Pirmasens Tiere müssen auch im Lockdown fressen

Pony Ali, Stute Jessy und Lama Hugo freuen sich mit Jakel Bossert und Tochter Ann-Karin über den Besuch von Albert Koch (links).
Pony Ali, Stute Jessy und Lama Hugo freuen sich mit Jakel Bossert und Tochter Ann-Karin über den Besuch von Albert Koch (links).

Jakel Bossert kämpft verzweifelt ums Überleben seines Familienbetriebes. Mit dem zweiten Lockdown ist die Situation für alle Unternehmer der Zirkus- und Schaustellerbranche noch dramatischer geworden. Und von der November-Hilfe ist noch nichts angekommen.

Dass die derzeit gültigen Schutzmaßnahmen ihre Berechtigung haben, will der Niedersimtener nicht anzweifeln. „Wenn es um finanzielle Unterstützung geht, dann fühlt man sich aber im Stich gelassen“, ärgert sich Bossert. Alle Anträge seien mithilfe eines Steuerberaters ordnungsgemäß gestellt worden, aber das Geld lasse auf sich warten. „Wir haben 47 Tiere – Pferde, Ponys, Esel, ein Lama, Ziegen, Schweine und Kühe. Tiere, die wir zum Großteil vor dem Schlachthaus gerettet haben. Die genießen bei uns ein entspanntes Leben und werden nur manchmal zu leichten Dressurnummern bewegt. Aber in einer 47-köpfigen Familie ist eben auch immer einer krank und muss zum Arzt. Das ist kein Betrieb, den man einfach abschließen kann.“

Durch Zeltverleih, den Landauer Weihnachtszirkus, die im Sommer eröffnete Ponywelt und sein musikalisches Engagement sei er zwar sehr breit aufgestellt, habe jedoch durch die Schutzmaßnahmen faktisch Berufsverbot auf der ganzen Linie. „Die meisten der mehr als 250 Zirkusunternehmen in Deutschland haben noch nicht einmal ein Winterquartier, sondern stehen heute noch auf den Plätzen, auf denen sie Anfang 2020 das letzte Mal gastiert haben. Und dort sind sie lediglich geduldet“, ist Bossert froh, wenigstens ein eigenes Gelände für seine Tiere zur Verfügung zu haben und fragt zugleich: „Wo sind denn in diesen Tagen die Tierschützer, die immer wieder gegen den Zirkus protestieren? Jetzt, wo sie gebraucht werden, hört man von denen nichts.“

Die Lage habe sich so zugespitzt, dass man jetzt auf Spenden angewiesen sei, was man stets vermeiden wollte, meint der 58-Jährige. „Wir haben es immer aus eigener Kraft geschafft, nach einem Tiefschlag wieder auf die Beine zu kommen und haben unser Geld selbst verdient. Jetzt wären wir aber schlechte Zirkusdirektoren, wenn wir aus falschem Stolz keine Spenden annehmen würden und es deshalb den Tieren schlecht ginge.“

Das Dilemma: In der Bevölkerung sei offenbar die Meinung verbreitet, der Bossert’sche Betrieb sei finanziell abgesichert, da er Hilfen in Höhe von 75 Prozent des Vorjahresumsatzes bekommen habe. „Die Leute wissen nicht, dass wir nichts bekommen haben und in welcher aussichtslosen Lage wir sind.“

Dass sich gerade in Notzeiten zeigt, wer wahre Freunde sind, stellten jüngst die Mitglieder des Pfrimmtaltouristik-Vereines aus Breunigweiler unter Beweis. Sie sammelten Geld für Bossert, mit dem sie seit Jahren eine enge Freundschaft verbindet. „Es ist doch klar, dass wir hier helfen“, so der Vorsitzende Albert Koch beim Besuch in Niedersimten.

„Seit 40 Jahren will ich den Menschen Freude bereiten. Ich wünsche mir mehr Wertschätzung, Respekt und Gerechtigkeit vonseiten der Politik gegenüber Schaustellern, Gastronomen, Musikern, Veranstaltern und Zirkusleuten, die man jetzt fallen lässt. Seit 1936 gilt der Zirkus nicht mehr als Kulturgut – die gleiche Artistiknummer zählt, im Zirkus aufgeführt, nicht zur Kultur, aber in einer Festhalle schon. Wo ist der Unterschied zwischen gelehrigen Tieren in einem Reitstall und in einem Zirkus?“, fragt Bossert.

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