Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Einbruchserie hält Speyer in Atem: Das wüste Werk der Kita-Knacker

Dunkle Gestalt: Eine Serie von Einbrüchen in Kitas und Schulen halten die Stadt und die Polizei in Atem.
Dunkle Gestalt: Eine Serie von Einbrüchen in Kitas und Schulen halten die Stadt und die Polizei in Atem.

Eine Welle von Einbrüchen rollt durch Speyer. Waren anfangs vor allem Läden in der Innenstadt betroffen, werden nun verstärkt Kindergärten und Schulen heimgesucht. Die Beute ist gering, der Sachschaden groß. Und bei manchen Leidtragenden liegen mittlerweile die Nerven blank.

Nein, eine Drehtür mit Einlassfunktion für nächtliche Eindringlinge werden sie in der Siedlungsschule nicht einbauen – obwohl dies zumindest die Schäden reduzieren würde, die bei jedem ungebetenen Besuch entstehen. Aber Barbara Ebrecht ist nicht nach Scherzen zumute, längst nicht mehr. Am Freitagmorgen hatte die Rektorin der Realschule Plus erneut ein Bild der Verwüstung in den Büros vorgefunden, zum vierten Mal seit vergangenem Juni: „Unser Tresor wurde wieder aufgeflext, der ganze Verwaltungstrakt ist voller Staub von Glaswolle, die neuen Türen sind zerstört.“

Dabei waren diese gerade erst eingebaut worden, nachdem im November schon mal unbekannte Täter in die Schule eingedrungen waren und den alten Safe mit einem Winkelschleifer geöffnet hatten. Der Staub hatte sich auch damals im Verwaltungstrakt verbreitet – was Brisanz dadurch erhielt, dass man in dem Material Asbest vermutete. Tagelang wurden die Räume gesperrt, Lehrer kamen nicht an ihre Unterlagen, die Rektorin musste umziehen, Schulleben und Unterricht waren nachhaltig beeinträchtigt.

Der Asbestverdacht bestätigte sich zwar nicht, doch kaum war der Schock verdaut, suchten Mitte April wieder Einbrecher den Gebäudekomplex im Speyerer Norden heim, den sich die Realschule plus mit der Grundschule teilt: In beiden Schulen wurden Schränke und Schubladen aufgebrochen und durchsucht, Fenster und Türen beschädigt. Die Beute zuletzt: etwas Münzgeld. Die Sachschäden in jedem Fall: enorm.

Schulgemeinschaft leidet

„Ich verstehe nicht, warum jemand so etwas macht“, sagt Ebrecht. Eine Schule habe üblicherweise nie viel Geld in ihren Räumen. Im Tresor würden Unterlagen verwahrt oder Schlüssel, aber nichts Bares. Der verursachte, auch psychologische, Schaden stehe in keiner Relation, sagt die Schulleiterin mit viel Frust in der Stimme: „Das ist inzwischen für alle eine sehr belastende Situation geworden.“ Die aktuellen Einbrüche lassen das Unbehagen in der Schulgemeinschaft weiter wachsen, verdeutlicht Ebrecht. Im April seien auch Klassensäle aufgebrochen worden: „Für die Schüler ist das schlimm, sie sollen sich doch in ihrem Raum wohlfühlen. Alles wurde durchwühlt, die gemalten Bilder lagen verstreut auf dem Boden.“

Das Gefühl der Sicherheit gehe verloren, sagt die Schulleiterin mit einem Anflug von Hilflosigkeit. Ob Alarmanlagen helfen würden? „Wir sind hier schon sehr abgelegen, unser Gelände ist schwer zu überblicken.“ Ebrecht vermutet, dass sich Einbrecher schon allein aus diesem Grund immer wieder an der Siedlungsschule zu schaffen machen.

Auch Doris Neubauer kann ein Lied davon singen, wie es ist, immer wieder zum Opfer von Einbrechern zu werden. Seit dem Jahr 2017 hat die Leiterin der protestantischen Kita Villa Kunterbunt in der Dr.-Eduard-Orth-Straße fünf Einbrüche und Einbruchsversuche gezählt. Mitte März gelangten die Täter nach zwei vergeblichen Anläufen ins Innere der Kita, indem sie mit brachialer Gewalt zwei Fenster demolierten, wobei gar die Rahmen brachen. Sie durchwühlten die Büroräume und wurden tatsächlich fündig: Rund 1400 Euro Bargeld ließen sie mitgehen. „Eine absolute Ausnahme“, dass so viel Geld im Haus war, betont Neubauer. Es sei für eine Kita-Veranstaltung bestimmt gewesen.

Das Geld ist das eine. Weitaus schlimmer sei der sonstige Schaden, der durch die Eindringlinge entstand. Zwei Fenster, Schranktüren, eine komplette neue Schließanlage – es könnte ja sein, dass die Gauner Schlüssel zur Kita mitnahmen. Neubauer kommt beim überschlägigen Addieren auf 8000 Euro Schadenssumme, „locker“. Sie hat für den Papierkram rund um die Einbrüche einen eigenen Ordner angelegt.

Besorgnis nimmt zu

Sind Sachschaden und Verwaltungsaufwand ärgerlich, aber zu bewältigen, geben Neubauer die seelischen Spuren zu denken, die so ein Übergriff hinterlässt. Man habe gemerkt, wie der Einbruch die Kinder beschäftige, weil sie die vielen Glassplitter herumliegen sehen würden oder später die notdürftig mit Brettern verrammelten Fenster. „Sie fragen dann: Kommen die Verbrecher wieder?“, sagt Neubauer. Die Besorgnis übertrage sich auf Eltern und Kita-Gemeinschaft. Auch das Team sei belastet. „Der Frühdienst, der einen Einbruch entdeckt, traut sich nicht allein ins Gebäude. Die Mitarbeiter haben Angst.“ So eine Erfahrung wirke nach, meint Neubauer: „Der Schutzraum Kita ist vorübergehend außer Kraft gesetzt.“

Was sie als zusätzliche Abwehrmaßnahme tun könne, wisse sie nicht. Sie persönlich halte aus pädagogischer Sicht nichts von hohen Zäunen. Die Innentüren würden ohnehin stets verschlossen. Man könnte über Bewegungsmelder und Strahler nachdenken. Deren Lichtschein müsste dann aber erst mal jemand bemerken. Die Villa Kunterbunt liege etwas isoliert: „Wir haben hier nicht viele Nachbarn.“

Dass dies mit ein Grund sein könnte, warum die Kita zum Ziel wurde, lässt sich nicht von der Hand weisen: Bei der Auswahl von Tatobjekten spiele für die Täter „das subjektiv wahrgenommene Entdeckungsrisiko eine Rolle“, erklärt die Polizei. Ein großer Teil der Taten ereigne sich „über längere Schließzeiten oder über Nacht“. Wobei hinzukommt, dass viele betagte öffentliche Gebäude über keinen ausreichenden Schutz verfügten, bemängelt die Polizei das Fehlen einbruchshemmender Fenster und Türen sowie von Alarmsystemen.

„Dilettantisches Vorgehen“

Seit November habe die Polizei in Speyer und im Umland rund 30 Fälle von Einbrüchen in Kitas und Schulen gezählt, auch in Römerberg und Otterstadt. 14 Mal wurden Kitas geknackt, die Hälfte allein im April. Das Diebesgut nimmt sich bescheiden aus: Laut Polizei geht es um geringe Mengen an Bargeld sowie in einigen Fällen um elektronische Geräte wie Beamer, Werkzeug, Laptops oder Handys. Das Hauptaugenmerk der Täter liege allerdings auf Barem.

Wer da Kitas und Schulen heimsucht, ob es sich um Amateure handelt, die ihre Sucht finanzieren, darüber macht die Polizei aus „ermittlungstaktischen Gründen“ keine Angaben. Sie verrät nur so viel, dass „häufig sehr dilettantisch“ vorgegangen werde. Und dass mehrere Tätergruppen denkbar seien.

Im August Verdächtigen geschnappt

Bürgermeisterin und Schuldezernentin Monika Kabs (CDU) sieht hinter der Einbruchserie eine gewisse „Systematik“. Die Stadtverwaltung sei derzeit massiv mit diesem Problem konfrontiert, allerdings habe es noch keine Gespräche dazu gegeben, ob die Schutzvorkehrungen gesteigert würden. Sie wolle mit dem Personal der kommunalen Kitas ins Gespräch kommen. Erklären kann sich die frühere Leiterin der Realschule plus in der Siedlungsschule die Taten nicht. Die in den städtischen Einrichtungen erbeuteten Beträge bewegten sich „zwischen null und 70 Euro“. Dafür würden die Täter das Risiko in Kauf nehmen, geschnappt zu werden.

Im ersten Halbjahr 2022 hatte es ebenfalls eine Serie von Einbrüchen in Kitas und Schulen gegeben. Im August nahm die Polizei schließlich einen 19-Jährigen aus Speyer als „dringend tatverdächtig“ fest. Die Anzahl der Einbrüche in der Domstadt sei, gemessen an der Einwohnerzahl, 2022 „im landesweiten Vergleich auffällig“ gewesen und hätten laut Polizei „über dem Landesdurchschnitt“ gelegen.

x