Schwetzingen
Christian Poltéra ist Residenzkünstler der Festspiele
An einem Wettbewerb hat Christian Poltéra nie teilgenommen, und doch gehört der Cellist inzwischen zur international anerkannten Elite seiner Zunft. Dass der aus Zürich Stammende nie sportive, vordergründige, rein auf Oberflächenwirkung abzielende Virtuosität in den Mittelpunkt seines Musizierens gestellt hat, mag eine Erklärung für seinen Erfolg und die große Anerkennung sein, die Poltéra sein vielen Jahren nicht nur in Fachkreisen genießt.
Bei den diesjährigen Schwetzinger Festspielen, die unter dem Motto „Vanitas“ stehen, ist er Residenzkünstler, was seinem großen Interesse an Kammermusik entgegenkommt. Dazu kam schon früh sein Blick auf Konzerte, die nicht zu eher engen Kanon der großen Werke gehören, die schon von fast allen anderen Cellisten eingespielt wurden.
Schlackenlose Technik
Geboren wurde Christian Poltéra als Sohn einer Lehrerfamilie, die zwar musikalisch interessiert war, anfänglich seinem Wunsch, Berufsmusiker werden zu wollen indes eher distanziert gegenüberstand. Obwohl sein Jugend-Idol Rostropowitsch war, bei dem er auch Meisterkurse belegte, wurde Heinrich Schiff zum entscheidenden Mentor des jungen Cellisten.
Heute spielt Poltéra neben einem Violoncello von Antonio Casini aus dem Jahre 1675 jenes sagenumwobene „Mara“-Cello von Stradivari aus dem Jahr 1711, das vor ihm Schiff spielte. Dessen ungewöhnliche Geschichte wird auch eine Rolle bei den Schwetzinger Festspielen spielen.
Christian Poltéra, der über eine schlackenlose Technik und individuelle, sehr auf die jeweilige Stilistik des zu musizierenden Werkes abgestimmte Klangfarben verfügt, hat, zumeist bei seinem audiophilen Hauslabel „BIS“, ein breites Repertoire an Konzerten eingespielt, viel aus dem 20. Jahrhundert von seinen Landsleuten Schoeck, Martin und Honegger ebenso wie von Walton, Hindemith, Schostakowitsch, Dutilleux, Lutoslawski, Martinu oder Ligeti.
Verblüffende Lösungen im Detail
Dem Standardrepertoire nährt er sich unter Verzicht auf nivellierende Routine. Dies unterstreichen beispielsweise die beiden jüngst erschienenen Cellokonzerte von Joseph Haydn (BIS-2507), die er gemeinsam mit dem Münchner Kammerorchester eingespielt hat. Ungemein frisch, oft mit verblüffenden Lösungen im Detail, einer Sicht, die den Staub der Rezeptionsgeschichte von den populären Werken zu vertreiben mag.
Trotz seiner großen internationalen Erfolge als Solist ist er aber vor allem ein ebenso engagierter wie begeisterter Kammermusiker. Nicht nur als Mitglied des Trio Zimmermann mit dem Geiger Frank Peter Zimmermann und Antoine Tamestit (Bratsche) ist der Cellist engagiert. Als Residenzkünstler der SWR-Festspiele präsentiert er sich mit seinem langjährigen Wegbegleiter, dem Pianisten Ronald Brautigam, der mit ihm das Interesse an historisch informierter Aufführungspraxis teilt. Für das Programm mit Werken von Brahms, Schumann, Liszt und Chopin wählt der Pianist einen historischen Flügel, während Poltéra seinem Cello Darmsaiten aufzieht. Für „Christian Poltéra & Freunde“ hat der Züricher zwei Werke aus dem Kernrepertoire des 19. und 20. Jahrhunderts gewählt.
Quartett vom Ende der Zeiten
Gemeinsam mit Pascal Moraguès (Klarinette), der Geigerin Esther Hoppe und Juho Pohjonen, Klavier, musiziert er das B-Dur Klaviertrio op. 99 von Schubert und Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“. Den Abschluss seiner Auftritte bildet eine musikalische Lesung: Wolf Wondratschek liest aus „Mara“, der fiktiven Geschichte des berühmten Stradivari-Cellos, das bei einem Bootsunfall nahezu zerstört, restauriert und danach in die Hände von Poltèras Mentor Schiff gelangte, der das Instrument wiederum an den Schweizer Cellisten weiterreichte.
Info
Christian Poltéra bei den Schwetzinger Festspielen: Duoabend mit dem Pianisten Ronald Brautigam am Donnerstag, 11. Mai, ab 19.30 Uhr. Am folgenden Freitag geben sich Poltéra&Freunde ebenfalls ab 19.30 Uhr die Ehre. Die Lesung von Wolf Wondratscheck „Mara“ begleitet der Cellist am Sonntag, 14. Mai, ab 19.30 Uhr in Schwetzingen. www.schwetzinger-festspiele.de