Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Operettenabend im Café Mandelring: Charmanter Betrug

Veranstalterin Petra Weber-Schuwerack (rechts) im angeregten Austausch mit einer Besucherin.
Veranstalterin Petra Weber-Schuwerack (rechts) im angeregten Austausch mit einer Besucherin.

Alles Kitsch, alles nur Lug und Trug, ein einziger gigantischer Betrug? Allen Klischees zum Trotz: Bestens besucht war die Haardter Operettensoirée, zu der die Mezzosopranistin Petra Weber-Schuwerack ins Café Mandelring eingeladen hatte.

Am Ende des über dreistündigen Schlagerreigens war sich das rundum begeisterte Publikum einig: Es gibt wohl kaum ein anderes musikalisches Genre, bei dem man so charmant betrogen wird. „Unsere Leidenschaft brennt heißer noch als Gulaschsaft“, lautete denn auch das von der hochkarätig besetzten sechsköpfigen Gesangstruppe mitreißend umgesetzte Konzertmotto.

Von der musikalischen Welthauptstadt Wien über Berlin und Paris, der Stadt der Liebe, ging die Reise. Da jagt ein Ohrwurm den anderen: „Das ist die Berliner Luft“, „Schenk mit doch ein kleines bisschen Liebe“, „Lippen schweigen“ – wer kennt sie nicht, die Evergreens unserer Großväter und Urgroßväter. Sie schwingen wie die Songs der Beatles bis zum heutigen Tag in unseren Köpfen und animieren das Publikum im wunderbar nostalgischen Fin-de-Siècle-Salonambiente zum Mitsummen und Mitklatschen. „Annett, Babett, Dolo, Lorett, Lisett, Lolo, und geht’s ans Kosen, Küssen, mit allen diesen Süßen“, singt Felix Boege mit urgewaltiger Bass-Bariton-Stimme. Normalerweise ist die Operette nicht sein Zuhause, gesteht Petra Weber-Schuwerack ganz am Rande. Davon spürt das Publikum wenig und es ist, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht, als den selbstgefälligen Casanova und Macho zu mimen.

Mit Witz und Charme

Felix Boede kann alles, „nur küssen kann ich nicht alleine“, gibt er zu, auch wenn seine Rechnung nicht immer aufgeht. „Ach, ich hab’ sie ja nur auf die Schulter geküsst, hier hab’ ich den Schlag gespürt, mit dem Fächer ins Gesicht.“ Mehr Erfolg bei den Frauen verbucht der sowohl stimmlich als auch darstellerisch – vor allem in Sachen Humor – ebenbürtig auftrumpfende Tenor Daniel Böhm vom Pfalztheater Kaiserslautern. Er und Petra Weber-Schuwerack bilden das Dream-Team des Abends, dessen ungeachtet er sich zwischendurch anderen Damen zuwendet und mit Witz, Charme und Temperament immer wieder seine Qualitäten als Verführer zum Besten gibt.

Auch der aus China stammende Tenor Yan Liu scheint es mit der Treue nicht so genau zu nehmen: „Ich gesteh’ es ohne Scham: Niemals werd’ ich monogam“, lässt Emmerich Kálmánn in seiner „Csárdásfürstin“ verlauten. Gleiches Recht für beide Geschlechter, da macht die Operette jenseits aktueller Gender- und LGBTQ-Diskurse keine Ausnahme, etwa wenn Petra Weber-Schuwerack – und an dieser Stelle möge ihr Ehemann und Conferencier Franz Schuwerack weghören – sich fragt „Was hat eine Frau von der Treu?“ und dabei einen Auszug aus der fast in Vergessenheit geratenen Operette „Ball in Savoy“ von Paul Abraham zitiert.

Höhensicherer Koloratursopran

Mit Daniel Böhm und Isabel Delamarre verbindet Petra Weber-Schuwerack eine langjährige Zusammenarbeit. Mit ihrem absolut höhensicheren und herrlich beweglichen Koloratursopran brilliert die in Neustadt beheimatete Sängerin unter anderem mit dem Millöcker-Couplet „Ach, wir armen Primadonnen“ aus der Operette „Der arme Jonathan“. Zu den Überraschungen des Abends zählte unter anderem Yan Liu, der sich im Verlauf des Abends stimmlich mehr und mehr steigerte und mit dem Robert-Stolz-Hit „Ob blond, ob braun, ich liebe alle Fraun“ vor allem die Damenherzen im Saal eroberte.

Von Berlin nach Paris: Dass Lehárs „Lustige Witwe“ die meistgespielte Operette der Musikgeschichte ist und in Paris spielt, erklärt Franz Schuwerack in blumigen Worten, wie überhaupt seine charmanten und gewitzten Moderationen das Salz in der Suppe bildeten. Gleich sechs Nummern daraus servieren Petra Weber-Schuwerack und ihr Gesangsteam in wechselnden Besetzungen, darunter das glanzvoll mit Isabel Delemarre in Szene gesetzte berühmte „Grisettenlied“ und als absoluter Höhepunkt das „Lied vom dummen Reiter“ als Paradestück des musikalischen Slapsticks im Duett mit Daniel Böhm.

Strahlendes Publikum

„Tausend kleine Engel singen, hab euch lieb“ und „Nimm Zigeuner deine Geige“ aus der „Czárdásfürstin“ gab’s als romantisches Betthupferl für den Nachhauseweg. Fröhlich, gemischt mit ein klein wenig Weltschmerz, verabschiedete sich das Ensemble von seinem glücklich strahlenden Publikum. Nicht zu vergessen: Hut ab vor der Pianistin Anna Anstettt, die einen beispiellosen Klaviermarathon souverän meisterte und dabei nicht nur als einfühlsame Begleiterin überzeugte, sondern darüber hinaus auch wertvolle eigene musikalische Impulse setzte.

Yan Liu (Tenor), Felix Boege (Bassbariton), Isabel Delamarre (Sopran) und Daniel Böhm (Tenor, von links) lieferten auch eine Tän
Yan Liu (Tenor), Felix Boege (Bassbariton), Isabel Delamarre (Sopran) und Daniel Böhm (Tenor, von links) lieferten auch eine Tänzchen ab.
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