Speyer
Coworking: Büros da, Leute gesucht
„1000 Satellites plant, bald einen Satelliten Coworking Space in Speyer zu eröffnen.“ Den öffentlichen Auftakt machte im März die Einrichtung einer Facebook-Gruppe. Sie hatte am Freitag 40 Mitglieder. Details? „Noch streng geheim“, melden die Gründer, verraten jedoch: „Wir haben bereits einen Ort in Speyer für unseren Satelliten im Visier, den wir bekannt geben werden, sobald die Tinte trocken ist.“
Hinter der Start-up-Initiative 1000 Satellites steht die Chemovator GmbH, das Gründerzentrum der BASF. Das Team zielt auf pendelnde angestellte und selbstständige Personen ab, die die passende Umgebung für dezentrales Arbeiten suchen. Den Auftakt machten Bürogemeinschaften in Mannheim, Neustadt und Wachenheim; weitere kommen jetzt in kurzer Abfolge hinzu. Der Eindruck der Gründer: „Ein Thema, welches gerade in Corona große öffentliche Aufmerksamkeit erfährt.“
Erste Wermutstropfen in den Freudenbecher der Facebook-Kommentarspalten träufelte Albert Steckenborn. Er ist der geschäftsführende Gesellschafter der Consolvis GmbH in Speyer. Sie ist schon seit 2019 mit Coworking-Räumen in Speyer am Start, bietet im Collectus-Gebäude in der Wormser Landstraße 247 rund 50 Arbeitsplätze an, die von „Coworkern“ gebucht werden können. Er habe bei seinem Konzept in der Corona-Zeit finanziell draufgelegt, schrieb der Geschäftsmann unter die Satellites-Nachricht.
Auf RHEINPFALZ-Anfrage bestätigt Steckenborn, dass die Pandemie große Probleme bereite: „Die Leute dürfen von ihren Arbeitgebern aus derzeit nur im Homeoffice und nicht irgendwo anders arbeiten.“ Er und sein Sohn als Geschäftsführer hätten zum Beispiel eine Vereinbarung mit einem regionalen Versorgungsunternehmen als „Pilotbetrieb“-Partner. Von diesem habe bisher kein einziger Mitarbeiter vorbeikommen können. Seine Räume würden derzeit nur „auf niedrigem Niveau“ genutzt, so Steckenborn.
Markt verändert sich
Prinzipiell ist der Speyerer ein vehementer Verfechter des Coworking-Gedankens. Nach den Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr sagt er aber: „Es wird zu Umstrukturierungen kommen.“ Sein Unternehmen verdiene mit SAP-Beratung Geld und sei derzeit nicht auf die Coworking-Einnahmen angewiesen. Auch in der Zeit vor Corona habe er damit noch keine Gewinne eingefahren.
Wie es wird, wenn auch 1000 Satellites und Branchenprimus Regus – von den Investoren der Normand-Reithalle als Partner vorgestellt – in Speyer Coworking-Räume anbieten, kann Steckenborn noch nicht prognostizieren. Er vermutet jedoch: „Wenn alle drei am Start sind, arbeitet keiner mit Gewinn.“ Er frage sich, ob der Kuchen in der 50.000-Einwohner-Stadt groß genug für alle sei und hoffe, dass der Markt nicht kaputtgemacht werde. Eine Kooperation mit 1000 Satellites könne er sich vorstellen, so Steckenborn.
Rufe nach mehr Coworking-Möglichkeiten in Speyer hatte es Ende 2019, kurz vor der Pandemie, am Runden Tisch für Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Speyer gegeben. Damals hatte Stadtwerke-Geschäftsführer Wolfgang Bühring mit der Idee geliebäugelt. „Es werden Kooperationen mit externen Unternehmen angestrebt, die die Möglichkeit der Nutzung der SWS-Infrastruktur mit Rechenzentrum und High-Speed-Internet durch das Anbieten von Coworking-Spaces unterstützen“, teilt nun dazu eine Unternehmenssprecherin mit.
Neue sind optimistisch
Optimistisch gibt sich Michael Weber, Sprecher der Investorengruppe „Speyer together“, die von der Stadt für knapp 700.000 Euro den Zuschlag erhalten hat, um in der früheren Normand-Reithalle Büros und Veranstaltungsräume einzurichten. Bei den Büros soll Coworking eine große Rolle spielen und die Regus-Gruppe als Anbieter ins Spiel kommen. Weber: „Die wirtschaftliche Perspektive für Coworking sehen wir generell sehr gut. Mit Regus haben wir den Marktführer mit an Bord, der mit seinem großen Kundenstamm und seiner überregionalen Bekanntheit punkten kann.“
Die Reithalle bringe als markantes Gebäude ein Alleinstellungsmerkmal, das sei in dieser Branche nicht unwichtig. Weber: „Es liegen bereits Miet-Anfragen von regionalen Unternehmen vor.“ Er kann derzeit noch keinen Zeitplan nennen: Erst müsse der Kauf abgewickelt werden, dann stünden noch Planungs-, Genehmigungs- und Bauphase an.
Für 1000 Satellites sind die Nachrichten vom Speyerer Markt kein Problem. Ihre Fläche in der Domstadt werde ab Sommer zur Verfügung stehen. Gründer Gregory von Abendroth: „Dort soll eine gemischte Community aus vorrangig pendelnden Angestellten verschiedener Unternehmen sowie regionalen Selbständigen arbeiten können. Damit richtet sich unser Angebot im Wesentlichen an eine neue Kundengruppe.“ Es sei als Ergänzung zu den bisherigen Angeboten zu verstehen. Bis 2023 seien zwölf Standorte im „Speckgürtel“ rund um Mannheim und Ludwigshafen vorgesehen.
RHEINPFALZ-Kommentar von Patrick Seiler: „Es wird mehr“
Wird es nach der Corona-Krise mehr oder weniger „Coworking“ in zeitweise gebuchten Büros für wechselndes Personal geben? In der Krise kann man sich das wegen der Kontaktbeschränkungen zwar kaum vorstellen, aber danach wird zu mehr Homeoffice auch mehr Coworking kommen. Es zeigt sich nämlich gerade, dass es auch anders geht als bisher.