Interview
Warum braucht Neustadt die Auszeichnung „Stadtgrün naturnah?“
Frau Blarr, Neustadt engagiert sich in Sachen Stadtgrün. Warum, denn eigentlich ist mit dem Pfälzerwald und den Weinbergen doch ausreichend Naturfläche vorhanden?
Hinter dem Label, das wir nun zum zweiten Mal bekommen haben, steht ein Verein. Dieser setzt sich seit über zehn Jahren für mehr Biodiversität in Kommunen ein. Das unterstützen wir und sind deshalb – wie 376 weitere Städte in Deutschland – Mitglied bei „Kommbio“ geworden. Es geht darum, den Verlust der Artenvielfalt, der durch die Intensivierung der Landwirtschaft und die anhaltende Flächenversiegelung verursacht wird, ein Stück weit innerhalb der Kommunen zu kompensieren. Was eine intensive großflächige Landwirtschaft angeht, sind wir zwar weniger betroffen, weil unsere landwirtschaftlichen Strukturen eher kleinteilig sind und viele Betriebe schon nachhaltig wirtschaften. Die Flächenversiegelung betrifft aber auch uns. Deshalb wollen wir mit „Stadtgrün“ Bereiche schaffen, in denen sich Natur weitgehend natürlich entwickeln kann.
Also ist diese Auszeichnung ein Puzzleteil bei allen Bemühungen rund um Nachhaltigkeit und Klimaschutz?
Ja, und die Zertifizierung ist wichtig, weil man genau aufgezeigt bekommt, wo man steht. Wir sind zweimal in der Silberkategorie gelandet, aber in Einzelergebnissen haben wir uns verbessert, das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Wir werden engagiert weiter arbeiten und streben beim nächsten Mal Gold an. Damit könnten wir auch ein Jahr vor unserer Landesgartenschau ein tolles Zeichen setzen. Für den Moment freuen wir uns einfach nur, dass uns „gute Leistungen zur Förderung der biologischen Vielfalt bei der Pflege und Unterhaltung der kommunalen Grünflächen“ bescheinigt werden.
Woran ist das denn im Arbeitsalltag zu erkennen?
Ganz entscheidend ist aus meiner Sicht das dezernats- und abteilungsübergreifende Zusammenarbeiten in unserer Arbeitsgruppe Stadtgrün und dass sich dadurch bei den Kollegen und Kolleginnen ein Bewusstsein dafür entwickelt hat, wie die Themen Grünflächengestaltung und -pflege mit der Artenvielfalt zusammenhängen. In unserer Arbeitsgruppe sind die Abteilungen Grünflächen, Umwelt, Sport, Tiefbau, Bauhof und die WBG vertreten. Elementar sind auch unsere geplanten Fortbildungen für alle in der Grünflächenpflege tätigen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Denn die Biodiversitätsschonung ist eine hohe Kunst. Dazu muss man wissen, welche Geräte man wo einsetzen und welche Folgen deren Einsatz haben kann. Nur so kann man die dort lebenden Arten schonen. Und es geht auch darum, schädigende Pflegepraktiken zu vermeiden – dazu zählt etwa der Verzicht auf Torf. Das Problem ist dabei nicht der Torf an sich, sondern der Abbau. Er zerstört unsere Moore, die wir schützen müssen, weil sie fürs Klima so extrem wichtig sind.
Was ist denn so komplex?
Die angesprochenen Geräte beispielsweise müssen wir erst beschaffen, weil sie bei einem Bauhof nicht automatisch vorhanden sind. Und es muss ein Umdenken beim Mähen einsetzen. Beispiel Grünzug Böbig und Renaturierung Speyerbach: Dort mähen wir nur noch zwei- bis dreimal im Jahr. Außerdem lassen die Kollegen Blühinseln stehen. So ermöglichen wir es den Pflanzen, Samen auszubilden, die im nächsten Jahr wieder keimen können. Für die Bürger ist das anfangs gewöhnungsbedürftig, weil manche denken, man habe etwas vergessen oder es sei nicht ordentlich genug. Daher müssen wir immer wieder erklären, was wir machen und warum wir es tun. Bewertet wird auch, wie groß die innerstädtischen Grünflächen sind; wichtig ist aber vor allem, wie sie bewirtschaftet werden. Für den Erfolg einer Pflanzung und die Steigerung der Biodiversität ist es elementar, dass bei der Nachsaat Regio-Saatgut verwendet wird, das an den Standort angepasst ist oder einheimische Stauden verwendet werden, die wesentlich robuster sind.
Zählen zum Stadtgrün auch die Verkehrskreisel und Sommerflorflächen, um die sich das Grünflächenamt kümmert?
Ja, die sind auch Bestandteil. Dass diese Bepflanzungen sich je nach Jahreszeit verändern, freut viele Bürger. Aber ich denke, dass wir auch dort umdenken müssen. Ein gutes Vorbild ist für mich der Hornbach-Kreisel, der privat gepflegt wird. Dort wurde auf eine Blühmischung gesetzt, die farbenfroh blüht und dauerhaft bleibt. Das ist wichtig im Sinne der Nachhaltigkeit und der Artenvielfalt, weil sich die Fläche in Ruhe entwickeln kann. All diese Ansätze haben wir in unserer Biodiversitätsstrategie zusammengetragen, die wir im November dem Stadtrat zur Entscheidung vorlegen möchten. Anschließend wollen wir eine vom Bundesamt für Naturschutz geförderte Stelle für einen Biodiversitätsmanager schaffen. Dieser Mitarbeiter/diese Mitarbeiterin soll vor allem in der Öffentlichkeitsarbeit und der Entwicklung unserer Eh-da-Flächen tätig werden und möglichst viele Bürger erreichen und für unsere Anliegen begeistern.
Und klappt es, dass Sie andere mitnehmen?
Ja, für unsere Bemühungen in Zusammenarbeit mit Bürgern und Vereinen haben wir sogar eine Goldbewertung bekommen. Es wurde als sehr beachtlich eingestuft, was Naturschutzverbände wie beispielsweise BUND, Nabu, Pollichia oder die Waldschatten, aber auch Privatpersonen gemeinsam mit uns auf die Beine stellen. Ein Beispiel sind unsere Kooperationen im Naturschutz wie das mehrfach prämierte Wasserprojekt des Nabu in Geinsheim, Hilfe bei Pflanzaktionen, der Weidendom in der Wallgasse oder unsere Hochbeete, von denen der BUND aktuell fünf weitere an der Berufsbildenden Schule aufstellen will. Das sind alles kleine Beiträge, die aber in der Summe viel bewirken. Mittelfristig möchten wir auch das Thema Biodiversität auf Friedhöfen angehen. Die Bürger wünschen sich dort alles schön gepflegt und dass es bleibt, wie es jetzt ist. Aber Friedhöfe bieten ein hohes Potenzial für die Artenvielfalt und auch eine etwas wildere Grünfläche oder ein Naturgarten können ästhetisch schön sein.
Spielen die heimischen Gärten und somit die Bürger auch eine Rolle?
Ja, natürlich. Sie sprechen wir direkt an. Die Gartenakademie am DLR, mit der wir in unserer Arbeitsgruppe auch zusammenarbeiten, bietet eine Vielzahl an Anregungen für eine naturnahe Gartengestaltung. Wir wollen in Kürze über die städtische Homepage auch konkrete Tipps für klimagerechte Gärten präsentieren, ein Thema das immer wichtiger wird. Die Stadtklimaanalyse hat zudem eindrücklich aufgezeigt, dass jede noch so kleine Grüninsel einen Beitrag für ein kühleres Stadtklima leistet und Tieren Heimat bietet. Daher ist es wichtig und richtig, dass wir in allen künftigen Bebauungsplänen Schottergärten verbieten. Als nächstes planen wir eine Begrünungssatzung. Mit dieser wollen wir genau festlegen, welche Flächen rund um Wohnhäuser gärtnerisch gestaltet werden sollen. Im Rahmen von Kipki wird es ab dem nächstem Jahr Förderprogramme für Bürger geben, damit Gärten entsiegelt oder Fassaden begrünt werden können. Auch wenn ein Garten ein Mindestmaß an Arbeit macht, brauchen wir Grünflächen, denn sie erhöhen die Lebensqualität für alle. Wenn wir uns vom top gepflegten Garten verabschieden, lässt sich mit einem geringen Aufwand viel für die Artenvielfalt bewirken. Wichtig ist, dass es grün ist und blüht.
Info
Neustadt ist eine von 14 Kommunen in Deutschland, die nach 2023 zum zweiten Mal mit dem Label „Stadtgrün naturnah“ ausgezeichnet worden sind. Mit dem Label „Stadtgrün naturnah“ honoriert das Bündnis „Kommunen für biologische Vielfalt“, das 2012 gegründet wurde, das Engagement von Städten und Gemeinden für ein ökologisches Grünflächenmanagement. Das Label gilt bis 2026, dann kann sich Neustadt erneut zertifizieren lassen. Umweltdezernentin Waltraud Blarr ist Diplom-Ingenieurin für Landespflege und seit 2022 bundesweite Vorsitzende des Bündnisses „Kommunen für biologische Vielfalt“.