden werden kann, tausende von Todesfällen verhindert werden und damit Zeit zum Impfen bleibt. 2G-plus, also die zusätzliche Testung Geimpfter und Genesener, wäre sicherer, da auch diese – oft ohne Symptome – infiziert und ansteckend sein können.
Wie kann das praktisch umgesetzt werden und sind aus Ihrer Sicht weitere Maßnahmen erforderlich?
Alle Zugangsauflagen müssen kontrollierbar sein und auch kontrolliert werden. Sonst sind es nur Papiertiger. Testzentren müssen mit einem kostenlosen Angebot für alle wieder geöffnet werden. Weitergehende Maßnahmen zur Kontakteinschränkung werden sich wohl nicht vermeiden lassen, wenn man einen Lockdown wie in Österreich verhindern will. In der aktuell brisanten Situation ist natürlich zunächst die freiwillige Reduktion verzichtbarer Kontakte dringend anzuraten. Wo diese nicht vermieden werden können, bleiben das konsequente Tragen von Masken und das Abstandhalten die besten Schutzmaßnahmen.
Wie lange wird es Ihrer Meinung nach diesmal dauern, bis die Infektionszahlen sich wieder auf einem Niveau einpendeln, das man als sozial hinnehmbar bezeichnen kann?
Wie im letzten Jahr werden die Zahlen wohl auch zum Ende des Winters wieder zurückgehen. Vorausgesetzt, dass wir es nicht mit neuen, noch gefährlicheren Virusvarianten zu tun bekommen. Bis dahin müssen wir die vierte Welle mit Vernunft und Kontaktreduzierungen so gut es geht in Schach halten.
Zur Person
Klaus-Peter Wresch (69), promovierter Mediziner, ist medizinischer Fachberater der Stadt und war bis 2019 Chefarzt am St.-Vincentius-Krankenhaus.