Saarbrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Liebe für alle: „Dafür müssen wir jetzt kämpfen“

Der CSD findet dieses Wochenende mit Parade und Party in der Saarbrücker Innenstadt statt.
Der CSD findet dieses Wochenende mit Parade und Party in der Saarbrücker Innenstadt statt.

„Mama, ich bin schwul.“ Vor diesem Satz haben immer noch viele Angst. Dabei ist die sexuelle Orientierung keine Frage der Entscheidung – sondern, es ist einfach so. Woher diese Angst vor dem Outing kommt, und was sich in der Gesellschaft verändern muss, hat Patrick Göbel mit LSVD-Vorstandsmitglied Tim Stefaniak besprochen.

Die Räume des LSVD (Lesben- und Schwulenverband) Saar sind in Saarbrücken. Dort hilft der Verband Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgendern bei Problemen und bietet Gruppen für Jugendliche, Senioren oder schwule Väter an. Der Verband ist deutschlandweit aktiv und arbeitet auch auf Landes- und Bundesebene. Tim Stefaniak ist im Vorstand beim LSVD. Die RHEINPFALZ erreicht ihn mitten in den Vorbereitungen für den Christopher Street Day (CSD), der morgen in Saarbrücken über die Bühne geht.

Warum haben aus Ihrer Sicht immer noch so viele Menschen Angst davor, sich zu outen?
Das Outing ist ein ziemlich komplexer Vorgang. Es gibt das sogenannte innere Coming-out – das ist dieses Selbsterkennen, und sich das auch selbst einzugestehen: Okay, ich bin schwul, ich bin lesbisch oder trans. Das ist das eine. Das zweite, dieses äußere Coming-out, das sich-Mitteilen nach außen, ist der weitere Schritt. Das setzt natürlich voraus, dass man sich selbst mit dem Thema auseinandergesetzt hat und es auch akzeptiert hat. Wenn man selbst das noch gar nicht akzeptiert hat, dann outet man sich natürlich auch nicht nach außen. Wenn man sieht, wie die Gesellschaft manchmal reagiert – das kann natürlich auch einschüchtern. Dass man dann sagt: Ich trau mich nicht.

Inwieweit hilft das eigene Umfeld beim Outing?
Es gibt eine sehr gute Studie von Dr. Claudia Krell. Die hat das untersucht bei 14- bis 27-Jährigen mit über 5000 Jugendlichen. Sie hat auch gefragt: Warum outet ihr euch? Und da war ganz oben mit dabei: Ich wollte mit jemandem drüber reden können, ich wollte mich nicht mehr verstecken müssen. Es wurde auch gefragt, was sind die Ängste. Da war dabei, abgelehnt oder nicht ernst genommen zu werden. Aber auch bei 20 Prozent: Angst vor körperlicher Gewalt.

Welche Herausforderungen gibt es beim Outing?
Man muss bedenken: In dieser ganzen Phase des inneren Coming-outs ist es für queere Jugendliche doppelt so schwer wie für Jugendliche, die nicht queer sind. Die haben alle ihre Probleme in der Schule, mit sich. Bei den queeren Jugendlichen kommt zusätzlich noch das Queersein dazu. Und das hat zur Folge, dass es bei vielen auch in Depression, Isolation oder auch in Selbstmord enden kann. Man sagt, dass unter queeren Jugendlichen die Selbstmordrate viermal so hoch ist wie bei Hetero-Jugendlichen.

Vor welchen Herausforderungen steht die LGBTQ-Community im Jahr 2023?
Was ganz wichtig ist – und wofür der LSVD seit Jahrzehnten kämpft – ist, dass die sexuelle Identität im Grundgesetz Artikel 3 verankert wird. Grundgesetzänderungen können nur mit einer Zweidrittelmehrheit geschehen. Und alle Gesetze, die in Deutschland verabschiedet werden, müssen sich nach dem Grundgesetz richten. Bedeutet: Die so schöne eingeführte Ehe für alle ist ja nur ein Gesetz. Das kann mit einfacher Mehrheit wieder abgeschafft werden. Zum Beispiel in Kalifornien – da wurde die Ehe für alle eingeführt, abgeschafft, wieder eingeführt – je nachdem, wer grade an der Macht war. Und solche Sachen sind nicht möglich, wenn im Grundgesetz die sexuelle Identität geschützt ist. Dann gibt es noch unheimlich viel Nachholbedarf beim Thema Abstammungsrecht. Zum Beispiel: Zwei Mütter, die ein Kind bekommen – die gebärende Mutter ist automatisch natürlich rein rechtlich die Mutter. Die andere ist nichts. Die muss über die Stiefkind-Adoption das Kind adoptieren, damit sie die gleichen Rechte hat. Wenn ein Mann und eine Frau ein Kind bekommen – die sind automatisch die Eltern. Das ist eine Diskrepanz, da muss wirklich was geschehen.

Gibt es noch weitere Sachen, die sich ändern müssen?
Was auch noch ein ganz großer Punkt ist, ist das Selbstbestimmungsgesetz. Das bedeutet, dass transidente Menschen (die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wird) einfach zum Standesamt gehen können müssten, und ihren Vornamen und Geschlechtseintrag ändern können. Das wäre der ideale Weg.

In der Realität ist das ja ein steiniger Weg. Da müssen erst psychologische Gutachten her.
Ja, Stand aktuell ist das sogenannte Transsexuellengesetz, das 1981 in Kraft getreten ist. Auf dessen Grundlage muss eine transidente Person beim Amtsgericht einen Antrag auf Namens- und Geschlechtseintragsänderung stellen. Dann bestellt das Amtsgericht zwei psychiatrische Gutachten. Die Psychiater versuchen dann, mit äußerst intimen und sehr persönlichen Fragen rauszufinden, ob eine Geschlechtsinkongruenz vorliegt. Also, dass das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht nicht mit dem richtigen übereinstimmt. Erst, wenn das positiv vom Gericht entschieden wird, kann man die Namens- und Geschlechtseintragsänderung vornehmen. Das Ganze kostet mehrere Tausend Euro, das ist je nach Bundesland unterschiedlich. Das müssen die Menschen selbst bezahlen, das übernimmt keine Krankenkasse.

Man ist ja dann in seiner eigenen Freiheit total eingeschränkt.
Genau. Deshalb fordern wir ja dieses Selbstbestimmungsgesetz. Da gab es ja schon den Gesetzesentwurf. Der ging vor drei oder vier Wochen in die öffentliche Diskussion, wo Verbände sich noch mal dazu äußern können. Das ist auf einem guten Weg. Es soll auch voraussichtlich in diesem Jahr noch kommen. Aber: Wir haben es noch nicht. Wir wissen alle, wie das ist. Dann sind andere Dinge wichtiger, und dann rutscht das Selbstbestimmungsgesetz wieder nach hinten in der Aufmerksamkeit.

Früher, im Alten Ägypten waren gleichgeschlechtliche Beziehungen ja zum Beispiel auch völlig normal. Warum dieser Rückschritt? Warum sind diese Rechte noch so diskussionsbedürftig?
Das hat natürlich auch mit der Entwicklung zu tun, nach der Antike, nach dem Mittelalter – auch mit der Vormachtstellung der Kirche. Das hat vieles, was früher gang und gäbe war, zurückgedrängt. Das ist schade. Das ist aber so. Dafür müssen wir jetzt kämpfen, dass diese Rückstände wieder behoben werden.

Warum hat die Kirche Homosexualität so verteufelt?
Es gibt im Wesentlichen drei Stellen in der Bibel, auf die sich immer wieder bezogen wird. (In Levitikus, dem Dritten Buch Mose, steht etwa in Kapitel 20, Vers 13: „Und wenn ein Mann bei einem Manne liegt, wie man bei einem Weibe liegt, so haben beide einen Greuel verübt; sie sollen gewisslich getötet werden, ihr Blut ist auf ihnen.“ Das ist eine Auslegungssache, wie man das liest. Früher hat man es wirklich eins zu eins genommen, wie das fundamentale Christen immer noch machen.

In der Bibel steht ja auch, dass Gott jeden Menschen gleich liebt.
Eben. Das ist Wahnsinn – man kann das genauso gegenargumentieren mit Bibelstellen. „Gott schuf den Menschen nach seinem Antlitz“, heißt es – dann wird er damit ja keinen Fehler gemacht haben. Gegen solche Denkweisen gilt es, anzugehen, aufzuklären und zu zeigen: Wir leben in einer toleranten, pluralistischen Gesellschaft.

Jetzt gibt es leider aber immer noch Menschen, die Abneigung oder gar Hass gegen Schwule und Lesben hegen. Was würden Sie solchen Menschen sagen?
Ich bin dafür, solange niemand jemand anderen verletzt, sollte man das doch einfach akzeptieren, wer wen liebt. Wir hatten in Saarbrücken Anfang des Jahres gleichgeschlechtliche Ampelpärchen. Das hat eine Welle von Hass im Internet entfacht. Und da fragt man sich: Was ist der eigentliche Grund dahinter? Ist das eine Unzufriedenheit mit der Gesellschaft an sich, oder woran liegt das? Es kann doch nicht sein, dass man sich über 500 Euro für solche Ampelmännchen aufregt, und sagt, man hätte damit die ganzen hungernden Kinder stillen können.

Welche Motive stecken für Sie dahinter, wenn manche Leute so denken?
Ich glaube, das ist sehr individuell. Das kann natürlich so eine Angst vor dem Fremden sein. Es kann auch sein, dass man vielleicht selbst befürchtet: Ich bin schwul oder lesbisch, und verdrängt das. Das kann aber auch religiös motiviert sein. Das ist sehr unterschiedlich. Das müsste man sich im Einzelfall angucken.

Haben Sie selbst Gewalttaten mitbekommen oder davon gehört?
Im Nachgang zum letzten CSD 2022 gab es einen Übergriff in der Saarbrücker Innenstadt gegen queere Jugendliche. Die waren bei uns und wurden und werden auch von uns betreut. Da gab es auch ein Ermittlungsverfahren der Polizei. Wir haben auch bei uns in der Jugendgruppe Jugendliche, die berichten, wenn sie über den St. Johanner Markt laufen, dass sie angepöbelt werden. Das ist verbale Gewalt. Wir als Verband versuchen nach unseren Möglichkeiten, zu helfen. Aber: Es gibt nicht nur diese bekannten Fälle wie in Münster, wo dieser Transmann letztes Jahr totgeschlagen wurde. Oder die Transfrau, die sich in Berlin mit Benzin übergossen und angezündet hat. Das gibt’s aber auch bei uns.

Wie sieht die Arbeit des LSVD genau aus?
Wir haben spezielle Beratungsangebote für queere Menschen. Wir haben auch ein Schulprojekt, mit dem wir an alle saarländischen Schulen ab der Klassenstufe sieben gehen und Aufklärungsarbeit leisten gegen Schwulen-, Lesben- und Transfeindlichkeit. Wir machen auch mehrere Veranstaltungen im Jahr, die kostenlos besuchbar sind, zu verschiedenen Themen. Wir bieten auch verschiedene Gruppen an. Das ist dann so ein geschützter Ort. Da gibt’s zum Beispiel eine Trans-Gruppe, eine für queere Geflüchtete, zwei Jugendgruppen, oder eine Selbsthilfegruppe für schwule Väter. Oder eine Gruppe, die richtet sich vor allem an queere Senioren.

Der LSVD ist auch politisch sehr aktiv. Wie sieht diese Arbeit aus?
Der LSVD ist ein bundesweit agierender Verband. Da wird besonders auf Bundesebene der Kontakt zur Politik gepflegt. Wir machen das auch auf Landesebene und führen zum Beispiel Gespräche mit unserem Oberbürgermeister. Auch mit der Landesregierung. Ministerpräsidentin Rehlinger ist ja auch Schirmfrau von unserem CSD. Es gab zum Beispiel 2009 die Forderung, sie sexuelle Identität in die Landesverfassung aufzunehmen. Das wurde dann 2011 auch wirklich gemacht. Und das zeigt, dass man, wenn man da nur beharrlich genug ist, auch was verändern kann.

Gibt es Momente, die Ihnen bei der Verbandsarbeit mit den Menschen besonders im Gedächtnis geblieben sind?
Ich arbeite auch mit queeren Geflüchteten. Wenn man mal die Fluchtgeschichte von denen hört, unter welchen Extrembedingungen die aus ihren Heimatländern hierherkommen – und wenn man erfährt, wie das alles bei denen in den Herkunftsländern so abgeht. Und die kommen dann zu uns, integrieren sich hier, machen ihre Sprachkurse, finden einen Job und eine Wohnung – das finde ich immer besonders schön, wenn man sieht, wie gut das dann für die ausgeht. Dass sie plötzlich in einem sicheren Land sind. Wie die dann so aufblühen – das ist für mich toll.

Infos

  • Der Christopher Street Day (CSD) findet morgen, Samstag, und am Sonntag unter dem Motto „Welcome to Queertopia“ in der Saarbrücker Innenstadt statt.
  • Los geht’s am Samstag ab 17 Uhr mit der politischen Podiumsdiskussion, in der es um Chancen und Hindernisse für eine queerfreundliche Welt geht. Mitdiskutieren werden u. a. Gesundheitsminister Jung und Pfarrer Mathias Holzapfel. Ab 23 Uhr gibt’s die Gay Pride Disco in der Garage.
  • Am Sonntag gibt es die CSD-Parade, die ab 15 Uhr in der Hafenstraße beginnt.
LSVD-Vorstandsmitglied Tim Stefaniak.
LSVD-Vorstandsmitglied Tim Stefaniak.
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