Speyer „Ich schimpfe, lache und weine mit ihnen“

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Kein Tag ist wie der andere. Jeden Morgen steht Elias Petermann vor neuen Herausforderungen. Der 42-jährige Sozialpädagoge ist seit Anfang des Jahres als Sozialarbeiter für die Betreuung von rund 300 Flüchtlingen in der Verbandsgemeinde Rheinauen zuständig.

Die Flüchtlinge leben verteilt auf alle vier Ortsgemeinden in verschiedenen Wohnungen, die entweder im Besitz der Gemeinde oder von ihr angemietet sind. Die Mehrzahl ist in Waldsee untergebracht. Die meisten der Migranten – diesen Ausdruck findet Petermann passender als Flüchtling – stammen aus Syrien, Afghanistan, Pakistan und dem Irak. Dazu kommen Afrikaner aus Somalia, Eritrea oder Zentralafrika, aber auch schwerkranke Menschen aus anderen Ländern, die sich in Deutschland medizinische Behandlung erhoffen. Als die Verbandsgemeinde Rheinauen als Folge der Übertragung der Aufgaben in der Flüchtlingsbetreuung von Kreis auf die VG die Stelle eines Sozialarbeiters ausschrieb, war für Petermann klar, dass er das gerne machen würde. „Niemand kann was für seine Herkunft oder seine Religion. Jeder Mensch sollte ein Recht darauf haben, im Frieden zu leben. Wenn meine Familie nicht in Frieden leben könnte, würde ich auch fliehen“, sagt der Familienvater. Dabei weiß er ganz genau, wovon er spricht. Petermann hat selbst erfahren, wie es sich anfühlt, unter Beschuss zu stehen und Angst um sein Leben zu haben. Denn bevor er an der Fachhochschule Ludwigshafen Sozialpädagogik studierte, war er zwölf Jahre im Sanitätsdienst bei der Bundeswehr tätig und dabei auch in Afghanistan im Einsatz. „Ich wurde viel mit Not und Elend konfrontiert“, sagt er. „Als Sanitäter sieht man schon Dinge, die man lieber nicht sehen möchte.“ Er hat aber auch die Herzlichkeit der Einheimischen erlebt und festgestellt, wie dankbar er nach seiner Rückkehr über vermeintlich selbstverständliche Dinge wie fließend Wasser oder einen gefüllten Kühlschrank war. Diese Erfahrungen, aber auch die Disziplin und die straffe Organisation bei der Bundeswehr haben ihn geprägt. „Ich habe immer ein offenes Ohr für sämtliche Probleme der Migranten“, sagt Petermann. Er hilft ihnen Anträge auszufüllen, zum Beispiel für den Familiennachzug oder für das Jobcenter. Er tröstet die Menschen, wenn sie einen Ablehnungsbescheid bekommen, und erklärt ihnen, wie es dann weiter gehen kann. Er hilft bei Bewerbungsschreiben. Mit schwer Erkrankten geht er zum Arzt. Manchmal hört er auch einfach nur zu oder ist da, wenn Menschen vor lauter Melancholie oder Heimweh den Alltag kaum bewältigen können. „Viele haben psychische Erkrankungen“, sagt er. Ein Wunder sei das nicht, sie hätten unsagbare Grausamkeiten auf der Flucht miterlebt, hätten gesehen, wie ihre Eltern niedergemetzelt wurden. Ein andermal packt der Sozialarbeiter mit an, wenn der Hausmeister gerade Hilfe braucht oder wenn es darum geht, den Migranten zu erklären, wie das Leben in Deutschland funktioniert. Wunder erwartet er schon lange nicht mehr, unnötige Aufregung hat er auch längst abgelegt. „Vieles muss ich immer wieder erklären, die Menschen kommen aus einem anderen Kulturkreis“, sagt Petermann. Wichtig sei es, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. „Ich versuche, die Menschen zu Eigenständigkeit zu motivieren. Wenn wir alles für sie machen, legen sie die Hände in den Schoß.“ Einmal im Monat versucht der Sozialarbeiter, beim Café Asyl in jeder der vier Ortsgemeinden vorbeizuschauen. „Ich bin froh, dass ich die Hilfe der Ehrenamtlichen dort habe. Allein könnte ich es unmöglich schaffen“, sagt er. An zwei Vormittagen in der Woche hat Petermann Sprechstunde im Rathaus. In der größten Flüchtlingsunterkunft in Waldsee, einem ehemaligem Hotel an der Schlicht, hat er ein kleines Büro eingerichtet und ist regelmäßig vor Ort. Von der Verbandsgemeinde bekommt er materielle Unterstützung, mit dem Hausmeister Rainer Rupp versteht er sich super. Außerdem helfen ein Bundesfreiwilligendienstleistender und drei Kollegen der Verwaltung. Trotzdem muss sich Petermann vieles erst selbst aneignen. Etwa 40 Prozent seiner Arbeitszeit verbringt er mit Büroarbeit, korrespondiert mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, der Kreisverwaltung, den Krankenkassen, anderen sozialen Trägern oder Sprachschulen. Doch der Kontakt mit den Migranten ist ihm sehr wichtig. „Sie erkennen mich als Autorität an“, sagt er und ist ein bisschen stolz darauf: „Ich schimpfe, lache und weine mit ihnen.“

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