Pirmasens Interview: Wie der Pirmasenser Dekan die Corona-Krise deutet

Dekan Ralph Krieger (rechts) redet mit RHEINPFALZ-Redakteur Andreas Ganter über Gott und die Wlet.
Dekan Ralph Krieger (rechts) redet mit RHEINPFALZ-Redakteur Andreas Ganter über Gott und die Wlet.

Alle reden über das Coronavirus. Virologen sind omnipräsent. Politiker und Wirtschaftswissenschaftler verkünden ihren Standpunkt täglich in den Medien. Morgen ist Ostern. Da stellt sich die Frage: Haben Theologen keine Meinung zu dem Thema? Ein Gespräch mit dem protestantischen Dekan Ralph Krieger über Gott und die Welt.

Herr Dekan, reden wir über Gott und die Corona-Krise. Was hätte Jesus in der aktuellen Situation getan?
Jesus hätte gezeigt, dass die Liebe größer ist als die Angst. Das Wohl der Menschen wäre ihm wichtig gewesen.

Was heißt das konkret?
Jesus wäre wahrscheinlich für die Oma im dritten Stock einkaufen gegangen oder hätte mit Kindern ein Brettspiel gespielt, um so die Eltern zu entlasten. Vielleicht hätte er sich auch samstags auf den Exe gestellt und gepredigt. Er würde den Menschen Mut aufs Leben machen – und keine Angst.

Und was macht die protestantische Kirche? Die hat doch eigentlich das Selbstverständnis, politisch zu sein.
Ich habe das Gefühl, dass die Kirche im Moment eher abgetaucht ist. Zumindest bei der Interpretation der Krise ist ihre Stimme kaum zu hören. Von unseren Vordenkern kommt mir da zu wenig. Für mich stellt sich die Frage, ob die protestantische Kirche sich weiterhin in öffentliche Debatten einmischt oder nur noch im stillen Kämmerlein wirkt. Seelsorge ist sehr wichtig, aber wir müssen doch auch den Anspruch haben, das Leben aus christlicher Sicht zu deuten.

Wie deuten Sie als Theologe die Krise: Ist das Coronavirus vergleichbar mit der alttestamentarischen Heuschreckenplage?
Nein, auf keinen Fall. Das Virus ist keine Strafe Gottes. Das wäre ja ein furchtbarer, geradezu mittelalterlicher Denkansatz.

Aber was will Gott uns aus Ihrer Sicht damit sagen?
Wir haben ja gerade die Fastenzeit hinter uns. In diese Zeit passt die Herausforderung einer Pandemie gut.

Warum?
Wir Christen besinnen uns in der Vorbereitung auf Ostern. Dazu dient die Passionszeit. Das Coronavirus ist ein gewaltiger Ruf zur Umkehr. Alles, was uns bisher normal schien, ist fraglich. Bislang lebten wir nach dem Motto: Immer weiter, immer schneller, immer mehr.

Und nun?
Jetzt wird schlagartig klar, dass die Globalisierung und der pure Kapitalismus als Streben nach Gewinnmaximierung nicht nur Vorteile haben. Wir haben weite Teile unserer Produktion in ferne Länder ausgelagert und haben jetzt an verschiedenen Stellen, Probleme Nachschub zu bekommen. Ein Beispiel dafür sind die Mundschutzmasken, die momentan fehlen.

Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?
Gerade für uns Christen gilt, dass wir nun unser Verhalten überdenken sollten. Der postmoderne Allmachtswahn, dass wir uns die Welt so machen können, wie sie uns gefällt, hat sich in der Krise als falsch erwiesen. Wenn das kein Signal zur Besinnung und Umkehr ist, weiß ich es auch nicht.

Auf die Fastenzeit folgt Ostern. Christen glauben da an die Auferstehung Jesu. Irgendwann wird auch die Corona-Krise enden. Was kann die Gesellschaft daraus lernen?
Ich erlebe gerade, dass unsere Gesellschaft christliche Werte wie die Nächstenliebe wiederentdeckt. Das geschieht oft ganz unorganisiert. Umgekehrt erlebe ich, dass viele unserer Gremiensitzungen ausfallen, die sonst viel Zeit in Anspruch nehmen. Da stellt sich mir die Frage: Für wen machen wir das eigentlich? Ist das wirklich so notwendig? Aber letztlich habe ich natürlich nicht den Stein der Weisen. Die Krise lässt auch mich irritiert zurück.

Es gibt momentan viele Online-Angebote. Pfarrer feiern alleine Gottesdienst und übertragen das im Internet. Soll das der Normalfall werden?
Unsere Pfarrer berichten, dass die Angebote gut angenommen werden. Ich habe das Gefühl, dass wir momentan oft mehr Klicks bekommen, als sonst Besucher in die Gottesdienste kommen. Aber diese virtuelle Realität ersetzt kein reales Treffen. Gerade als Christen setzen wir auf den Austausch und die Gemeinschaft. Dafür braucht es auch den direkten Kontakt. Das bedeutet letztlich Lebensqualität.

Freuen Sie sich eigentlich auf Ostern?
Klar, allerdings muss ich gestehen, dass ich nicht genau weiß, wie ich damit umgehen soll, dass die ganzen vertrauten Rituale fehlen. Ich will den Fernsehgottesdienst anschauen und mitfeiern.