Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Schnäppchen mit Historie: Künstler erwirbt seltene Grafik über Ebay

Diese seltene Radierung, die den Pfalzgrafen Johann Casimir aufgebahrt in seinem Sarg zeigt, hat Gerhard Hofmann übers Internet
Diese seltene Radierung, die den Pfalzgrafen Johann Casimir aufgebahrt in seinem Sarg zeigt, hat Gerhard Hofmann übers Internet erworben und mittlerweile allerlei spannende Hintergrund-Infos dazu recherchiert.

Corona-Masken, Notebooks, Golf-Trainingshilfen oder Lego-Packungen – das sind die Dinge, die bekanntermaßen in großer Zahl über Ebay verkauft werden. Der Neustadter Künstler Gerhard Hofmann hat nun unlängst aber eine sehr seltene historische Grafik mit direktem Bezug zur Pfälzer Geschichte an Land gezogen.

„Ein Zufall“, sei dieser Erwerb gewesen, schmunzelt der Neustadter Grafik-Experte und packt das Blatt vorsichtig aus. „Ich kannte es, weil es in einem kleinen Heft über das Neustadter Heimatmuseum aus dem Jahr 1915 erwähnt ist.“ Dort wird neben anderen Bildnissen aus dem Wittelsbacher Fürstenhaus eine heute weder in Archiv noch Museum noch auffindbare Darstellung des Pfalzgrafen Johann Casimir im Sarge beschrieben. Daraufhin habe er gezielt im Internet gesucht, berichtet Hofmann, und sei tatsächlich bei einem Pforzheimer Antiquariat auf der Plattform Ebay fündig geworden – ein absoluter Glücksfall, denn die unmittelbar nach Johann Casimirs Tod im Jahr 1592 entstandene Radierung ist eine große Rarität. Der Neustadter konnte bislang bei seinen Recherchen weitere Exemplare nur in der Bayerischen Nationalbibliothek in München, im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg und in der Sächsischen Landesbibliothek Dresden ermitteln.

Die Neugier der Zeitgenossen war groß – und wurde mit Stichen wie diesen befriedigt

Beigegeben war die 29,4 x 20 Zentimeter große Illustration ursprünglich einer kleinen Schrift mit dem Titel „Ware / Beschreibung / Von dem tödtlichen Abgang und Begrebnufs / des Durchleuchtigfsten hochgebornen Fürsten und herrn Johann Casimiri / Pfaltzgraffen bey Rhein /...“ In dieser werden auf zehn Seiten die Umstände des Todes Johann Casimirs „Denn 6. Tag Jenners dieses lauffenden 1592. Jars / Welchen man den H. Dreykönigen Tag nennet“ und der Bestattung einige Wochen (!) später beschrieben. So erklären sich auch die kleinen Ziffern im Bild, die sich auf Erläuterungen im Textteil beziehen. Dieser hat sich in München erhalten, Hofmanns Blatt dagegen ist solo.

Die Radierung zeigt den aufgebahrten, toten Pfalzgrafen. Eine Inschrift in einer Kartusche auf dem Sargdeckel verkündet: „Mit diesem habit ist der D.H.F. und H. Herr Iohann Casimir, Pfaltzgraff den 26 Ianuarij in heidelberg zum H. geist Zur Erden Bestadttet worden Ao. 1592.“ Darüber ist der Renaissance-Fürst im offenen Sarg dargestellt, ein Blumensträußchen in den über der Brust gekreuzten Händen, die Insignien seiner vergangenen weltlichen Macht, darunter den Reichsapfel, in den Armen. Hinter ihm ist in einem Fensterausschnitt der Leichenzug zu erkennen. Den Vordergrund beherrschen zwei ritterliche Wappenhalter. Das Wappen selbst weist Johann Casimir als Träger des vom englischen Königshaus verliehenen Hosenbandordens aus und zitiert auch dessen Maxime („HONI-SOITQVI-MALI-PENSE“). Ein Zusatz unter dem Wappen verweist auf den Sterbetag („Vnd den 6. ..emeltes monets alda ver..schiden“).

Die Lunge schwarz, die Leber dick – man schaute beim toten Fürsten genau hin

Zeichner und Radierer sind unbekannt. Allerdings existiert, wie Hofmann recherchiert hat, ein 1596 entstandenes, ganz ähnliches Motiv mit dem toten Landgrafen Georg I. von Hessen, und dieses stammt laut Signatur von dem Frankfurter Maler, Zeichner und Radierer Philipp Uffenbach. Den Bezug zwischen beiden Grafiken hat erstmals 2015 die Kunsthistorikerin Ursula Opitz hergestellt. Sie verweist aber auch auf die deutlichen Qualitätsunterschiede zwischen beiden Stichen. Tatsächlich hatte der Schöpfer des Johann-Casimir-Blatts erkennbar Probleme mit der Perspektive. Auch die Strichführung ist eher roh und ungeschickt. Für Gerhard Hofmann handelt es sich hier deshalb um typische Gebrauchsgrafik der Zeit. Das Germanische Nationalmuseum schreibe das Blatt in seinem Besitz in einer Art Kurzschluss-Deduktion trotzdem inzwischen Philipp Uffenbach zu, berichtet Hofmann.

Der Neustadter Künstler sieht die Grafik aber ohnehin eher als historisches denn als kunsthistorisches Zeugnis. Das gilt natürlich sowieso für die zugehörige Schrift, auf deren Spur Hofmann durch eine einfache „Google Books“-Recherche gekommen ist. Ursula Opitz kannte diesen Zusammenhang noch nicht. Mit großer Detailfreude schildert die zum Beispiel die Obduktion des Pfalzgrafen – man wollte offenbar eine unnatürliche Todesursache ausschließen. Dabei zeigten sich einige für einen sinnenfrohen Renaissance-Fürsten wohl typische Organschäden, aber in der Summe kamen die zuständigen Mediziner zu dem Schluss, „das der Natürlich todt bey I. F. G. nicht wol lenger hette ausbleiben können“.

Kunst, um dem Toten noch einmal ins Antlitz schauen zu können?

Unter den in der Schrift genannten Trauergästen war übrigens auch besagter Landgraf Georg von Hessen. Ursula Opitz stellt Überlegungen an, dass bei dessen Begräbnis vier Jahre später eventuell das Sarg-Bildnis von Uffenbach auf dem Sarkophag angebracht worden sein könnte – denn auch hier lagen einige Wochen zwischen Todeszeitpunkt und Bestattung, schließlich mussten viele der Trauergäste von weit her anreisen. Gut denkbar, dass sich die Leiche da bereits nicht mehr in einem präsentablen Zustand befand und das Bildnis gewissermaßen zum Abschiednehmen für die Trauernden diente.

Ob es bei Johann Casimir in Heidelberg ein ähnliches Prozedere gab, ist nicht klar. Die Schrift erwähnt es nicht, und er starb schließlich im Winter. Aber einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Hessen und dem Pfälzer gibt es ohnehin: Während sich Georgs Grabmal in der Fürstengruft in Darmstadt erhalten hat, wurde jenes des „Jägers aus Kurpfalz“ im Erbfolgekrieg 1693 durch französische Truppen zerstört.

Eingestellt war der Stich bei Ebay für schlappe fünf Euro

Für Neustadt hat Johann Casimir, seit 1559 Landesherr von Pfalz-Lautern und von 1583 an als Vormund für seinen Neffen Friedrich IV. Administrator der Kurpfalz mit der De-facto-Kompetenz eines Kurfürsten, eine besondere Bedeutung. Das Gedenken an ihn lebt bis heute fort im „Casimirianum“, aber auch die Errichtung des Alten Rathauses an der Ecke Haupt-/Kellereistraße und des Schießhauses am Viehberg fallen, worauf Gerhard Hofmann verweist, in seine Zeit. Umso mehr freut sich der Künstler, dass er das Toten-Blatt nun seiner ohnehin schon sehr ansehnlichen Sammlung an Grafiken zur Neustadter Geschichte hinzufügen kann. Den Wert kann man dabei im Grunde nicht wirklich taxieren, weil sich die historische Bedeutung hier mit den Usancen des Marktes verquickt. Ein ähnlicher Stich sei jedenfalls unlängst beim Auktionshaus Bassenge in Berlin für 700 Euro weggegangen. Hofmann hat deutlich weniger bezahlt. Eingestellt hatte das Antiquariat die Radierung bei Ebay mit dem Mindestgebot „fünf Euro“. Für Hofmann ist dieser Kauf nicht nur deshalb ein schlagkräftiger Beweis für die Segnungen des Internets: „Um dieses Blatt zu finden, hätte ich vor 30 Jahren durch ganz Deutschland touren müssen“, lacht er.

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