Neustadt Hinter Großem steckt oft Banales

Neustadt. Traumdeutung und Traumnovelle, „Sacre du Printemps“ und erste Skizzen zum Zauberberg – selten waren sich große kulturelle Ereignisse näher als in Florian Illies’ „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“. In diesem entscheidenden Jahr lässt der Autor große Ereignisse und flüchtige Begebenheiten aufeinanderprallen.

Florian Illies hat die kulturelle Szene im Jahr 1913 gründlich studiert, hat Briefe und Tagebuchaufzeichnungen, Chroniken und Sekundärliteratur gelesen, um Einblicke in Leben und Schaffen der wichtigen europäischen Künstler zu erhalten. Wie in einem Episodenfilm tauchen immer wieder bekannte und berühmte Figuren der Kulturgeschichte auf, deren Einzelgeschichte Illies Monat für Monat 1913 in einen großen Zeitenstrom führt. Längst nicht nur sind es Fakten, die der Autor ins Felde führt, er gibt ihnen auch ein lebendiges Gesicht dadurch, dass er fiktional weiterschriebt, wenn sich die Chronik ausschweigt. Dabei zeigt sich Illies als großer Romancier zwischen den Zeilen. Gerne spinnt er aus, ohne romantisch kitschig zu werden: die vielen Liebesverhältnisse zwischen den Künstlern etwa. Alma Mahler und Oskar Kokoschka, wo es leidenschaftlich zuging, Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler, das gleichfalls nicht von Dauer war. Die vielfältigen Verschlingungen, welche das Jahr 1913 prägen, beleuchtet Illies, zeigt Paralellen auf, die vom Privaten in die große Weltpolitik reichen, deutet Verflechtungen an, die in einzelnen Künsten ebenso greifen wie in deren Wechselwirkungen. Dabei belichtet er die kleinen Tragödien, die Überspanntheit jener Zeit, die sich in der großen Weltkatastrophe entladen wird. Die Sexualität, die hier in allen Varianten ausgelebt wird, kommt in zahlreichen prominenten Einzelfällen zur Sprache und ebenso auch Siegmund Freud, der große Deuter dieser Träume und sexuellen Begehren. Die revolutionären Künste lässt Illies Revue passieren, die kühnen Klänge von Strawinsky, die neutönerische Welt von Schönberg, die beide für handfeste Publikums-Skandale sorgten. Illies ist ein Beobachter und Deuter, ein profunder Kenner der Szene. Ein weites Panorama der Kulturszene wird lebendig in diesem Buch. Illies bringt immer wieder zur Sprache, dass auch die Großen der Kulturgeschichte keine Götter waren, sondern letztlich Menschen mit ihren je eigenen Marotten, die in der Künstlerszene eben besonders ausgeprägt sind. Monat für Monat lässt er die kleinen und größeren Dramen Revue passieren, welche die Dichter, Maler, Architekten, Musiker in den Metropolen ereilten. Dass es ein Jahr vor Kriegsbeginn schon brodelt in der Weltgeschichte, dafür schienen die Künstler ein feines Sensorium zu haben und reagierten entsprechend empfindlich. Künstlerbünde wurden aufgelöst, auf Neutönerisches in der Musik war die Reaktion besonders heftig, was in Publikumstumulten und geohrfeigten Komponisten ein Ventil fand. Strawinsky und Schönberg konnten ein Lied davon singen. Illies rückt seinen Künstlern sehr nahe und holt sie so vom Sockel der Unnahbarkeit. Er bringt die Menschen in den Künstlern nahe. Und nicht selten wird deutlich, dass oft banale Dinge hinter Großem stehen.

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