Pirmasens
Wasgau AG sieht sich gerüstet für neue Herausforderungen
Er erscheint stets unangekündigt. Wenn Ambroise Forssman-Trevedy in einem Wasgau-Markt auftaucht, schaut er besonders genau hin. Ist der Parkplatz sauber, wie sieht es drinnen aus, läuft es mit aktuellen Aktionen, wie geht es der Belegschaft? Forssman-Trevedy, seit 2019 Sprecher des Vorstands der Wasgau AG, will sich vom Tagesgeschäft in den 71 Märkten direkt ein Bild machen. Mindestens einmal pro Woche ist er „draußen“, bei Mitarbeitern und Kunden. Dass es Mitarbeitern gut geht, sei wichtig, betont er – gerade während der Pandemie waren und sind sie besonders gefordert.
Die zweite Ebene gestärkt
Im Vorstand ist Forssman-Trevedy nun auch für den Produktionsbereich zuständig, nachdem Vorstandskollegin Elisabeth Promberger in Kürze ausscheiden wird. Dass er dennoch mehr in den Märkten sein kann, hat auch mit einer veränderten Organisationsstruktur zu tun. Denn zuletzt wurde die zweite Ebene mit Geschäftsführern gestärkt, womit sich die Führungsmannschaft insgesamt auch verjüngt hat. Zuletzt habe es viele personelle Veränderungen gegeben, stellt der Vorstandssprecher fest. Deswegen sollten die Geschäftsführer, die dem Vorstand nun direkt berichten, das Rückgrat des Unternehmens sein.
In der Tat gab es etliche Wechsel – und damit jedes Mal Umstellungen und Neuorientierungen. Dem langjährigen Vorstandsvorsitzenden Alois Kettern folgte 2016 Niko Johns, diesem Ende 2018 Ambroise Forssman-Trevedy. 2020 schied Eugen Heim aus dem Vorstand aus, ihm folgte Elisabeth Promberger, die nun auch geht. Ende 2021 schied Finanzvorstand Frank Grüber aus, ihm folgte Thomas Bings. Forssman-Trevedy und Bings werden jetzt zu zweit im Vorstand bleiben, der zuvor dreiköpfig war.
Herausforderungen häufen sich
Die neue Aufgabenverteilung kommt zur rechten Zeit. Denn die Herausforderungen häufen sich. Es geht nicht mehr „nur“ um das Behaupten auf einem wettbewerbsintensiven Markt, sondern um das Agieren unter völlig veränderten Rahmenbedingungen, die derzeit vielen Unternehmen das Planen schwer machen. Eine jener Herausforderungen ist der Personalmangel. Bedarf gibt es im Konzern an vielen Stellen, wie Finanzvorstand Thomas Bings, auch für Personal zuständig, erläutert. Eng sei es etwa im Verkauf, aber auch im Lagerbereich und bei Lkw-Fahrern, die mittlerweile meist ältere Semester seien.
Sie versuchten weiterhin, dies durch eigene Ausbildung auszugleichen, betont Bings. Doch auch bei der Wasgau AG, stets begehrter Arbeitgeber, spiegeln sich die allgemeine Entwicklung und der demografische Faktor wider. 64 neue Auszubildende starten dieses Jahr in ihr Arbeitsleben – über 100 waren es vor etwa zehn Jahren. Und dabei gibt es sogar noch offene Stellen, wie Bings unterstreicht. Auch Quereinsteiger seien ihnen willkommen.
Wie andere Arbeitgeber ereilt auch die Wasgau AG in diesen Jahren ein Generationswechsel. Allerdings, meint Forssman-Trevedy, benötigten sie für ihre Mitarbeiterehrungen nach wie vor große externe Räumlichkeiten. Für viele ihrer – insgesamt rund 3700 – Mitarbeiter sei Wasgau der einzige Arbeitgeber geblieben, was heute nicht mehr selbstverständlich sei.
Auf Expansionskurs
Die Expansionsstrategie des Unternehmens beeinträchtigt der zunehmende Mangel an Fachpersonal nicht. Im Gegenteil. „Wir müssen unbedingt größer werden“, betont Forssman-Trevedy. Im Durchschnitt seien drei neue Märkte pro Jahr geplant, so Bings. Auch über rheinland-pfälzische Grenzen hinaus, aber in der Nähe dieser Grenzen. In Baden-Württemberg etwa käme der Karlsruher Raum in Frage – eine Region mit Kaufkraft und Mitarbeiterpotenzial.
Punkten will Wasgau auch dort mit Regionalität – einer Strategie, der die neue Führungsmannschaft treu bleiben will. Die Palette regionaler Produkte werde eher zunehmen, sagt Bings. Ohne Wein und andere Getränke gebe es inzwischen knapp 1600 regionale Produkte. In den vergangenen fünf, sechs Jahren habe sich das immer stärker entwickelt. Manches baue auch aufeinander auf. Aus Herxheim zum Beispiel hätten sie zuerst nur Eier ins Sortiment genommen, inzwischen seien auch Nudeln dieses Anbieters dabei. Ähnliches gebe es in Kaiserslautern.
Auch 2022 gutes Ergebnis erwartet
Die Kasse für Investitionen hat das Unternehmen in den zurückliegenden Jahren gut gefüllt. Dazu hat die Pandemie beigetragen, wo Lebensmittelmärkte zum wesentlichen Einkaufsziel wurden. Auch für das laufende Geschäftsjahr sind die Erwartungen gut, wie Forssman-Trevedy betont. Die Prognose geht von einem Konzernergebnis zwischen 8,2 und 11,7 Millionen Euro aus.
Wie lange der positive Trend anhält, ist offen – „im Moment geht es uns gut, aber wir sehen die Wolken am Horizont“, beschreibt Forssman-Trevedy die Lage. Denn Energiekrise, Preissteigerungen, Lieferengpässe sorgen für Unsicherheit. Und während Kosten auch für Lebensmittel weiter steigen, werden Verbraucher zurückhaltender. Herausforderungen, mit denen sich nun auch die neue Geschäftsführerriege intensiv beschäftigen muss.
