Speyer Mal eben an die Havel rudern

Mal eben von Altrip nach Berlin reisen – in Zeiten von ICE und Linienflügen fast ein Katzensprung. Für Uli Stahl aber ist das viel zu simpel. Der 66-jährige Altriper wird diese Tour im Herbst ganz anders unternehmen: rudernd, in einem alten Angelkahn, vom Rhein an die Havel. Am letzten August-Wochenende soll es losgehen.

Wer sich jetzt erstaunt die Augen reibt, kennt Uli Stahl nicht. Wer ihn kennt, wundert sich vielleicht nicht mehr. Denn diese geplante Tour ist nicht die erste skurril anmutende Fahrt des Altripers. Alljährlich geht er auf eine besondere Reise. Im vergangenen Jahr ist er mit dem Fahrrad nach Berlin gefahren und hat den Rückweg zu Fuß zurückgelegt, mit dem Fahrradanhänger voll Gepäck im Schlepptau. Im Jahr zuvor ist er mit seinem kleinen dreirädrigen Lieferwagen bis ins norwegische Lillehammer gefahren, „fünf Wochen mit Tempo 30 unterwegs“, sagt er grinsend. Dazu unternimmt er gerne noch ausgedehnte Reisen mit seiner Frau Monika im Wohnmobil. Und nun steckt Stahl wieder mitten in den Vorbereitungen, richtet in seiner Garage einen alten Angelkahn her und rüstet ihn zum schwimmenden Wohnmobil um. Eine Menge Arbeit liegt noch vor ihm. Die scheut Stahl nicht, im Gegenteil: „Das gehört schon zur Tour dazu“, meint er. Das Wasser liegt für ihn als Reiseweg nahe. Schließlich ging Stahl schon als 13-Jähriger „aufs Schiff“, ist gelernter Matrose-Motorenwart und Schiffsführer: „Ich war als junger Mann auf allen europäischen Flüssen unterwegs.“ Dann verlegte er sich auf eine völlig andere Art von Transportmittel: Fast 40 Jahre lang war er Straßenbahnfahrer bei den Ludwigshafener Verkehrsbetrieben. Nach der Motivation für die ungewöhnlichen Trips befragt, wird der so fröhlich scheinende Rentner ernst. Vor sieben Jahren, gerade im Ruhestand, wurde Uli Stahl schwer krank. Parkinson, so hieß die Diagnose. Die stellte sich zwar als falsch heraus, doch andere Krankheiten warfen Stahl beinahe um. „Ich konnte drei Jahre lang nicht richtig laufen, kein Auto fahren“, erinnert er sich heute. Aus war es mit den Motorradtouren, und auch Radfahren ging nicht. Doch kaum ging es Stahl etwas besser, zog er los, auf einem Behindertendreirad, gut 600 Kilometer durch den Schwarzwald und wieder zurück. Gesund ist er nicht, eine „Batterie von Tabletten“ muss er täglich nehmen, aber unterkriegen lässt er sich nicht. Seine Touren sind auch ein Kampf gegen die Krankheit. Das Wichtigste: „Das geht alles vom Kopf aus. Wenn der nicht fit ist, hilft das ganze Training nichts.“ Jetzt also ein Angelkahn. Der, vier Meter lang und 1,40 Meter breit, ist älter als Stahl selbst, rund 70 Jahre. Entsprechend war sein Zustand, als der Altriper ihn einem Angler abkaufte. Seit Januar wird er von Grund auf umgerüstet, da ist fast nichts mehr original, meint Stahl. Entrosten und streichen ist noch das Wenigste. Schweißarbeiten übernimmt sein Sohn Matthias. Überhaupt: Die Hilfsbereitschaft sei groß. „Das ganze Dorf hilft“, sagt Stahl lachend. Ein Mast, Elektrik, Solarzellen, ein Zeltaufbau, ja sogar eine kleine Bordküche und ein Campingklo werden eingebaut. Denn Stahl wird auf diesem Boot leben bei seiner Tour. Ein Fünf-PS-Motor wird nur für Schleusen-Nutzung eingebaut, ansonsten wird Stahl rudern. Die Route für den Herbst steht fest: grob gesagt auf dem Rhein bis Duisburg, dann die Ruhr, der Mittellandkanal, zur Havel, dann in den Finowkanal bis Eberswalde nördlich von Berlin. Dort hat er Freunde. Für die Rückfahrt plant Stahl, sich ab Duisburg von Schiffern rheinaufwärts schleppen zu lassen: „Man kennt sich ja unter Schiffern.“ Das klappt, ist er zuversichtlich, wie er überhaupt nach seinen vielen Reisen von „tollen Begegnungen“, Hilfsbereitschaft und Freundschaft erzählen kann.

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