Musikgeschichte(n)
Ein One-Hit-Wonder und Serienstar singt im Wald
Das Festival Rock im Wald auf dem Erlenbrunner Sportplatz startete 1988 ganz bescheiden mit den regionalen Bands Fat Rat und Soul Bazar. Doch bereits im zweiten Jahr verdoppelte sich die Besucherzahl von 400 auf 800. Es spielten die Rodgau Monotones. Und wieder ein Jahr später waren es schon 2100, die den Auftritt von Pur erlebten. So ging es weiter Jahr für Jahr mit Acts wie Bob Geldof, Bap, Manfred Mann, Wolfgang Niedecken oder Peter Maffay. 1998 dann der Rückschlag. Das Festival kam nicht zustande, wurde, damit wenigstens irgendwas stattfindet, umdeklariert zu Christmas Rock und ging im Dezember in der Messehalle über die Bühne.
1999 dann der Neuanfang – auch musikalisch. Auf Wunsch des Pirmasenser Jugendamtes, das gemeinsam mit der RPR Promotion GmbH und dem Erlenbrunner Kulturverein Perspektive das Festival veranstaltete, sollte das Programm in diesem Jahr speziell auf Teenies zugeschnitten werden. Verdeutlicht wurde dies durch den Namenszusatz „Spezial“. Um aber die gestandenen Rockfans nicht zu enttäuschen, sollte es ein zweitägiges Festival werden mit einem zusätzlichen Tag für Rockmusik. Dass es letztlich aber doch wieder nur zu einem Abend reichte, habe, so der damalige Jugendamtsleiter Rainer Kuntz, daran gelegen, dass „es immer schwieriger werde, bezahlbare Rockacts zu verpflichten“.
Und so blieb es dann bei einem Programm aus aktuellen Chartstürmern, beginnend mit Key West, Jonas und Christian Wunderlich. Es folgten Down Low, Judith, Captain Jack, Lou Bega und E17. Zum Finale spielte die Band Echt. Eine Zusammenstellung, die tatsächlich für den erhofften Zuspruch gerade beim jüngeren Publikum sorgte. So waren bereits einen Monat vor dem Festival rund 1000 Karten verkauft. „Mit 3000 wären wir am Ende froh“, nannte Thomas Thinnes, der Produktmanager von RTL, die Zielvorgabe. Dass es am Ende sogar rund 4500 Besucher wurden, stimmte die Veranstalter also mehr als zufrieden.
30 Minuten für Judith
Zu den jungen Stars, die im Laufe des langen Konzertabends auftraten, gehörte die damals 22-jährige Judith Hildebrandt, die als Judith mit dem gleichnamigen Album und der daraus ausgekoppelten Single „We Gonna Stay Together“ auf dem Weg war, die deutschen Charts zu erobern.
Ganze 30 Minuten dauerte Judiths Auftritt in Erlenbrunn – von 19.30 bis 20 Uhr. Gerade einmal Zeit genug, einige Kostproben ihres Könnens zu geben. Und doch war es nicht die kürzeste Darbietung an diesem Abend. Jonas und Christian Wunderlich durften nur jeweils zehn Minuten auf die Bühne, Captain Jack auch nur 25.
Und weil Judith nun mal mit „We Gonna Stay Together“ gerade in den Charts stand, sang sie den Song gleich zweimal. Sie erinnerte stilistisch etwas an Amanda Marshall, die drei Jahre zuvor bei Rock im Wald zu hören war, und daran, dass die Veranstaltung im Erlenbrunner Forst eigentlich einmal ein Rock-Festival war. Und mit „Killing Me Softly“ zeigte die junge Sängerin – ganz alleine ohne stützendes Playback – dass sie durchaus stimmliches Potenzial zu bieten hat, auch wenn sie das Original von Roberta Flack und die sehr erfolgreiche Fugees-Version nicht toppen konnte. Auch Judiths weitere Titel „Celebrate Youth“ von Rick Springfield und der 60er-Jahre-Hit „If Paradise Is Half As Nice“ – beide in einem neuen musikalischen Gewand – „lassen noch viel von der jungen Sängerin erhoffen“, prophezeite damals der Rezensent der RHEINPFALZ.
Und was sich Judith Hildebrandt 1999 selbst für ihre Zukunft gewünscht hat, hatte sie damals vor dem Konzert in einem Interview verraten: „Ich wünsche mir die Vereinigung meiner ganzen Lieben wie Musik, Schauspielerei, Singen und das Schreiben. Aber in erster Linie wünsche ich mir, nie darüber nachzudenken, dass ich erfolgreich sein will, sondern dass ich mit allem zufrieden bin, was Gott mir gibt. Wenn ich das erreiche und erhalte, dann bin ich glücklich, und dann kann kommen was will.“
Das One-Hit-Wonder
Heute, 22 Jahre nach Judiths Auftritt bei Rock im Wald, wissen wir, dass aus der großen musikalischen Karriere nicht sehr viel geworden ist. Der Song „We Gonna Stay Together“ hielt sich zwischen März und November 1999 elf Wochen in den deutschen Charts und schaffte es bis auf Platz 13. Das Album „Judith“ stand im Oktober eine Woche in den Charts auf Platz 94. Es sollten bis heute Judith Hildebrandts einzigen Chartplatzierungen bleiben.
Nach ihrem Debütalbum hat Judith Hildebrandt mit „Thank You“ im Jahr 2003 und „Ganz nah“ 2011 noch zwei weitere Alben veröffentlicht. Dazu kam 2002 mit „Vom Geist der Weihnacht“ ein Musicalalbum. Und mit anderen namhaften Künstlern ist sie auch auf dem Soundtrack von Disneys „Atlantis“ mit dem Titel „Here I Am“ von Leslie Mandoki vertreten. Bis 2014 erschienen unregelmäßig auch immer wieder einige Singles – den Weg in die Top-100 noch einmal einzuschlagen, blieb ihr allerdings verwehrt.
Dass sie sich mit der musikalischen Karriere nicht auf den erhofften Höhenflug begeben konnte, dürfte Judith Hildebrandt nicht grämen, hat sie doch so viele Talente, die ihr bis heute im Showgeschäft ein Auskommen sichern. Schon als sie 1999 in Pirmasens aufgetreten ist, war sie gut im Geschäft. „Ich habe kaum Freizeit, hatte seit drei Jahren keinen Urlaub“, erzählte die damals 22-Jährige. „Wenn ich Glück habe, kriege ich im November eine Woche frei.“
Auf der Bühne und im Film
Bekannt wurde Judith Hildebrandt 1994 als 17-Jährige durch die erste interaktive Gameshow „Hugo“ auf Kabel 1, in der sie drei Jahre im Sendezentrum ihrer Heimatstadt München eine der Hauptmoderatorinnen war. Sie gehörte zu den ersten, die sich stark für die Aids-Hilfe engagierten und moderierte zahlreiche Benefitsveranstaltungen zu diesem Thema. Es folgten Moderationen für MTV, Viva, Bravo TV, die Goldene Europa in der ARD, diverse Galas und Modenshows. In Talkshows wie Harald Schmidt, Johannes B. Kerner, NDR-Talkshow, „Riverboat“ und diversen Unterhaltungsformaten wie „Die Pyramide“, „Dalli Dalli“, „Das unglaubliche Quiz der Tiere“ oder „Das Star Quiz“ war sie stets ein gern gesehener Gast.
Bereits 1986 drehte Hildebrandt als Neunjährige für das ZDF ihren ersten Film: „Teddys Weihnachtsträume“. 1997 vertiefte sie ihre Schauspielkarriere bei der ARD-Serie „Marienhof“, in der sie bis Ende 1999 die Tinka Kuzcinski darstellte. Zudem war sie ein Jahr als Kim Krause bei der RTL-Serie „Hinter Gittern – der Frauenknast“ vertreten und drehte von 2005 bis 2012 insgesamt 1171 Folgen der ARD-Serie „Sturm der Liebe“ in der Rolle des Zimmermädchens Tanja Liebertz/Heinemann. Zudem sah man sie in erfolgreichen Utta Danella-Verfilmungen wie „Wenn Träume fliegen“ oder „Traum ihres Lebens“, in Erfolgsformaten wie „Soko 5113“ als auch „Küstenwache“ und den Kinofilmen „Little Paris“ oder „Sams im Glück“.
Desweiteren verkörperte Hildebrandt 2001 den Engel in der Urbesetzung des Musicals „Vom Geist der Weihnacht“ in Oberhausen, ein weiteres Mal 2002 in München und 2003 im Theater des Westens Berlin und dem Musical Dome Köln. Ihre erste Hauptrolle in einem Musical spielte sie bereits 1996 in „School“, basierend auf dem Roman „Die Welle“. In Shakespeares „Was ihr wollt“ übernahm sie bei den Sommerfestspielen Laufen die Rolle der Lachmarie.
Mit ihrer markanten Stimme nahm Judith Hildebrandt Werbejingles sowie diverse Gedichtbände auf und fungierte als Sprecherin für einen Dokumentarfilm. Ihre Leidenschaft liegt in Hörspielen.
Auf Tournee war Judith Hildebrandt in den vergangenen Jahren regelmäßig mit den Theaterspielen Fürth. So war sie unter anderem 2017 mit der Komödie „Ausgerechnet Mallorca“ unterwegs und im vergangenen Jahr mit der musikalischen Komödie „Avanti! Avanti!“.
Derzeit arbeitet sie nach eigenem Bekunden „an kulturellen Konzepten und Projekten in der Schweiz“.