Speyer Interview: „Unsensibel und egozentrisch“

Edda Müller.
Edda Müller.

In der Debatte über die mögliche Annahme eines Aufsichtsratspostens beim russischen Staatskonzern Rosneft hat Edda Müller (75), Honorarprofessorin an der Universität Speyer und Vorsitzende der Korruptionsbekämpfer im Verein Transparency Deutschland, Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) kritisiert. „Es ist eine Frage der politischen Kultur“, sagt Müller im Gespräch mit Claudia Heck.

Frau Müller, wie bewerten Sie Schröders Vorhaben, einen Aufsichtsratsposten bei Rosneft zu übernehmen?

Es ist mir völlig unverständlich, dass ein herausragender Politiker mit der Vita, die er hat, seine Partei mitten im Wahlkampf in eine solche Situation bringt. Das ist unverantwortlich, unsensibel und egozentrisch! Ein ehemaliger Bundeskanzler, ein Politiker, der eine herausragende Funktion gehabt hat, kann nicht tun und lassen, was er will. Warum tut er das Ihrer Einschätzung nach? Geht es nur um Geld? Es ist schwer für einen Vollblutpolitiker, nicht mehr wichtig zu sein. Es ist ein Entzug; Macht ist eine Sucht, wenn man sie genossen hat, ist es ganz schwer, sich ins zweite oder dritte Glied zurückzuziehen. Was würden Sie ihm raten? Diesen Posten nicht anzunehmen und sich stattdessen Gedanken zu machen, wie er sein Renommee und seinen Einfluss einsetzen kann, um die Gesamtsituation in Russland zu verbessern! Ex-Präsident Horst Köhler beispielsweise hat auf einen Ehrensold verzichtet und engagiert sich für Afrika. Das ist ehrenwert. So etwas Ähnliches wäre Schröder würdig, aber nicht das, was er derzeit tut. So könnte er zur Verständigung mit Russland beitragen, und es gäbe für Schröder, der offensichtlich gute Kontakte zum russischen Präsidenten Wladimir Putin hat, eine Menge zu tun. Und was sagen Sie Ihren Studenten? Es gibt sehr viele integre Politiker. Es ist kein Merkmal der deutschen Politik, die Macht zum eigenen Vorteil zu nutzen! Ethik, Moral und das Verhalten von Menschen – das ist der Gegenstand meiner Arbeit in Speyer, denn: Demokratie kann nur so lange Bestand haben, wie die Menschen Vertrauen in das System setzen.

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